Dorothee Schumacher über 40 Jahre „Musik aus Dresden“: „Ich habe ganz blauäugig zugesagt“
Sie ist eine Kulturmanagerin par excellence, für ihr Jahrzehnte langes ehrenamtliches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet: Dorothee Schumacher – Kopf und Herz von „Musik aus Dresden“. Die Konzertreihe in Birkenfeld, die nach über 40 Jahren zu Ende geht. Denn ein Nachfolger für Dorothee Schumacher ist nicht in Sicht.
PZ: Am 19. Juni findet das „Abschiedskonzert“ statt: Abschied von 40 Jahren „Musik aus Dresden“ und Abschied von Star-Trompeter Ludwig Güttler. Wie fühlt sich das an?
Dorothee Schumacher: Nur ein klein wenig wehmütig. Güttler ist ja gerade auch auf Abschiedstournee. Er hat unsere Konzertreihe geprägt, kommt seit 1981 nach Birkenfeld. Ich hatte, als ich die Konzertorganisation übernahm, einen Heidenrespekt vor ihm. Er war ja ein internationaler Star. Wir haben seit Jahren ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis. Ich bin sicher, ich werde auch weiterhin mit ihm und vielen anderen Künstlern unserer Reihe in Verbindung bleiben
Was wird Ihnen fehlen?
Vor allem die Gespräche mit den Künstlern und den Besuchern nach den Konzerten werde ich vermissen. Wenn ich gekocht hatte für die Musiker und wir noch zusammensaßen, haben wir – manchmal bis in die frühen Morgenstunden – über Gott und die Welt geredet.
Wie haben Sie die vielen Übernachtungen gemanagt?
Bis vor etwa fünf Jahren waren die meisten Künstler bei uns untergebracht. Große Ensembles dann in ganz Birkenfeld. Angefangen beim Thomanerchor bis zum Kreuz- und Kammerchor. Alle haben privat gewohnt. Ich bin sehr dankbar, dass immer so viele Menschen dazu bereit waren. Aber auch die haben immer gesagt: Es war eine Bereicherung. Wenn im Juni die Ferien in Sachsen begonnen haben, gab es oft hier ein Konzert. Die Künstler blieben dann eine Weile bei uns, ehe sie in Urlaub weitergefahren sind. Kurt Sandau, damals erster Trompeter der Dresdner Staatskapelle, hat seinen Wohnwagen in unseren Garten gestellt und mit seiner ganzen Familie Ausflüge unternommen.
Mit welchen Künstlern sind sie besonders verbunden?
Mit der Sängerin Elisabeth Wilke verbindet mich eine enge Freundschaft: Wir waren bei ihrer Hochzeit und vielen Geburtstagen eingeladen, sie war bei der Hochzeit unserer Tochter und bei unseren Geburtstagen zu Besuch. Und ihr Mann Jobst Schneiderat hat mir gerade am Anfang sehr geholfen. Er kennt die Dresdner Musikszene bestens und hat mir gute Tipps gegeben oder von manchen Musikern auch abgeraten.
Wie sind Sie überhaupt in diese Musikwelt hineingewachsen?
Na ja, ich bin eher hineingeschleudert worden. 1986 habe ich angefangen. Pfarrer Hans Haag, hatte – was vor der Wende nicht einfach war – immer wieder einzelne Künstler oder Ensembles aus Dresden eingeladen. Als er krank wurde, kam überraschend ein Anruf aus dem Krankenhaus: „Gell, Frau Schumacher, sie übernehmen den Termin heute Abend.“ Ich hatte natürlich ziemliches Bauchweh: Begrüßen, um die Autorin Maria Beig und Konzertbesucher kümmern … Die Schriftstellerin hat dann bei uns übernachtet, zusammen mit meinen Kindern zu Abend gegessen. Es war ein gelungener Einstand. Als Herr Haag in Ruhestand ging, war das Bedauern groß, dass dieses Kulturangebot enden sollte. Als ich gefragt wurde, meinte ich, ich könne es ja mal versuchen.
Und wie war der Einstand?
Der fiel 1989 mit der Wende zusammen. Vorher hatte das Innerdeutsche Ministerium bei größeren Konzerten die Kosten übernommen. Das fiel nun weg. Ich bekam die kirchlichen Räume kostenlos zur Verfügung gestellt, aber sonst gab es keinen Unterstützung. Zum Glück hat der damalige Landrat Werner Burckhart einen Zuschuss gewährt – mit dem guten Rat, gleich auch beim Birkenfelder Bürgermeister Reiner Herrmann anzuklopfen. Er war sehr aufgeschlossen, sodass ich eine Konzertreihe starten konnte. Und dank der Abonnenten hatte ich dann immer eine fixe Summe in der Kasse. Es begann mit 25 Besuchern, inzwischen füllt „Musik aus Dresden“ auch große Hallen.
