Gemeinden der Region
Straubenhardt -  16.11.2019
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp
Anzeige

Fabian Hambüchen über den Turn-Nachwuchs: „Ich vermisse das Feuer in den Augen“

Immer wieder schafft es Fabian Hambüchen nach seiner aktiven Karriere als Turner für Schlagzeilen zu sorgen. Vor der WM in Stuttgart Anfang Oktober, kritisierte der Reck-Olympiasieger den Nachwuchs. Zuletzt dachte er darüber nach, bei Olympia 2020 in Tokio zu starten. Wie ernst der Comeback-Gedanke war und was ihn genau an der Jugend von heute stört, verrät Hambüchen den PZ-Redakteuren Udo Koller und Anna Wittmershaus im PZ-Interview.

Ein Ende mit Gold: 2016 feierte Fabian Hambüchen am Reck den erhofften Olympia-Sieg. Foto: dpa
Ein Ende mit Gold: 2016 feierte Fabian Hambüchen am Reck den erhofften Olympia-Sieg. Foto: dpa

PZ: Herr Hambüchen, wenn wir hier ein Reck stehen würde, was könnten Sie uns turnerisch noch anbieten?

Fabian Hambüchen: Da ginge einiges. Die ganzen Flugbewegungen kann ich noch. Aber die Olympiaübung wäre jetzt nicht mehr möglich. Grundsätzlich gehe ich ja noch viel in die Halle, trainiere regelmäßig.

Anzeige

PZ: Wenn man jetzt für die Kenner der Szene über einen Ausgangswert sprechen würde, wäre es eine Vier oder eher eine Fünf?

Fabian Hambüchen: Das kann ich nicht berechnen. Zum einen haben sich die Wertungsvorschriften schon wieder geändert und zweitens hätte ich so Übungen früher nicht geturnt. Da kommt auf einmal eine ganz normale Riesenfelge in den Schwierigkeitswert mit rein. Das müsste ich mir ganz genau aufschreiben und überlegen, was das wert ist. Es ist auch gut so, dass es jetzt vorbei ist.

PZ: In wiefern vermissen Sie es dennoch auf Wettkämpfe zu gehen, sich mit anderen zu messen?

Fabian Hambüchen: Die Wettkämpfe vermisse ich gar nicht so extrem. Aber sich mit anderen Turnern regelmäßig zu treffen, das vermisse ich schon. Das war so schön bei der Turn-WM: Ich war zwei Wochen am Stück in Stuttgart und war wieder in dieser Turnwelt drin wie früher. Was ich mir ein bisschen fehlt, ist dieser Rhythmus im Alltag. Was ich aber auf gar keinen Fall vermisse, ist dieser Wettkampfdruck, vor einer Übung zu stehen und mit deinem Mentalen zu kämpfen, das ist im Nachhinein betrachtet immer sehr, sehr anstrengend gewesen.

PZ: Trotzdem haben Sie sich überlegt, für Olympia 2020 noch mal zurückzukommen.

Fabian Hambüchen: Die Heim-WM in Stuttgart, wo ich vor zwölf Jahren selbst Weltmeister geworden bin, hat einiges bei mir ausgelöst. Mit den ganzen Turnern und Turnerinnen wieder zu tun zu haben, in dieser Welt zurück zu sein, das hat mich dazu gebracht, über ein Comeback nachzudenken. Aber erstmal macht es grundsätzlich keinen Sinn. Ich habe damit aufgehört, wovon die meisten Sportler nur träumen, nämlich mit einer olympischen Goldmedaille. Zweitens lassen es die Regularien, die Qualifikationskriterien gar nicht zu, dass ich in Tokio starte.

PZ: Sie meinen, mit den Regularien, dass man auch ins Anti-Dopingprogramm zurück müsste?

Fabian Hambüchen: Das ist der zeitliche Faktor. Ich wäre ein halbes Jahr gesperrt, um verschiedene Test durchzuführen. Danach ist die Zeit zu kurz, um sich als Einzelstarter noch zu qualifizieren. Als Mannschaftsturner wäre es möglich, aber dafür müsste ich alle sechs Geräte turnen und das steht außer Frage.

PZ: Es war also nur ein loses Comeback-Gedankenspiel von Ihnen?

Fabian Hambüchen: Wären es nur ein loses Gedankenspiel gewesen, hätte ich mich nicht mit den Kriterien beschäftigt. Dann hätte ich schon davor gesagt: „Ne, das mach ich nicht, das ist nur so ein Gedankenfusel.“ Ich habe mich schon ernsthaft damit beschäftigt, habe mich mit meinem Vater zusammengesetzt und überlegt, ob das realistisch wäre. Aber wie gesagt, die Kriterien geben es nicht her und wenn man mal vernünftig überlegt, ist es so auch besser.

