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Enzkreis -  13.01.2021
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Faktencheck: Flyer warnt vor Corona-Impfung – zu Recht?

Pforzheim/Enzkreis. Die Covid-19-Pandemie ruft immer wieder Corona-Leugner und Impf-Gegner auf den Plan. Auch auf Flugblättern, wie sie zuletzt in Mühlacker oder in Keltern vom Verein Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie (mwgfd) verteilt wurden, wird das Virus verharmlost oder vor einer Impfung gewarnt. Doch was ist dran an den genannten Fakten? Was taugen die aufgeführten Negativbeispiele?

Von vielen heiß ersehnt, von einigen mit Argwohn betrachtet: Der Corona-Impfstoff, den eine Krankenpflegerin hier auf eine Spritze zieht. Foto: Nietfeld/dpa
Von vielen heiß ersehnt, von einigen mit Argwohn betrachtet: Der Corona-Impfstoff, den eine Krankenpflegerin hier auf eine Spritze zieht. Foto: Nietfeld/dpa

PZ-Redakteur Sven Bernhagen hat bei Dr. Sylvia Renkert vom Gesundheitsamt des Enzkreises nachgefragt. Die hat sich tief in die Materie eingearbeitet und liefert einen fundierten Faktencheck. Sie sei „dankbar für die Fragen“ und freue sich, bei diesem „sehr wichtigen Thema“ Aufklärung leisten zu können.

JA

Die schnelle Entwicklung des Corona-Impfstoffs wecke „schlimmste Befürchtungen“, schreibt der mwgfd, denn: Vor zehn Jahren habe der gerade erst zugelassene Impfstoff gegen die Schweinegrippe bei etlichen – vor allem jungen – Menschen Narkolepsie (Schlafkrankheit) hervorgerufen, die sonst nie an der Schweinegrippe erkrankt wären. Gibt es eine Häufung von Narkolepsie-Fällen nach Schweinegrippe-Impfungen?

Ja. Mit der Schweinegrippe-Pandemie wurden im Herbst 2009 fünf Impfstoffe europaweit zugelassen. Bei einem dieser Impfstoffe – Pandemrix – kam es überzufällig häufig zur Narkolepsie bei Menschen mit einem speziellen genetischen Merkmal. Die Laborforschung hat gezeigt, dass die Kombination aus dem verwendeten Virusbruchstück und Vitamin E im Adjuvans (abwehrverstärkender Zusatzstoff) zu Veränderungen an einer bestimmten Gruppe von Nervenzellen führt. Diese Veränderungen werden als Ursache für Narkolepsie diskutiert.

Bis Oktober 2016 wurden dem Paul-Ehrlich-Institut 86 Narkolepsie-Verdachtsfälle gemeldet. Verglichen mit der ungeimpften Bevölkerung war bei Pandemrix-geimpften Erwachsenen mit maximal einem zusätzlichen Fall von Narkolepsie pro 100.000 Menschen zu rechnen, bei Kindern und Jugendlichen mit zwei bis sechs zusätzlichen Fällen. Der Impfstoff wird nicht mehr verwendet.

NEIN

Taugen die angeführten Fälle als generelle Warnung vor Impfungen?

Nein. Impfungen sind zwar bestimmungsgemäß immer ein Trigger fürs Immunsystem. Aktive Impfungen und echte Krankheitserreger führen dazu, dass unser Körper ganz spezifische Abwehrkräfte aufbaut. Genau auf den Eindringling passende Antikörper und Killerzellen sind die Folge. Selten einmal passen diese Waffen auch auf körpereigene Strukturen, zum Beispiel auf eines unserer etwa 20.000 verschiedenen Eiweiße. Aber: Zu dieser Kreuzreaktivität kommt es häufiger nach echten Erkrankungen als nach Impfungen.

NEIN

Lassen sich Schweinegrippe-Impfung und Corona-Impfung überhaupt miteinander vergleichen?