Wann ging es denn richtig los?
Das war 1993 mit dem Thomanerchor. Zwischen zwei Konzerten war noch ein freier Termin, den wir kostengünstig buchen konnten. Allerdings nur, wenn wir 92 Kinder und zehn Begleitpersonen unterbringen und verköstigen. Ich habe ganz blauäugig zugesagt. Die privaten Übernachtungen in Birkenfeld haben prima geklappt. Aber wo sollten alle essen? Ich habe bei der Hochschule angerufen, sie hat die Mensa für uns geöffnet. Es war ein wunderschönes Konzert, alle waren begeistert.
Wie hat sich das Angebot auch räumlich ausgeweitet?
Ich habe relativ schnell gemerkt, wenn ich reine Kirchenkonzerte mache, sind die Kirchenstufen für manche Menschen zu hoch. Als das Gemeindehaus umgebaut wurde, sind wir auf andere Orte ausgewichen: ins Autohaus, in die Sparkasse und ins Reuchlinhaus Pforzheim, ins Schloss Neuenbürg, in die Kelter in Gräfenhausen. Das hat uns natürlich auch einen neuen Besucherkreis erschlossen. Aber es blieb schwierig.
Wie konnte das auch finanziell gestemmt werden?
Im Jahr 1998 war Ludwig Güttler mal wieder zu Gast und er meinte: „Wenn man in Deutschland nicht mehr weiterweiß, gründet man einen Verein.“ Wir hatten wie immer ein geselliges Treffen nach seinem Konzert, zu dem auch Menschen, die mich unterstützten, eingeladen waren. Da drehte Güttler seinen Programmzettel um und sagte: „Alle die jetzt hier sitzen, unterschreiben.“ Und so gab es die ersten 15 Mitglieder des Fördervereins, der am 13. Februar 1998 offiziell gegründet wurde.
Gibt es überhaupt etwas, was Ihnen nicht gelungen ist?
Ja, und das bedauere ich immer noch. Mit Elisabeth Wilke, die Professorin am Mozarteum in Salzburg ist, entstand die Idee, einen Meisterkurs für junge Sängerinnen und Sänger anzubieten. 2011 hat das auf Schloss Neuenbürg dann geklappt, mit zwölf Studierenden, die zwei schöne Konzerte im Schloss und in Birkenfeld gegeben haben. Wir hatten schon Pläne für die nächsten Jahre, aber leider hat der Freundeskreis von Schloss Neuenbürg nicht mehr mitgemacht. Absolventen des Meisterkurses singen jetzt an der Oper Hamburg oder der Wiener Staatsoper.
An welche Erlebnisse erinnern Sie sich gerne zurück?
Immer schön war es mit Ludwig Güttler. Er reiste einen Tag vorher an und war dann bei uns zum Essen eingeladen. Er kocht übrigens auch sehr gut. Ich stand einmal in der Küche und machte gestampfte Kartoffeln, als er reinkam und zupackte: „Mädel, ich hab mehr Kraft als du.“
Was steht in der nun vermehrten Freizeit an?
Mir wird bestimmt nicht langweilig. Ich habe immer mit der Bücherei kooperiert, vielleicht gibt es bald mal wieder einen Büchertermin in meinem Garten. Zudem liest meine Mutter, die bald 102 Jahre alt wird, unheimlich viel und wir sprechen regelmäßig über ihre Lektüren. Ich organisiere weiterhin die Treffen der Klassenkameraden meines vor zwei Jahren verstorbenen Mannes und des Kirchenkreises. Außerdem habe ich drei Enkelkinder in Darmstadt, mit denen ich gerne reisen werde.
Über Dorothee Schumacher
- 1942 geboren und aufgewachsen in Bad Wildbad
- 1967 Heirat in Bad Wildbad
- 1971 Geburt von Sohn Andreas
- ab 1971 großes ehrenamtliches Engagement in der Kirchengemeinde Birkenfeld, unter anderem als Kirchengemeinderätin und in der Erwachsenenbildung
- 1975 Geburt von Tochter Katrin
- ab 1986 Tätigkeit im Pfarramt Birkenfeld, zuvor schon Unterstützung von Pfarrer Haag bei kulturellen Veranstaltungen.
- Organisation, Übernahme der Konzerte und Ausbau zur Konzertreihe „Musik aus Dresden“
- 2015 Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande.
