Finanzamt beantragt Insolvenzverfahren: GU-Türkischer SV Pforzheim in finanzieller Schieflage
Wegen Verbindlichkeiten in sechsstelliger Höhe beantragt das Finanzamt ein Insolvenzverfahren. Die Zukunft des Pforzheimer Fußballvereins ist fraglich.
Die GU-Türkischer SV Pforzheim steckt in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Verbindlichkeiten in sechsstelliger Höhe drücken den Verein. Das Finanzamt hat laut dem neuen GU-Vorstand einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Die Zukunft des Vereins erscheint aktuell ungewiss.
Das hatten sich Halit Cömez und Florian Thanner vor gut einem Monat anders vorgestellt: Ende April bei der Hauptversammlung zum neuen Vorstandsduo der GU gewählt, wollten sie die Zukunft des Vereins anpacken und gestalten. Stattdessen sind die beiden als Krisenmanager gefordert und kämpfen um den Fortbestand des Vereins.
Er sei vor einiger Zeit über seine Frau, die Physiotherapeutin beim Verbandsligisten ist, in den Verein „reingerutscht“, sagt Thanner. Er sei dann zu Auswärtsspielen mitgefahren und habe sich rund um das Team engagiert. Zu Jahresbeginn sei er dann gefragt worden, ob er stellvertretender Vorsitzender werden wolle – neben Cömez. Thanner sagte zu, ohne zu ahnen, was auf ihn zukommen würde. Dass der Verein Schulden hat, sei dem neuen Führungsduo am Tag der Hauptversammlung anhand von Rechnungen oder Mails klar gewesen.
„Wir hatten mit 50.000, 60.000 Euro gerechnet“, so Thanner.
Doch dabei blieb es nicht.
Seither „ist immer mehr zum Vorschein gekommen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende. Es stellte sich heraus, dass „Dinge versäumt wurden, die zu einem e.V. dazugehören“, so so der in ehrenamtlicher Tätigkeit in Sportvereinen erfahrene Thanner. „Ein eingetragener Verein hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten.“ So seien über mehrere Jahre keine Steuererklärungen des Vereins abgegeben worden – was den Verein uach die Gemeinnützigkeit kostete.
Schwerer wiegen aber vor allem in den vergangenen zwei bis drei Jahren nicht gezahlte Körperschaftssteuer und Einkommensteuer auf Verträge mit Angestellten des Vereins – im Wesentlichen die Fußballer der Verbandsliga-Mannschaft. Allein dem Finanzamt schulde die GU mehr als 200.000 Euro. Die Behörde als Gläubigerin habe daher den Antrag auf ein Insolvenzverfahren gestellt. „Früher oder später hätten wir das gemacht“, sagt Thanner. „Aber dass uns das Finanzamt zuvorgekommen ist, ist nicht schlecht.“
Der neue Vorstand musste sich zunächst einen Überblick verschaffen über die finanziellen Verhältnisse – was aufgrund fehlender Unterlagen und mangelnder Unterstützung der zuvor Verantwortlichen äußerst schwierig ist. Die Übergabe vom alten zum neuen Vorstand verlief offenbar alles andere als geordnet. Hinzu kommt: Im Juni 2024, also vor knapp zwei Jahren, hat das Finanzamt schon eine Hausdurchsuchung bei der GU vorgenommen und „zwei Kartons“ mit Dokumenten eingezogen. Auch das hat Thanner erst jetzt erfahren. Welche Dokumente das Finanzamt damals sicherstellte, weiß er noch nicht. „Ich kann diese Unterlagen jetzt erst einsehen.“
Thanner hofft, dass möglichst bald ein Insolvenzverwalter bestellt ist, der den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens prüfen wird. „Ich bin regelmäßig im Austausch mit dem Finanzamt“, sagt Thanner. Doch letztlich hängt das weitere Vorgehen davon ab, ob ein Insolvenzverfahren eröffnet wird – was nicht selbstverständlich ist. „Mangels Masse“ – das würde bedeuten, dass das Vermögen eines Schuldners nicht ausreiche, um die Kosten des Verfahrens zu tragen – könne ein Insolvenzgericht die Eröffnung eines Verfahrens auch ablehnen. Dies hätte gravierende Folgen für den Verein, die Liquidation droht. „Ich hoffe, dass es ein Insolvenzverfahren gibt“, sagt Thanner, der ebenso wie Cömez trotz der schwierigen, von ihnen nicht zu verantwortenden Situation nicht den Bettel hingeworfen hat. Noch nicht. „Ein Rücktritt steht natürlich auch im Raum.“
Abschied aus der Verbandsliga?
Sportlich bleibt die prekäre Lage des Vereins – der zudem durch im Februar aufgenommene Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft wegen Geldwäscheverdachts im Umfeld der GU erschüttert wurde – nicht folgenlos: Am vergangenen Wochenende sagten sowohl die erste Mannschaft ihr Verbandsliga-Spiel als auch die „Zweite“ ihre Partie in der Kreisliga Pforzheim aufgrund von Spielermangel ab. Bei der GU fließt kein Geld mehr, etliche Spieler hätten den Verein schon verlassen – andere hingegen seien dennoch bereit, zu spielen.
„Es gibt einen harten Kern von sechs, sieben Spielern, die die Saison durchziehen wollen“, sagt Thanner. „Aber mit sieben Leuten kann man schlecht spielen.“
Ob daher beide Mannschaften der Pforzheimer oder nur eine zum Saisonausklang am Wochenende auflaufen, ist noch offen. „Das entscheidet sich am Donnerstagabend“, so der stellvertretende Vorsitzende.
Ungewiss ist auch die weitere sportliche Zukunft. „Von ... bis ist alles möglich“, sagt Thanner. Dass die GU weiter in der Verbandsliga spielen werde, „ist eher unwahrscheinlich“ – auch wenn Trainer Gökhan Gökce und einzelne Spieler sich bereiterklärt hätten, bei der GU zu bleiben. Möglicherweise stellt der Verein in der nächsten Saison auch nur eine Mannschaft.
Im ungünstigsten Fall muss der (Spiel-)Betrieb eingestellt werden. Es ist ein Szenario, das aktuell nicht aus der Luft gegriffen erscheint.
