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Mühlacker -  12.03.2026
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„Für Kinder muss man sein Ego zurückstellen“: Knittlinger Familienanwalt über den Block-Prozess

Pforzheim/Knittlingen. Schon seit Juli 2025 läuft in Hamburg der Prozess im Entführungsfall Block, der auch eine Verbindung in die Region hat. Der Diskussionsstoff geht nicht aus, zumal man das Ganze aus etlichen Blickwinkeln betrachten kann – so wie im Hause Vogt in Knittlingen. Die Perspektive einer Mutter kann Judith Vogt einnehmen, ihr Ehemann wiederum ist Experte für rechtliche Aspekte. Als Anwalt mit Schwerpunkt Familienrecht hat Bernd Vogt mit Streitigkeiten wie denen der angeklagten Christina Block und ihres Ex-Manns Stephan Hensel zu tun.

Der Block-Fall beschäftigt schon lange die Ermittler.
Der Block-Fall beschäftigt schon lange die Ermittler. Foto: Marcus Brandt/picture-alliance/dpa/dpa-Pool// Wagner

Pforzheimer Zeitung: Dass eine Mutter überhaupt in den Verdacht geraten kann, für eine Entführung ihrer Kinder zu sorgen, erscheint sehr ungewöhnlich, wie sehen Sie das?

Bernd Vogt: Auf den ersten Blick ist das so. Aber natürlich haben wir auch da Gleichberechtigung.

Judith Vogt: Die frühere Überzeugung „ein Kind gehört zu seiner Mutter“ passt nicht mehr in die Zeit. Väter bringen sich deutlich mehr ein als früher.

Bernd Vogt: Ich habe gerade zwei, drei Fälle, in denen die Mutter nicht einsieht, dass der Vater das Sorgerecht hat. Da entführt die Mutter nicht, aber sie stalkt. Oder die Mutter will mit dem Kind ins Ausland.

Ein Urteil erscheint weit entfernt, erst recht weiß noch niemand, wie es ausfallen wird, aber ist für Sie überhaupt noch denkbar, dass Christina Block nichts vom Plan der Entführung am 31. Dezember 2023 wusste?

Judith Vogt: Spätestens, wenn sie die Kinder bei sich hat, ist sie sich bewusst, dass das nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Bernd Vogt: Nachgewiesen ist inzwischen ja, dass die Entführer im Hotel der Blocks waren und nichts oder zumindest wenig bezahlen mussten. Unabhängig von einem möglichen Tatbeitrag kann ich mir daher nicht vorstellen, dass die Familie gar nichts gewusst hat.

Zumindest theoretisch hätte sie schon zum Selbstschutz, gleich als ihr die Entführer gesagt haben „du kannst deine Kinder sehen“, die Polizei anrufen müssen. Aber praktisch würde doch niemand so handeln, oder?

Bernd Vogt: Rechtlich gesehen wäre sie dazu verpflichtet gewesen – auch im Sinne des Wohls der Kinder, die ja durch die Entführung traumatisiert worden sind. Aber natürlich kann ich mir vorstellen, dass Frau Block anders gedacht hat und dass sie die Kinder nicht mehr hergeben wollte.

Judith Vogt: Wenn ich als Mutter die Chance habe, meine Kinder zu sehen, nehme ich die wahr. Dann ist egal, wie sich das Drumherum gestaltet. Ein Mann würde das sicher etwas rationaler betrachten.

Bernd Vogt: Der Zwiespalt, in dem die Mutter steckt, ist Wahnsinn.

Judith Vogt: Nur hätte die Situation nicht so eskalieren dürfen: Um die Kinder zu schützen, muss man sein Ego zurückstellen. Bei einer Mutter geht das an sich schon mit Beginn der Schwangerschaft los.

Teil der Vorgeschichte ist, dass ein deutsches Gericht Christina Block das Sorgerecht zugesprochen hat, die Kinder aber im August 2021 nicht von einem Besuch beim Vater in Dänemark zurückgekehrt sind ...

