Gemeinden der Region
Eisingen -  14.11.2019
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Eine Straße, ein Monat, vier Unfälle: Augenzeugen und Angehörige machen enge Fahrbahn verantwortlich

Für Aufregung unter PZ-Lesern hat der Bericht über die Landesstraße zwischen Eisingen und Königsbach-Stein gesorgt. Die Frage war, ob es nach der Fahrbahnsanierung im Juli vermehrt zu Unfällen auf der Strecke kommt. Streitpunkt ist vor allem die scheinbar schmalere Straße. Die Polizei kann die Unfälle bisher nicht mit der Fahrbahnbreite in Verbindung bringen. Während seit einem Jahr bis September die Strecke laut Statistik unfallfrei blieb, haben sich im Oktober dieses Jahres tatsächlich vier Unfälle ereignet, wie die Polizei mitteilte.

Am 1. Oktober geriet eine 18-Jährige auf der L621 in den Gegenverkehr.
Am 1. Oktober geriet eine 18-Jährige auf der L621 in den Gegenverkehr.

Einmal kam eine 18-jährige Audi-Fahrerin nach rechts von der Straße ab und wurde in den Gegenverkehr geschleudert – das Auto kam schließlich auf der Seite zum Liegen.

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„Ich kann den Leuten nur empfehlen, dort langsam zu fahren.“

Der Eisinger Gemeinderat Michael Oesterle (Gemeinsam für Eisingen) war bei dem Unfall als Ersthelfer vor Ort. „Die Strecke wirkt wie ein Tunnel, vor allem im Bereich der Leitplanken mit Unterfahrschutz“, sagt Oesterle. „Ich kann den Leuten nur empfehlen, dort langsam zu fahren.“ Er äußerte den Verdacht, dass die Unfälle damit zu tun haben, dass die Fahrer aufs tiefer liegende Bankett geraten sind und dann das Lenkrad verrissen haben. Aber er macht auch klar: „Eine Beurteilung steht mir nicht zu.“ Dafür sei das Regierungspräsidium zuständig.

Er als Gemeinderat sei aber dafür zuständig, die Sorgen der Bürger anzusprechen, die über die Enge der Straße nicht nur bei der PZ, sondern auch bei ihm eingehen. So geschehen in der letzten Sitzung des Gemeinderats in Eisingen, als er Bürgermeister Thomas Karst auf das Thema aufmerksam machte. Dieser versprach, beim RP nachzuhaken – und bekam die gleiche Antwort wie die PZ: Die Fahrbahn habe sich an zwei Stellen um 20 Zentimeter verengt – weist jedoch mindestens eine Straßenbreite von 5,60 Meter auf. „Das ist eine Frage, bis man sich daran gewöhnt hat“, ordnet Karst die Situation ein. Die Straße wirke vor allem subjektiv enger. Es habe sich auch nur um eine Sanierung und keinen Ausbau gehandelt. „Natürlich würde man sich eine breitere Straße wünschen“, sagt Karst. Es scheint, als seien der Gemeinde in diesem Fall aber die Hände gebunden.

Verärgert äußert sich Ulrike Bauer aus Königsbach-Stein, die Mutter einer 18-jährigen Verunfallten, über die Situation. „In der Fahrschule bekommen die jungen Leute beigebracht, möglichst weit rechts zu fahren.“ Ihre Tochter sei dabei an die Leitplanke geraten und schließlich aufs Bankett. Durch zu starkes Gegenlenken sei sie dann auf die Gegenfahrbahn gekommen. „Am Bankett geht es bis zu zehn Zentimeter nach unten“, schätzt Bauer. „Tempo 100 kann da niemand fahren.“

Die Ursachen für die Zusammenstöße seien bisher ungeklärt, macht Polizei-Pressesprecher Dieter Werner deutlich und fügt hinzu: „Wenn es sich um eine geteerte Straße in ordentlichem Zustand handelt, gehen wir auch davon aus, dass sie nicht zu schmal ist.“ Bei den weiteren Fällen landete einmal ein Peugeot aus ungeklärten Gründen im Graben, ein Lkw fuhr einem Pkw den Spiegel ab und beging Fahrerflucht und ein Lkw geriet rechts von der Fahrbahn in den Grünstreifen ab. „Wir haben von den Kollegen vor Ort keine Rückmeldungen über einen Unfallschwerpunkt auf der Strecke“, macht Werner deutlich. „Wenn das jetzt 20 Fälle gewesen wären, wäre das etwas anderes. So warten wir ab, was noch kommt.“

Bei Gelegenheit nachmessen

Auch das Straßenverkehrs- und Ordnungsamt des Enzkreises und die Straßenmeisterei behalten den Abschnitt erst mal im Blick. Das Amt ist nicht für den Straßenbau zuständig. Es ist dann mit gefragt, wenn es um Regelungen zur Sicherheit geht. Als die Strecke noch alt und ramponiert war, hatte man das Tempo auf 70 herunter geregelt. Nach dem Ausbau ist die Einschränkung erst mal weg. Bei Amtsleiter Oliver Müller sind noch keine Hinweise von Autofahrern angekommen – außer durch die PZ. „Wir beobachten das aufmerksam“, sagt er zur Unfallsituation. Der Abschnitt könnte unter Umständen ein Fall für die Verkehrsschau werden. Und Heinrich Elwert von der Straßenmeisterei des Enzkreises will bei nächster Gelegenheit mit dem Rollenmessgerät über die Fahrbahn gehen, um die Breite nachzuprüfen.

Maße und Zahlen zum Vergleich

Für die Straßenverkehrsbehörden sind die angegebenen Fahrbahnbreiten für die Landesstraße zwischen Stein und Eisingen auf den ersten Blick nicht auffällig gering. Nach den jüngsten Daten der Straßenverkehrszentrale Baden-Württemberg sind auf diesem Abschnitt im Tagesdurchschnitt fast 5700 Fahrzeuge unterwegs, darunter 164 Lastwagen (2,9 Prozent). Wenn man nun von zwei Stellen mit rund 5,60 Meter Breite ausgeht, blieben für jede Spur dort rund 2,80 Meter. Zum Vergleich: Für Lastwagen und Busse in Deutschland wird eine Höchstbreite von 2,55 Meter angegeben – allerdings ohne Außenspiegel gemessen. Ein großer Audi-SUV ist ohne Spiegel rund zwei Meter breit, ein Familienvan etwa von VW rund 1,80 Meter. Im Kreistag waren Straßenbreiten zuletzt ein Thema, als das Land Vorgaben für Radschnellverbindungen machte, die auf bis zu 6,50 Meter auszulegen seien. Allerdings: 2,50 Meter davon wären für einen Gehweg reserviert.

Autor: Constantin Hegel und Alexander Heilemann