Ein Stück Geschichte geht in Flammen auf: Altes Rathaus in Pinache fällt Brand zum Opfer
Wiernsheim. Um 14 Uhr raucht es immer noch aus dem Dachstuhl des Alten Rathauses in Pinache. Vom Dach ist größtenteils nur noch ein schwarzes Gerippe übrig. Beißender Brandgeruch liegt über der Ortsmitte des Waldenserdorfes. Blaulichter blitzen durch den Qualm, Feuerwehrschläuche winden sich über die Hauptstraße. „Die Versorgung mit Löschwasser war eine Herausforderung“, sagt Kreisbrandmeister Carsten Sorg. „Wir mussten eine externe Wasserversorgung aufbauen.“ Nur noch vereinzelt sind rote Ziegel auf dem offenliegenden Dachstuhl zu sehen.
Bürgermeister Matthias Enz dankte den Einsatzkräften und allen Beteiligten für die gute Arbeit: „Am wichtigsten ist erst einmal: Es gibt keinen Personenschaden.“ Aus dem Museumsstüble, das durch Löschwasser in Mitleidenschaft gezogen worden sei, „können hoffentlich alle Exponate und Artefakte gerettet werden“. In einer Wohnung im ersten Stockwerk gehe man von zwei Bewohnern aus, die „bis eventuell auf einen Schock“ nicht zu Schaden gekommen seien.
Eine Frau und ein jüngerer Mann sitzen, äußerlich unversehrt, etwas abseits des Geschehens. „Wir wohnen hier im ersten Stockwerk – dort, wo die Fensterläden geschlossen sind“, sagt der Mann und deutet auf die Wohnung unter dem verkohlten Dachstuhl. Bei ihnen sitzt eine Mitarbeiterin der psychosozialen Notfallbetreuung in blauer Weste auf der Bank.

Laut Tobias Feucht, Kommandant der Gesamtwehr Wiernsheim, sei der erste Alarm um 12.12 Uhr eingegangen. Zunächst sei von einem Brand im Freien die Rede gewesen – wohl wegen der weithin im Umland sichtbaren weißen Rauchsäule. Gegen 13.45 Uhr meldete die Feuerwehr zwar „Feuer aus“. Als Einsatzleiter zog Tobias Feucht dennoch ein vorläufiges Fazit: „Es wurde schnell und gut gehandelt und das Feuer war im Griff, bevor Nachbargebäude betroffen waren. Der Dachstuhl stand in Vollbrand.“ Die Löscharbeiten seien allerdings langwierig und würden sich noch länger hinziehen. Einzelne Glutnester im Dachstuhl flammten zu dem Zeitpunkt jedoch immer wieder auf, bekämpft mit Löschwasser von den beiden Drehleitern aus. Auch Kollegen unter Atemschutz seien im Gebäude gewesen, „sofern es noch möglich war“. Ein Statiker prüfe nun, ob das Gebäude instabil sein könnte.
„Im Nachgang muss nun untersucht werden, wie weit das Feuer nach unten gedrungen ist“, erklärte Kreisbrandmeister Carsten Sorg. Die Brandbekämpfung sei sofort von innen und außen erfolgt. Zwei Drehleitern der Feuerwehren aus Mühlacker und Öschelbronn waren dafür im Einsatz. Die Schadenshöhe könne noch nicht beziffert werden. Ausgebrochen sein soll das Feuer, dessen Ursache ebenfalls noch nicht benannt werden kann und von einem Sachverständigen ermittelt werden müsse, in einem Anbau des Alten Rathauses. „Das ist das frühere Alte Gefängnis von Pinache“, erzählt Bürgermeister Matthias Enz. Der gefasst und ruhig wirkende Schultes der Gesamtgemeinde lässt sich vor der größtenteils verkohlten Ruine des einstöckigen Fachwerkhauses vom Kreisbrandmeister eine erste Einschätzung geben. Die Polizei spricht von einer „Hütte“ als Brandherd – gemeint ist hier eine niedrigere Holzkonstruktion mit einem Flachdach, die wiederum an das Häuschen des Alten Gefängnisses angrenzt.
Matthias Enz sagt: „Das Gebäudeensemble hier um die älteste Waldenserkirche Deutschlands ist einmalig. Es ist immer tragisch, wenn so ein historisches, denkmalgeschütztes Gebäude brennt.“ Die Sanierung werde sicher „diffizil“. Kommandant Feucht spricht bei dem Fachwerkhaus von einem Gebäude aus „leicht entflammbaren Materialien, insbesondere bei Lufttemperaturen von über 30 Grad“. Laut Kreisbrandmeister Carsten Sorg wurden um 12.24 Uhr zahlreiche Kräfte aus dem ganzen Enzkreis über die Integrierte Leitstelle alarmiert.
Schließlich sind laut Carsten Sorg 115 Einsatzkräfte mit 30 Fahrzeugen vor Ort – einschließlich Rettungsdienst, THW, DRK und Polizei. Im Einsatz seien die Feuerwehren Wiernsheim mit allen vier Abteilungen, Öschelbronn mit zwei Abteilungen, Mönsheim sowie Knittlingen mit der dortigen Drohneneinheit. Zwei Drehleitern der Feuerwehren Mühlacker und Öschelbronn waren im Einsatz.
Zwei junge Feuerwehrleute mit Atemschutzmasken, die sie sich gerade vom Gesicht abgenommen haben, sitzen etwas abseits auf einer Bank am Backhäuschen und schnaufen durch. Vorne am Gebäudeeingang zur Pinacher Hauptstraße hin tragen zwei Feuerwehrleute eine ganze Vitrine mit historischen Büchern durch die Tür. Löschwasser tropft ihnen teils vom Dachfirst auf die weißen Helme. Untergestellt wird alles vorerst im gegenüberliegenden Alten Schulhaus.
„Ich bin entsetzt und schockiert, das geht mir schon nahe“, erzählt Cornelia Schuler. „Ich kann es noch gar nicht fassen.“ Sie ist die Leiterin des kleinen Waldensermuseums im Erdgeschoss, Museumsstüble genannt. In Windeseile füllt sich der Raum nun mit Exponaten, nacheinander hereingetragen von Feuerwehrleuten. Ein großes weißes Grabkreuz lehnt an der Wand. Doch größtenteils sind erst einmal alle mit dem Schrecken davongekommen.
Videos: Eric Mex