PZ: Sie waren Botschafter für die Turn-WM in Stuttgart. Was bleibt von so einer Weltmeisterschaft im eigenen Land?

Fabian Hambüchen: Aus finanzieller Sicht, müsste man den Veranstalter, den Schwäbischen Turnerbund, fragen, ob da ein Plus gemacht wurde. Aber an sich bleibt natürlich bei den Sportlern die Erinnerung an die Erfolge. Vielleicht hat es auch wieder – sicherlich nicht so wie 2007 – einen kleinen Motivationsschub bei Kindern gegeben. Wer weiß, ob jetzt nicht bei den Turnvereinen wieder mehr Andrang ist. Das kann man so kurz danach noch nicht sagen.

PZ: Deutschland hat in Stuttgart keine Medaillen geholt: Welche Schlüsse kann man aus der WM ziehen?

Fabian Hambüchen: Viele reden das deutsche Turnen jetzt herunter. Ich habe auch meine Kritik geäußert, was ich auch immer mache, wenn ich gefragt werde, woran es liegt. Ich bin auch seit vielen Jahren in der Diskussion mit den Sportverbänden. Es braucht insgesamt im deutschen Sport mehr Trainerstellen, hier und da noch besseres Equipment oder finanzielle Mittel. Alle Länder steigern sich, es kommen neue junge Turner nach. Es ist ja nicht so, dass das Turnen in Deutschland tot ist, nur weil ich weg bin. Es sind noch einige da. Wir hatten auch Medaillenchancen, die wurden leider von Elisabeth Seitz und Lukas Dauser nicht ergriffen. Aber das ist Sport, es kann nicht immer funktionieren. Aber ich denke, wenn der Nachwuchs noch mehr Gas gibt und gerade durch so eine Heim-WM motiviert wird, gibt es vielleicht Entwicklungsschübe, die wir noch nicht erahnen.

PZ: Sie haben den Turnnachwuchs in letzter Zeit kritisiert und gesagt, die Jugend müsse sich mehr anstrengen.

Fabian Hambüchen: Das gilt aber nicht nur für Deutschland. In der heutigen Zeit läuft viel über Instagram und andere soziale Netzwerke. Ich finde es erstaunlich, wie sich die jungen Leute dort präsentieren, was sie alles können und wie stark sie unterwegs sind. Aber auf der Wettkampfbühne kriegen sie nichts gebacken. Das kann ich nicht verstehen. Als 15-Jährigen gab es für mich nichts Wichtigeres als so schnell wie möglich den Größeren den Rang abzulaufen beziehungsweise in die Nationalmannschaft zu kommen und zu zeigen, was ich kann. Das war für mich die größte Motivation, ich hatte so ein Feuer in den Augen, so einen unbändigen Willen – und das vermisse ich heutzutage bei vielen Nachwuchsathleten. Wir haben uns früher den Arsch aufgerissen und ich habe das Gefühl, da gibt es heute nebenher noch andere Prioritäten. Das stelle ich aber in der jungen Gesellschaft in allen Bereichen fest, nicht nur auf den Sport bezogen.

PZ: Turnen ist auch nicht die einfachste Sportart, in der man die schnellen Erfolge hat: Wenn man das Training von jungen Turnern mit dem von jungen Fußballern oder Handballern vergleicht, ist das schon hart.

Fabian Hambüchen: Natürlich, der Aufwand ist immens. Trotzdem ist es möglich, ich habe ja gezeigt, dass es möglich ist. Und dafür muss man auch nicht auf ein Internat gehen oder auf eine Sportschule. Man muss es nur wollen, muss die richtigen Leute um sich herum haben und man muss sich organisieren.

PZ: Sie selbst sind auch auf Instagram und so weiter unterwegs.

Fabian Hambüchen: Man muss ein Stück weit mit dem Trend gehen beziehungsweise deine Sponsoren erwarten das auch. Deshalb versuche ich, diese Kanäle zu beliefern. Das heißt aber nicht, dass ich ein großer Fan davon bin.

PZ: Sie haben mit Johann Lafer Kochvideos gedreht, die man online ansehen kann. Wie gut sind Sie als Koch?

Fabian Hambüchen: Ich würde sagen, ich bin ein ganz guter Koch. Ich habe früher gerne meiner Mutter beim Kochen über die Schulter geschaut. Als ich dann alleine gewohnt habe, musste ich selber kochen und habe das für mich als Ausgleich entdeckt.

PZ: Lieber was Gesundes essen oder auch mal reinhauen?

Fabian Hambüchen: Früher natürlich hauptsächlich nur Gesundes, aber heutzutage worauf ich gerade Lust habe.

PZ: Haben Sie ein Lieblingsessen?

Fabian Hambüchen: Selbstgemachte Pizza war schon immer das Beste. Das gab es nur samstags nach dem Training, wenn ich sonntags frei hatte.

