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Pforzheim -  29.04.2019
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Flowtex-Skandal im TV: Pforzheimer Anwalt flog mit Koffern voller Geld um die Welt

Pforzheim. Der Skandal um die Ettlinger Firma Flowtex wird nun als SWR-Produktion im Fernsehen gezeigt. Was viele nicht wissen: Im Zuge des Skandals erging im April 2008 das Urteil gegen einen Pforzheimer Anwalt.

Foto: Symbolbild: dpa

Die Auswirkungen des Flowtex-Skandals waren auch in der Goldstadt zu spüren: Im April 2008 erging das Urteil gegen einen Pforzheimer Anwalt: Vier Jahre Haft wegen Beihilfe zum Betrug und zur Steuerhinterziehung. Der Angeklagte sei „von der ersten Stunde an Hausjurist“ von Manfred Schmider gewesen, so die Richterin damals.

Der Beschuldigte habe befürchtet, „lukrative Einnahmen aus einer Vielzahl von Beraterverträgen zu verlieren und wieder ein Leben als kleiner Anwalt in Pforzheim zu führen“, betonte die Richterin. Er habe sich an „einen gewissen gesellschaftlichen Rahmen“ gewöhnt, an Fernreisen und daran, für Flowtex-Chef Manfred Schmider mit „Koffern voller Geld“ um die Welt zu fliegen.

Der damals 69-jährige Jurist musste eineinhalb Jahre Freiheitsstrafe absitzen, weil das Gericht einen Teil der Haftzeit durch die U-Haft bereits als vollstreckt ansah.

Der Pforzheimer habe sich von der Flowtex-Führung kaufen lassen, sagte die Vorsitzende Richterin am Landgericht Mannheim. Gegen die vier Haupttäter wurden Freiheitsstrafen von insgesamt 58 Jahren verhängt. Der Anwalt habe geholfen, das Lügengebäude der beiden verurteilten Haupttäter Manfred Schmider und Klaus Kleiser aufrechtzuerhalten, begründete die Vorsitzende Richterin. So habe er die Führung der Flowtex-Gruppe rechtlich beraten und weitere Firmen gegründet, um die Betrugstaten zu verschleiern.

Dabei habe der Pforzheimer Jurist bereits vor 1997 gewusst, dass Flowtex vor allem Luftgeschäfte betrieb. Der Schwindel war erst Anfang 2000 aufgeflogen.

Hintergrund: 

Groß, größer, Flowtex. Wenn in der SWR-Produktion „Big Manni“ der Hauptdarsteller sich mit hektischer Grandezza durch die Haare fährt, ist alles wieder, als wäre es erst gestern passiert: Der Skandal um die Ettlinger Firma Flowtex ist eine einzige Groteske – auch im TV-Film, der morgen am 1. Mai um 20.15 Uhr im Ersten läuft.

Lichter blinken schemenhaft, die Landebahn ist dunkel, die Gesichter der Passagiere im Privatflieger sind angespannt und Big Mannis Gesicht wie immer von leichtem Schweißfilm überzogen. Mit der Hand trommelt er nervös gegen die Kabinenwand, schnauzt die Gattin an und wendet sich schnaufend ab. In der Auftaktszene der SWR-Produktion „Big Manni“ ist Manni längst am Ende – oder jedenfalls fast. Bevor es dazu kommt, will Manni, im Film Manfred Brenner und gespielt von Hans-Jochen Wagner, seine schier unglaubliche Geschichte aber lieber selbst erzählen: Die Geschichte um die Firma Flowtex im badischen Ettlingen, deren Gründer Manfred Schmider als einer der größten Wirtschaftsbetrüger jemals in die Annalen einging. Regisseur Niki Stein hat den Film als Groteske angelegt – und kommt gerade dadurch der Realität ziemlich nahe.

Alles dreht sich im Film um ihn: Extra breitbeinig, bräsig und beleibt stapft Manni durchs Leben, stürzt beim Skifahren geradewegs über seine spätere Frau (Nina Gnädig), verdient erst gutes Geld mit Fassadenfarben und stolpert dann im wahrsten Sinne des Wortes über eine einzigartige Geschäftsidee. Nur dass die ihn Jahre später zu Fall bringt, Politiker mit sich reißt, langwierige Prozesse nach sich zieht und dem Steuerzahler einen Schaden von weit mehr als vier Milliarden Euro bescheren wird: Manni hat Horizontalbohrmaschinen verleast, die es gar nicht gab und Aufträge vorgetäuscht, wo keine waren. Ganz einfach. Nur merken wollen hat’s halt keiner.

Umgeben von Knallchargen – „Grasdaggl und Schwachmade“, wie es in schönstem Dialekt heißt – in Gestalt gieriger Banker, schleimiger Politiker und Mannis unbedarftem Luxusweibchen, gewinnt im Film nur Manni füllige Kontur. Er blamiert sich beim Golfspielen, trumpft ständig leicht schwitzend vor leichtgläubigen Bänkern auf und schlittert mit einer gehörigen Portion Schlitzohrigkeit und Chuzpe als hemdsärmeliger Choleriker von einem Kredit zum nächsten.

Die Dialoge sind absurd banal, der von den Schauspielern gesprochene Dialekt bildet hörbar die provinzielle Kumpanei ab, ohne die die Flowtex-Gaunereien nie so prachtvoll hätten gedeihen können. „Bedengge, immer bloß Bedengge“, schnaubt Manni verächtlich – um sich über eben jene sogleich hinwegzusetzen.

Der Film kommt ohne Schlenker aus und verwendet absichtlich keine Mühe auf feinfühlige Charakterstudien. Wie Mannis Ehe ist? Was seine Frau so denkt? Egal. Was um Himmels willen einen wie Manni dazu bringt, sich relativ furcht- und bedenkenlos über Jahre immer tiefer in das Schneeballsystem hineinzumanövrieren? Egal. Selbst eine Szene, in der Manni zusammenbricht und panisch hyperventiliert, ist als Slapstick angelegt. Eine Moral gibt es hier nicht, höchstens diese: Ernstgenommen wird man als Mensch in Not grundsätzlich nicht.

Die Erschütterungen des Flowtex-Skandals hallen bis heute nach. 240 Millionen Euro wurden bisher an 396 Gläubiger ausgeschüttet. Prozesse in der Schweiz um das Privatvermögen Schmiders werden nach Worten eines Sprechers des Insolvenzverwalters Schultze & Braun noch viele Jahre dauern. Die Dokumentation „Big Manni-Big Money“ dröselt im Anschluss an den Film die realen Geschehnisse auf. Schmider, der nach Verbüßen einer langjährigen Haftstrafe sein altes Leben hinter sich gelassen hat, steht darin Rede und Antwort.

Autor: ne