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Pforzheim -  23.01.2026
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Ehrenamt mit Monatslohn? Vorwürfe gegen Vorstand des Pforzheimer Tierschutzvereins

Pforzheim. René C. Maier-Stadtaus führt den größten Tierschutzverein der Region seit elf Jahren, eine gemeinnützige Organisation, in der es auch schon vor seiner Zeit als Vorsitzender immer wieder zu Streitereien, Anschuldigungen und Zerwürfnissen kam. Nun tauchen Lohnunterlagen auf, die einen heiklen Verdacht nähren: Gehälter für Teile des Vorstands. Sollten ehrenamtliche Vorstände monatlich Geld erhalten haben, stünde mehr auf dem Spiel als der Vereinsfrieden – nämlich die Gemeinnützigkeit selbst.

Tierheim Pforzheim Mag Serie
Der Tierschutzverein, der auch das Tierheim betreibt, gerät immer wieder in die Schlagzeilen. Der aus finanzieller Sicht sehr erfolgreiche Vorstand beschafft jedes Jahr große Summen für den Verein. Dokumente legen nahe, dass davon auch etwas in die Taschen zweier Vorstände fließt. Ohne Sonderregelung wäre das möglicherweise illegal. Foto: Röhr

Verein erhält Geld von Stadt

Der Verein zählt mit über 1000 Mitgliedern zu den ältesten seiner Art in Deutschland, das Herzstück, das Pforzheimer Tierheim, zu den größten im Südwesten. Etwa 45 Menschen arbeiten dort. Für die Übernahme von Aufgaben der Stadt erhält das Tierheim ab dem 1. Juli dieses Jahres jährlich 27.000 Euro an Zuschüssen, eine Fundtierpauschale von 35.000 Euro sowie 70.000 Euro, die nach Rechnungsstellung ausgezahlt werden – also insgesamt 132.000 Euro aus der Stadtkasse. Im Jahr davor waren es 126.000 Euro. Die monatlichen Betriebskosten des Tierheims bezifferte der Vorstand im November gegenüber der Redaktion auf rund 130.000 Euro.

Demgegenüber stehen angeblich über fünf Millionen Euro, die der Vorstandsvorsitzende selbst für den Verein „erwirtschaftet“ habe, wie Maier-Stadtaus im November der Redaktion berichtete. Die Kassen müssen dieser Darstellung nach mehr als voll sein. Doch zur Ruhe kommt der Verein auch jetzt nicht.

Kurz vor und während der Vorstandswahlen am 27. November traten die ständigen Konflikte erneut an die Öffentlichkeit.

Turbulente Vorstandswahlen

Die Hauptversammlung, abgehalten im Vorraum der Quarantänestation, wirkte weniger wie ein Treffen von Tierfreunden als eine hitzige Parlamentsdebatte einer brüchigen Republik. In den Tagen vor der Wahl hat der Vorstand mindestens acht Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen und mindestens zwei Tierheimmitarbeiterinnen entlassen. Hinter verschlossenen Glastüren ging es dann um Loyalität und Verrat, um Macht und Misstrauen, wie später durch Teilnehmer zu erfahren war. Gleichzeitig sitzt Maier-Stadtaus fest im Sattel: Die Mehrheit wählte ihn erneut.

Seine Kritiker, wohl eine Minderheit im Verein, (Maier-Stadtaus nennt sie „Gassigeherfraktion“) wirken schlecht organisiert und haben besagte Hauptversammlung lange vor Ende bedröppelt verlassen.

Nicht-Mitglieder, Pressevertreter und Stadträte blieben ausgeschlossen. So sehe es die Satzung vor, erklärte Maier-Stadtaus. Diese einzuhalten sei schließlich seine Pflicht. Doch nun steht mehr im Raum als vereinsinterne Streitereien.

Ein Gehalt für den Vorstand?

Der PZ wurden zwei Lohnabrechnungen zugespielt, ausgestellt vom Tierheim Pforzheim. Es sind jene Formulare, die sonst jeder Angestellte kennt: mit Steuer-ID, Kontodaten, Adresse, Sozialversicherungsnummer, Steuerklasse, Personalnummer – und einer ausgewiesenen monatlichen „Aufwandsentschädigung“. In den besagten Dokumenten sind die Vorstandsmitglieder des Tierschutzvereins, René C. Maier-Stadtaus und Ulf Hildebrand, die Empfänger der „Aufwandsentschädigungen“.

Vereinsvorstände sind grundsätzlich ehrenamtlich tätig; ein Gehalt ist zunächst nicht vorgesehen. Zulässig ist ein Freibetrag von bis zu 960 Euro pro Jahr (bis 2026: 840 Euro). Höhere Zahlungen oder ein Gehalt erfordern einen Beschluss der Mitgliederversammlung, eine ausdrückliche Regelung in der Satzung, die für Gültigkeit beim zuständigen Amtsgericht hinterlegt werden muss; andernfalls kann die Gemeinnützigkeit gefährdet sein.