Nein. Vergleicht man die jetzt zugelassenen Corona-Impfstoffe mit dem Impfstoff Pandemrix fallen zwei Unterschiede auf. Erstens: Den beiden Corona-Impfstoffen wird kein Adjuvans zugesetzt. Zweitens: Am Impfort lassen die jetzt zugelassenen Corona-IImpfstoffe unsere Muskelzellen ein Corona-Virusprotein herstellen. Es ist das Spikeprotein, das wir alle als Dorn auf der Oberfläche des Coronavirus kennen. Bei der Grippeimpfung werden die Varianten von zwei anderen Proteinen verwendet. Auch hier ist ein klarer Unterschied gegeben.

JEIN

Die Schweinegrippe-Impfung hat mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht, weil es sich um eine der harmlosesten Grippewellen gehandelt hat.

Jein. Die pandemische Influenza 2009/2010 war bezogen auf die Zahl der Krankheitsfälle eine durchschnittliche Grippewelle. Dem Robert-Koch-Institut wurden 225.729 Fälle gemeldet, knapp 8000 Krankenhausbehandlungen und 250 Todesfälle. Aber einige Dinge waren 2009 völlig neu, die die Mediziner in Alarmbereitschaft versetzten. Es zirkulierte eine neue Variante der Influenza A vom Typ H1N1. Die verbreitete sich sehr früh in der Saison und war äußerst dominant (99,5 Prozent der Fälle).

NEIN

Sind Gefahren durch eine Corona-Impfung größer als der Nutzen?

Nein. Wenn sich ein solcher Sachverhalt andeutet, wird der betreffende Impfstoff bei uns nicht zu gelassen und erst recht nicht empfohlen. Bei der Zulassung prüft das Paul-Ehrlich-Institut Wirksamkeit und Verträglichkeit. Die ständige Impfkommission (STIKO) prüft die Effekte von Impfungen auf Individuen und die Gesamtbevölkerung. Dabei ist wichtig, wie häufig die Erkrankung bei uns auftritt und wie schwer die Verläufe sind. Die STIKO sichtet alle Daten und vorhandenen Studien und bewertet die Aussagekraft nach festgelegten Kriterien. Ergibt sich ein Nutzen der Impfung für die Gesamtbevölkerung, so empfiehlt die STIKO die Impfung für alle. Zusätzlich wird angegeben, zu welchem Impfzeitpunkt der Nutzen fürs Individuum maximal ist. So ist die Immunisierung gegen Wundstarrkrampf wichtig, bevor sich die Kleinen zum ersten Mal das Knie aufschlagen. Gegen Hepatitis B und HPV sollte man geschützt sein, bevor man sexuell aktiv wird. An Gürtelrose und der schmerzhaften, langanhaltenden Zoster-Neuralgie erkranken am häufigsten ältere Menschen, die STIKO empfiehlt die Impfung ab dem 60. Lebensjahr.

OFFEN

Drohen Langzeitfolgen durch Corona-Impfung?

Offen. Sehr seltene Impf-Komplikationen lassen sich erst nach einigen Millionen Impfungen und Langzeitfolgen erst nach langer Beobachtungszeit aufdecken und statistisch sichern. Das kann für die Corona- Impfung schlicht noch keiner wissen.

JA

Sind Nebenwirkungen in der Forschungs- und Erprobungsphase bereits ausreichend ermittelt worden?

Ja, man hat das Übliche gefunden: Schmerzen am Impfort, Fieber, Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen. Allergiker können auf den Impfstoff empfindlich reagieren. Einzelfälle mit vorübergehender Gesichtslähmung. Nebenwirkungen sind häufig und ungefährlich. Sie sind eine normale Reaktion und im Rahmen der Immunitätsentwicklung nicht vermeidbar. Häufige Komplikationen, die innerhalb von Wochen nach der Impfung auftreten, sind bei der Zulassung bekannt. Sehr seltene Komplikationen sind erst nach entsprechenden Impfzahlen zu erfassen.

OFFEN

Sind Embryonalschädigungen wie durch das Schlafmittel Contergan in den 1960er-Jahren oder Unfruchtbarkeit durch eine Corona-Impfung möglich?

Offen. Aufgrund fehlender Daten ist die Covid-19-Impfung für Schwangere derzeit nicht empfohlen. Auch Frauen, die damit rechnen, schwanger zu werden, sollten zum Schutz vor Covid die AHA-L-Regeln statt der Impfung anwenden. Unfruchtbarkeit ist nicht zu erwarten, aber noch nicht grundsätzlich auszuschließen.