PZ: Viele Turner verschwinden nach ihrer aktiven Karriere wieder in der Versenkung. Warum ist es bei Ihnen anders?

Fabian Hambüchen: Man hat oft das Phänomen, dass da mal einer Olympiasieger wird, aber dann kommt nichts mehr. Ich habe es geschafft, über 15 Jahre hinweg jedes Jahr Erfolge mit nach Hause zu bringen. Verletzung hin oder her, irgendwas hat noch so funktioniert, dass ich wieder mediale Aufmerksamkeit hatte. Das hat sich dann in den Köpfen festgebrannt. Über Sponsoren, über Werbespots, über Shows und so weiter wurde ein guter Ruf, ein guter Name aufgebaut, von dem ich heute noch profitiere. Natürlich gehört auch der Mensch, der Charakter dazu, der kommt gut an und dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin einer, der auf dem Boden geblieben ist, der sich auf seine Erfolge nichts einbildet.

PZ: Bei der KTV Straubenhardt turnt derzeit mit Nick Klessing ein Athlet, der von der Oberen Lahn, wo Sie zum Schluss geturnt haben, kam.

Fabian Hambüchen: Nick hat genau den umgekehrten Weg eingeschlagen wie ich. Ich war zuerst in Straubenhardt und ging dann zur KTV Obere Lahn. Dadurch, dass sich die Mannschaft in Biedenkopf aufgelöst wurde, war Nick natürlich auch zu einem Wechsel gezwungen. Er musste sich orientieren und schauen, wo es für ihn am Besten ist. Ich weiß, wie schön es in Straubenhardt ist, ich habe gerne da geturnt – auch wenn es zum Schluss etwas Krach gab. Das ist eben Sport: Da sind auch immer Emotionen dabei.

PZ: Wie war Ihr Eindruck von Nick Klessing bei der WM?

Fabian Hambüchen: Mit dem Erreichen des Ringefinals, war das für Nick persönlich ein riesen Erfolg und er hat insgesamt einen starken Eindruck bei der WM gemacht.

PZ: Ist er auch ein Kandidat für Olympia?

Fabian Hambüchen: Ja klar, ein Kandidat ist er allemal. Er hat Potenzial an den Ringen. Er hat viel Kraft, ist noch kleiner als ich und hat gute Hebel. Mal sehen, wie er sich weiter entwickelt. Er ist ein starker Mann, einer von den Jüngeren von denen ich sage: „Der brennt dafür, der hat Bock.“ Jetzt wo er gemerkt hat, dass er in der Weltelite angekommen ist, denke ich, dass das ihm nochmal einen Extraschub gibt.

Hambüchen im PZ-Forum: Mit dem Herzen dabei

Über Motivation und mentale Stärke kann Fabian Hambüchen viel erzählen. Im PZ Forum gab der ehemalige Turner Einblicke in seine Gefühlswelt vor wichtigen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen in Rio 2016, wo er am Reck die Goldmedaille gewann.

Zu Beginn seiner Karriere habe er sich oft über Kampfrichter aufgeregt, die nicht so werteten, wie er sich das vorgestellt hatte. „Wir Deutschen sind total gut darin, uns in Sachen reinzusteigern“, sagte Hambüchen. Er hab lernen müssen, dass es nichts bringe, sich über Dinge aufzuregen, die er nicht selbst in der Hand habe. „Letztendlich ist das nur Energieverschwendung“, sagt der 32-Jährige.

Bereits mit 15 Jahren hatte Hambüchen begonnen mit einem Mentaltrainer, seinem Onkel Bruno, zu arbeiten. Viele Dinge, die er in seiner sportlichen Laufbahn gelernt habe, ließen sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen. „Du brauchst Leute, die dir offen und ehrlich sagen, was du falsch gemacht hat“, erklärt er. Außerdem müsse man sich immer wieder in Erinnerung rufen, warum man etwas tut. „Jeder macht doch seinen Job irgendwo, weil er das gern macht, weil das Herz dafür schlägt“, so Hambüchen, der auf Einladung von Kieser Training nach Pforzheim gekommen war. awt

Zur Person

Geboren 25. Oktober 1987 in Bergisch Gladbach, hatte sich Fabian Hambüchen schon als kleiner Junge eine Olympia-Medaille in den Kopf gesetzt. Trainiert von seinem Vater Wolfgang Hambüchen holte er im Laufe seiner Turnerkarriere einen kompletten Medaillensatz am Reck.

Nach Bronze 2008 in Peking und Silber 2012 in London krönte er 2016 seine Karriere mit Olympia-Gold in Rio. Zudem wurde er 2007 Weltmeister am Reck. Auch in der Bundesliga hatte Hambüchen Erfolg. So holte er beispielsweise mit der KTV Straubenhardt 2005 und 2009 den Meistertitel. awt

Autor: Das Gespräch führten Udo Koller und Anna Wittmershaus