In der aktuell beim Amtsgericht Mannheim hinterlegten Satzung findet sich jedoch keine Regelung, die Vorstandsgehälter vorsieht. Im Gegenteil heißt es dort in der Standardformulierung: „Die Mitglieder erhalten keine Zuwendungen aus Mitteln des Vereins. Es darf keine Person durch Ausgaben, die dem Zweck der Körperschaft fremd sind, oder durch unverhältnismäßig hohe Vergütungen begünstigt werden.“

Eine Gehaltsregelung für Vorstände ist in der Satzung – zumindest bis zum 28. November – nicht enthalten.

Wurden Zahlungen beschlossen?

Ob der Tierschutzverein an anderer Stelle eine Regelung hat, die ein monatliches Gehalt vorsieht, ließ der Vorstand gegenüber der Redaktion offen.

Die Lohnabrechnungen weisen gleichwohl konkrete Beträge aus: 2400 Euro brutto monatlich für Maier-Stadtaus, 1600 Euro brutto für Hildebrand.

Die PZ legte die Dokumente mehreren Fachleuten vor; sie gehen nach eigener Einschätzung von deren Echtheit aus. Seitens Maier-Stadtaus heißt es: „Ich weise lediglich darauf hin, dass die aktuellen Behauptungen aus einem kleinen Kreis von Mitgliedern stammen, der bereits im Rahmen der letzten Mitgliederversammlung für erhebliche Unruhe gesorgt hat.“

Experte: kein Sonderfall

Günter Stein berät seit mehr als 25 Jahren Vereinsvorstände in ganz Deutschland. Jeden Mittwoch, sagt er, sitze er am Telefon und bespreche mit Vereinsvorständen Fälle aus allen denkbaren Spielarten des Vereinsrechts. „Man entwickelt einen Blick für Muster“, sagt Stein. Er spricht von einer gewissen Hybris, die an der Spitze von Vereinen immer wieder auftauche und Vorstandsentscheidungen an der Satzung vorbei erkläre.

Stein kenne zahlreiche Fälle – etwa aus einem Anwaltsverein –, in denen sich Vorstände entgegen der Satzung monatliche Bezüge ausgezahlt hätten. Solche Konstruktionen, sagt Stein, hielten selten lange. In der Regel schaue die Rentenversicherung alle drei Jahre vorbei, gemeinnützige Vereine müssten zudem im gleichen Turnus Steuererklärungen abgeben. „Dann fliegt es auf“, sagt Stein. Die Finanzämter achteten gezielt auf Auffälligkeiten.

Dass Behörden prüfen, ist auch René C. Maier-Stadtaus nicht fremd. Im Redaktionsgespräch berichtete er, dass das Finanzamt im vergangenen Jahr wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gegen ihn ermittelt habe. Der Verdacht habe sich als haltlos erwiesen, so seine Darstellung. Wegen des Steuergeheimnisses lässt sich dieser Vorgang von der Redaktion nicht unabhängig überprüfen.

Sollte das Finanzamt mögliche Zahlungen an den Vorstand beanstanden, könnte dem Verein die Gemeinnützigkeit entzogen werden – mit der Folge, dass Spenden und Einnahmen rückwirkend nachversteuert werden müssten. Nach PZ-Informationen beträfe dies im Fall Maier-Stadtaus mindestens den Zeitraum Januar bis August 2025.

Prüferin äußert sich nicht

Laut Satzung sind die Vereinsfinanzen jährlich von zwei Rechnungsprüfern zu kontrollieren. Nach PZ-Informationen hat der Verein derzeit jedoch nur eine ältere Rechnungsprüferin. Sie bestätigt gegenüber der Redaktion, für den Tierschutzverein tätig zu sein, macht zu möglichen Vorstandsgehältern aber keine Angaben. Vor Bekanntwerden der Vorwürfe erklärte René C. Maier-Stadtaus Anfang Dezember: ein Gehalt vom Verein beziehe er nicht.

Vorstand: Zahlen sind intern

Später konfrontierte die PZ Maier-Stadtaus mit den Vorwürfen.

Er schreibt:

„Zu internen Personal- und Vergütungsfragen äußert sich der Tierschutzverein grundsätzlich nicht, ebenso wenig zu einzelnen Unterlagen oder Zahlen.“

Danach wurde Maier-Stadtaus eine Kopie der Unterlagen vorgelegt. Es folgte ein Schreiben seines Anwalts. Im Auftrag des Tierschutzvereins sowie des Tierheims „rügen wir in schärfster Form die Ihnen zurechenbare rechtswidrige Erlangung, Verarbeitung und Verwendung personenbezogener und vertraulicher Arbeitsunterlagen, insbesondere interner Lohnabrechnungen unseres Mandanten und weiterer Funktionsträger“.

Auch Vorstandsmitglied Ulf Hildebrand wird durch den gleichen Anwalt vertreten.

Nach PZ-Informationen soll das Finanzamt in die Vorgänge eingeweiht sein. Ob ermittelt wird, ist wegen des Steuergeheimnisses nicht zu erfahren.

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