NEIN

Die Impfstoffentwicklung dauert normalerweise zehn bis 20 Jahre. Sind mit der schnellen Entwicklung des Corona-Impfstoffs größere Risiken für die Geimpften verbunden?

Nein. Man hat aufgrund der Pandemie die Forschung auf Covid hin gebündelt und thematisch benachbarte Fachpersonal- und Laborkapazitäten dafür genutzt. Möglicherweise werden wir auf Innovation bei anderen Infektionskrankheiten dafür etwas länger warten.

NEIN

Der neue Impfstoff enthält Virusgene. Können diese nach der Impfung an Stellen im Körper kommen, die das Virus sonst nie erreicht hätte?

Das ist kaum vorstellbar. Das Sars-CoV-2 scheint im Körper keine Grenze zu kennen, das wird der neue Impfstoff, der überwiegend am Injektionsort verbleibt, kaum überbieten können. Sars-CoV-2 wechselt zum Beispiel die Etage, rutscht vom Rachenraum in Bronchien und Lunge. Man hat es aber auch im Hirn und bei den Hirnhäuten gefunden, es löst im Magen-Darm-Trakt Erbrechen und Durchfall aus. Bekannt sind auch Herzmuskelentzündung und Veränderungen in den Blutgefäßen, die zu Gerinnseln und Infarkten führen. Bei anderen Viren findet man das auch. Das Varizella-Zoster-Virus (Windpocken) setzt sogar noch eins drauf. Nach den Windpocken verkriecht es sich neben der Wirbelsäule in Ganglien, das sind Gruppen von Nervenzellen. Dort bleibt es Jahrzehnte und wartet ab. Und irgendwann schickt es seine Kopien die Nervenbahnen entlang bis auf die Haut und verursacht die Gürtelrose.

NEIN

Virusgene als Impfstoff – ist das tatsächlich komplett neu?

Nein. An diesem mRNA-Impfstofftyp wird in Deutschland schon einige Jahre geforscht. HIV stand lange im Mittelpunkt des Interesses, jetzt ist es Sars-CoV-2. Gespritzt wird eine Kopie von einem kleinen Teil der Viruserbsubstanz. Es ist eine Kopie vom Bauplan des Spikeproteins. Man hat die Kopie verändert. Dadurch entgeht die mRNA als Fremdmaterial erstmal dem sofortigen Abbau. Weitere Veränderungen stellen sicher, dass genug Spikeprotein nach diesem Plan von unseren Muskelzellen hergestellt wird.

NEIN

Geht von der mRNA-Technik eine Gefahr aus?

Eine Gefahr ist nicht absehbar. Die mRNA des Impfstoffes ist nach ein paar Tagen vollständig abgebaut. Sie kann nicht in unsere Erbsubstanz eingebaut werden, sie kommt nicht mal in den Zellkern.

NEIN

Im Flyer wird behauptet, 2020 starben in Deutschland weniger Menschen als im Grippejahr 2018. Ist Corona also ungefährlich?

Nein! Die Grippewelle 2017/18 war eine stärkere mit 333.000 Fällen und 1665 Todesfällen in Deutschland. Jetzt zu den Sterbezahlen pro Jahr, wie sie von Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden: 921.989 Menschen sind bis einschließlich der 50. Kalenderwoche 2020 in Deutschland gestorben. Das sind über 28.000 Tote mehr als im Schnitt der Jahre 2016 bis 2019. Und darin sind die Sterbefälle der letzten zwei Wochen noch nicht berücksichtigt, in denen die Inzidenzen und die Zahl der hospitalisierten Fälle hoch waren. 14 Prozent der Erkrankten brauchen eine Krankenhausbehandlung, etwa zwei Prozent der Erkrankten sterben. Sars-CoV-2 ist gefährlich.

Hier gibt es Fakten, statt Fiktion

Wer sich tiefergehend informieren will: Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz stellt in Faktenboxen kritisch Nutzen und Risiko von Impfungen und Vorsorgemaßnahmen gegenüber (www.hardingcenter.de/de/transfer-und-nutzen/faktenboxen). Ähnliches findet man beim Robert-Koch-Institut unter www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Materialien/Faktenblaetter/Faktenblaetter_Tab.html

Autor: Sven Bernhagen