Bernd Vogt: Durchs Haager Abkommen hätte sie die Kinder aus meiner Sicht zurückbekommen können. Nur dauert das sehr lang. Falls sie zur Entführung angestiftet hat, ist das genauso strafbar wie die Tat an sich. Einen hinreichenden Verdacht muss es gegeben haben, sonst hätte die Staatsanwaltschaft nicht Anklage erhoben.

Der eine oder andere wird sich aber schon fragen, ob der riesige Aufwand nötig ist – auch weil relativ unklar war, ob der Prozess etwas ans Licht bringen würde.

Judith Vogt: Ich denke, dass der Sachverhalt nach so einem außergewöhnlichen Ereignis aufgeklärt werden muss. Nur wäre es wünschenswert, dass das ohne die Kinder möglich wäre.

So wie es aussieht, wollen nun aber beide Kinder nicht vor Gericht aussagen ...

Judith Vogt: Das verdeutlicht das Spannungsfeld. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es in den Kindern nicht arbeitet, ja brodelt. Sagt ein Kind nicht mehr, was es will, finde ich das befremdlich.

Bernd Vogt: Der Vater hatte so Angst um die Kinder, dass er sie mit einem Tracker versehen hat, sie dann woanders hingebracht hat ... Bis zum heutigen Tag spüren die Kinder, dass sich die Eltern in keinem Punkt einig sind. Auch aus meiner Erfahrung heraus ist für mich klar: Die Kinder sind komplett traumatisiert.

Judith Vogt: Egal welches Urteil gefällt wird, die eigentliche Arbeit beginnt im Nachgang, indem die Kinder psychologisch betreut werden, um wieder in einen normalen Alltag zu finden.

Übers Eltern-Kind-Verhältnis lässt sich auch in anderer Hinsicht sprechen. Klar ist ja längst, dass auch Firmenchef Eugen Block als Großvater und Patriarch Erwartungen an seine Tochter hat und an seinen damaligen Schwiegersohn hatte.

Judith Vogt: Ich kann mir vorstellen, dass seine Intention schlicht war, seiner Tochter zu helfen, ihre Kinder wieder zu bekommen.

Besondere Punkte sind seine finanziellen Möglichkeiten einerseits, und dass der Schwiegersohn im Unternehmen mitarbeitete andererseits.

Bernd Vogt: Dass jemand in so einer Situation zum ungeliebten Schwiegersohn wird, ist fast schon ein Klassiker. Meistens wird es aber nicht so schlimm: In diesem Fall und für die Eskalation spielt sicher auch eine Rolle, dass neben dem deutschen auch das dänische Recht ins Spiel gekommen ist.

Judith Vogt: Die Rolle von Personen aus dem weiteren Familienkreis finde ich gar nicht besonders auffällig. Im Kleinen ist das nicht groß anders: Bei uns haben auch schon Großeltern geklingelt, um quasi das Umgangsrecht des Enkels mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter einzufordern.

Bernd Vogt: Die Großeltern waren auch mal in Dänemark, wohl mit Geschenken. Ihnen kam es vor, als seien die Kinder abgeschirmt wie in Fort Knox, und es kam nicht zu einem Kontakt. Dass es ähnliche Fälle zuhauf gibt, merken Sie, wenn Sie einen Tag in Pforzheim im Familiengericht sitzen. Seit der Corona-Zeit sind die Streitigkeiten über die Kinder viel massiver und härter geworden: Da ist keiner mehr kompromissbereit.

Im Fall Block hieß es ja, wenn überhaupt jemand, könne nur die inzwischen verstorbene Großmutter Christa Block einen Auftrag für die Entführung gegeben haben.

Bernd Vogt: Da sie sich nicht mehr wehren kann, war da wohl die Verteidigungsstrategie, die Verantwortung wegzudrücken.

Vor Gericht steht immerhin ein Entführer – und dieser Israeli sagt, um Geld sei es ja gar nicht gegangen, sondern um die Kinder. Deren Mutter habe er helfen wollen. Dass Angeklagte sich als Robin Hood darstellen, ist wohl auch gar nicht ungewöhnlich.

