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Pforzheim -  10.02.2023
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Englischer Unternehmer jetzt Vertriebsleiter bei Firma Geyer im Enzkreis

Pforzheim/Königsbach-Stein. Das Schicksal des Pforzheimer Neubürgers Mike Kelly hat für bundesweites Medien-Aufsehen gesorgt. Der bisher in England lebende britische Unternehmer musste wegen des Brexit seine Firma Focus Metals Ltd. dichtmachen.

Gemeinsam für einen Neustart: WSP-Direktor Oliver Reitz, WSP-Geschäftsbereichsleiter Markus Epple, Eva Miltz (Marketing Firma Geyer), Neslihan Bahadir (Fachkräfteeinwanderung Pforzheim) und Anna Fischbach (Personalreferentin Firma Geyer) sowie der britische „Übersiedler“ Mike Kelly (Vertriebsleiter) und Geschäftsführer Lorenz Geyer.
Gemeinsam für einen Neustart: WSP-Direktor Oliver Reitz, WSP-Geschäftsbereichsleiter Markus Epple, Eva Miltz (Marketing Firma Geyer), Neslihan Bahadir (Fachkräfteeinwanderung Pforzheim) und Anna Fischbach (Personalreferentin Firma Geyer) sowie der britische „Übersiedler“ Mike Kelly (Vertriebsleiter) und Geschäftsführer Lorenz Geyer. Foto: Doris Löffler

Mit dieser hatte er unter anderem Medizintechnik- und Automobil-Firmen mit Rohren versorgt. Doch „die Kosten gingen durch die Decke“, sagt der diplomierte Ingenieur. Alleine das Porto eines Paketversands sei um fast das Sechsfache gestiegen. Kunden sprangen ab, Lieferketten wurden unterbrochen, der Umsatz schmolz. Um sich über Wasser halten zu können, füllte der 62-Jährige im Brexit-Schock Supermarktregale auf. Geholfen hat das nicht. Er konnte seine Kundschaft in Deutschland, Großbritannien, USA und Mexiko nicht mehr adäquat bedienen. Auch seine Ehe zerbrach. Kelly wickelte alles ab, kehrte seinem Land den Rücken, siedelte kürzlich in den Nordschwarzwald über und wird demnächst die Doppel-Staatsbürgerschaft beantragen, denn seine Mutter ist Deutsche.

Die Eugen Geyer GmbH in Königsbach-Stein hat ihm einen Vertriebsleiter-Job angeboten. Das Enzkreis-Unternehmen und Kellys einstige Firma hatten schon länger geschäftliche Verbindungen. Der Brite reiste Anfang Januar 2023 nach Pforzheim. „Ich hatte nur ein paar Tage, um alles zu klären“, erzählt er im PZ-Gespräch. Die Unterstützung vor Ort sei „sensationell“ gewesen, soll heißen: schnell und unkompliziert, trotz Einhaltung der bürokratischen Vorgaben.

Rückblick: Bereits im November 2022 hat sich die Firma Geyer nach einer Fach-Veranstaltung des städtischen Eigenbetriebs WSP (Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim) über das sogenannte beschleunigte Fachkräfteverfahren erkundigt – und speziell über die rechtlichen Einwanderungsmöglichkeiten einer Fachkraft mit britischer Staatsangehörigkeit.

Eigentlich, erklärt Neslihan Bahadir von der Fachkräfteeinwanderung Pforzheim, müsse dieses beschleunigte Verfahren zur Rekrutierung von Arbeitskräften aus Nicht-EU-Staaten bei der Ausländerbehörde am Sitz des Betriebes beantragt werden. Im Falle Kelly wäre dies das Landratsamt Enzkreis gewesen. Doch bei britischen Staatsbürgern gebe es die Besonderheit, dass sie für einen Kurzaufenthalt visumfrei einreisen und die Formalitäten bei der Ausländerbehörde des Wohnortes, also in der Goldstadt, regeln könnten.

Bahadir und WSP-Geschäftsbereichsleiter Markus Epple sowie Personalreferentin Anna Fischbach von Geyer nebst Firmenchef Lorenz Geyer setzten alles daran, Mike Kelly schnellstmöglich in seine neue Lebens- und Arbeitswelt zu führen. „Seit einer Woche wohne ich in Pforzheim“, sagt er glücklich in perfektem Deutsch mit sympathisch britischem Akzent. Als Geyer-Vertriebsleiter hat er auch schon den Auftrag, unter anderem den USA-Markt aufzurollen. Und mit seinem engmaschigen britischen Netzwerk könnten möglicherweise noch weitere Brexit-Geschädigte als Fachkräfte für die Region gewonnen werden.

Die Eugen Geyer GmbH in Königsbach-Stein produziert maßgefertigte Metallhalbzeuge für den Maschinenbau (Anteil 50 Prozent) sowie zur anderen Hälfte für Medizintechnik, Musikinstrumente-Hersteller und Automotive. Knapp 30 Prozent beträgt der Exportanteil des Unternehmens mit 85 Beschäftigten.

Firmenchef Lorenz Geyer hat seine neue Fachkraft bei der Ankunft „aufgefangen“, wie er sagt. Er hat ihn beispielsweise privat in das Vereinsleben eingeführt und bringt ihm die Region nahe. „Ich fühle mich schon sehr wohl hier“, macht Mike Kelly deutlich und zeigt, dass er den Brexit-Schock hinter sich gelassen hat.

Autor: Gerd Lache