Bernd Vogt: Solch eine Aktion mache ich sicher nicht selbstlos, weil ich um die möglichen Folgen für mich weiß. Aber wir reden hier ja auch nicht von guten Freunden der Familie, sondern von Leuten, die mit dem Mossad in Verbindung gebracht werden. Bei jemandem, der mit einem Geheimdienst zu tun hat, muss man von professionellem Vorgehen ausgehen.

Verteidiger Ingo Bott stellt das Vorgehen allerdings als unprofessionell dar. Er spricht auch von eigenmächtigem Handeln.

Bernd Vogt: Irgendwie muss er darauf reagieren, dass es einen so intensiven Kontakt zu der Gruppe gegeben hat. Die Frage ist, ob die Zweifel des Gerichts groß genug für einen Freispruch sind.

Der Fall Block bietet ja so ziemlich alles inklusive Gewaltvorwürfen von Kindern gegenüber der Mutter und sehr vager Pädophilie-Vorwürfe der Mutter gegenüber dem Vater ...

Judith Vogt: Das ist für mich das Allerletzte. Wenn sogar Pädophilie-Vorwürfe kommen, glaube ich, dass der Schaden nicht mehr zu reparieren ist – weder für den Elternteil, dem diese Vorwürfe gemacht werden, noch für die Kinder.

Bernd Vogt: Aber solche Vorwürfe einer Kindesmutter kommen schon immer häufiger vor. Das erinnert mich an die Zeit, nachdem Vergewaltigung in der Ehe strafbar geworden war. Danach hat das in etwa jeder zweiten ehelichen Auseinandersetzung eine Rolle gespielt. Wenn die Frau sagte: „...und vergewaltigt hat er mich auch noch ...“ hat der Mann dann vielleicht doch dem Vergleich in Sachen Unterhalt zugestimmt.

Herr Vogt, würde es Sie denn reizen, Frau Block oder jemanden von den anderen Angeklagten zu vertreten, oder eher die Nebenklägerseite?

Bernd Vogt: Als Anwalt ähnle ich da einem Arzt, der ja operiert, ohne erst zu fragen, wen er vor sich hat. Je komplexer, je undurchsichtiger ein Fall, je besser ist das aber für die Verteidigung, denn dann kann man eher erfolgreich arbeiten. Umgekehrt wird die Akte dünner sein, wenn ich jemanden verteidige, der nach einem Mord auf frischer Tat ertappt wurde.

Ist für Sie beide eigentlich konkret vorstellbar, dass nach einer sicher noch langen Zeit zwischen Hoffen und Bangen tatsächlich irgendwann eine Gefängnistür hinter Christina Block ins Schloss fällt?

Bernd Vogt: Ob im Fall der Verurteilung die Strafe maximal zwei Jahre beträgt und von daher noch Bewährung möglich wäre, kann ich nicht abschließend sagen. Das hängt ja auch davon ab, was genau dann dem Urteil zufolge in Auftrag gegeben wurde. Aber spätestens seit Uli Hoeneß ist alles denkbar. Auch andere Prominente haben Haftstrafen erhalten.

Judith Vogt: Ich kann mir das schon vorstellen: Auf jeden Fall wäre es ein einschneidendes Erlebnis, für Frau Block, aber auch für die Kinder.

Nach der Entführung sind die Kinder nach Pforzheim gebracht worden. Macht diese Komponente den Fall auch für Sie noch einmal interessanter?

Bernd Vogt: Pforzheim ist wohl doch nicht so klein und unbedeutend, wie man oft annimmt.

Judith Vogt (lacht): Eher ungewöhnlich, dass man aus Hamburg nach Pforzheim kommt – schon des Dialekts wegen ...

Bernd Vogt: Auf Umwegen ging es dann auch schnell zurück.

Die Kinder waren auch nur wenige Tage bei Frau Block, also schnell wieder in Dänemark ...

Bernd Vogt: Zu denken, dass die Entführung dazu führt, dass die Kinder dauerhaft bei ihr bleiben, wäre sehr blauäugig gewesen. Ganz unabhängig vom Strafrechtlichen spricht Vieles dafür, dass es ein Problem zwischen Frau Block und den Kindern gibt. Deswegen hätte sie einen Schritt zurücktreten sollen und Zeit ins Land gehen lassen. Erfahrungsgemäß ändern sich Dinge mit der Zeit – gerade auch durch die Pubertät. Es kann sein, dass ein Kind bei einem Elternteil plötzlich vor der Tür steht.

Nun zeigt der Fall Block, dass das Miteinander oft schwierig ist, dass gerade Konflikte zwischen Mann und Frau nachhaltig für Frust sorgen können. Warum kann man aus Ihrer Sicht darauf vertrauen, dass es sich lohnen könnte, zu heiraten?

Bernd Vogt: Jetzt fängst am Besten du an ...

Judith Vogt: ... Sie haben ein wichtiges Wort schon ausgesprochen: Vertrauen. Das hat Frau Block gefehlt: Das Vertrauen, dass sich Dinge zum Guten entwickeln können. Urvertrauen muss man in einer Beziehung mitbringen – insbesondere, wenn auch Kinder betroffen sind.

Bernd Vogt: Ich bin oft gefragt worden: Warum heiratest du, du hast das Elend der Scheidung doch immer wieder erlebt? Aber meine Frau ist auch mein bester Freund. Da überwiegt das Glück, solch einen Menschen gefunden zu haben, weshalb sich eine Ehe mit einem geliebten Menschen immer lohnt.

Judith und Bernd Vogt

Judith Vogt (Jahrgang 1973) stammt aus Maulbronn-Schmie ist gelernte Krankenschwester und nun in leitender Funktion beim Medizinischen Dienst Baden Württemberg. Ihr Gatte Bernd Vogt (geboren 1967) ist Anwalt mit Schwerpunkt Familienrecht. Der Knittlinger CDU-Gemeinderat und Jäger spielte als Torhüter bei VfR und 1. FC Pforzheim und mit dem VfR Heilbronn sogar im Fußball-DFB-Pokal. Für den erwachsenen Sohn seiner Frau hat er die Vaterrolle übernommen.

Der Chronologie des Fall Block

Christina Block (Jahrgang 1973), die Tochter des Hamburger Steakhauskettengründers Eugen Block, heiratet 2005 den ebenso alten Stephan Hensel. Der arbeitet mit einer Unterbrechung bis 2013 im Firmen-Imperium des Schwiegervaters. Nach der Trennung des Paares 2014 beginnt der Sorgerechtsstreit um die vier gemeinsamen Kinder. Von Kinderseite gibt es Gewaltvorwürfe gegen die Mutter, die wiederum verdächtigt ihren Ex-Mann dann plötzlich der Pädophilie. Rechtlich gestalten sich die Angelegenheiten besonders komplex, da durch den neuen Wohnort des Vaters neben der deutschen auch die dänische Justiz involviert ist.

Die zweitälteste Tochter bleibt dauerhaft bei der Mutter, die älteste, die nunmehr volljährig ist, zieht im Juli 2021 nach einem Streit mit der Mutter zum Vater. Die beiden jüngeren Kinder kehren einen Monat später nach einem Besuch beim Vater nicht zur Mutter zurück. Die beiden werden 2023/24 im Zuge der Silvesterfeierlichkeiten entführt. Auf einem Hof in Pforzheim sehen sie ihre Mutter wieder. Nur Tage später sind sie dann aber zurück beim Vater.

Die Entführung führt zu dem Prozess, der im Juli 2025 am Landgericht Hamburg begonnen hat. Angeklagt sind Christina Block, ihr Partner Gerhard Delling sowie fünf weitere Personen, unter denen nur einer der identifizierten israelischen Entführer ist. Ein dänisches Gericht hat der Mutter 2025 auch das Umgangsrecht entzogen.

Autor: Ralf Kohler