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Lokalpolitik -  25.01.2020
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Ganz bewusst zurück in Pforzheim: Darum lebt Jörg Schmidt, langjähriger Oberbürgermeister von Radolfzell, als Pensionär wieder in der Goldstadt

Pforzheim. Das Gespräch ist eigentlich beendet – da schiebt Jörg Schmidt (59) noch etwas nach. Das liegt ihm am Herzen, dem gebürtigen Pforzheimer, aufgewachsen in Bauschlott, Abitur gemacht gegenüber der PZ – am Hilda-Gymnasium: wie er an einem Samstag einer Freundin aus Dresden, im sächsischen Innenministerium unter anderem befasst mit Städtebau, Pforzheims markante Ecken zeigte, sowohl in der City als auch in der Peripherie. „Diese Stadt hat eine wahnsinnige Qualität“, habe die Freundin geschwärmt – und nicht nur das Reuchlinhaus gemeint, das Vorzeige-Juwel der 1950er-Jahre-Architektur.

Schmidt war rausgegangen aus Pforzheim, wo er von 1995 bis 2000 Vorsitzender des Stadtjugendrings war – und ist vor einem halben Jahr in die Goldstadt zurückgekommen. „Ich gehöre hierher, ich mag die Menschen“, habe er denen geantwortet, die ihn entgeistert gefragt hätten, warum er ausgerechnet nach Pforzheim ziehen werde, drei Jahre, nachdem er als Tübinger Regierungspräsident – und damit politischer Beamter – dem Politikwechsel bei der Landtagswahl Tribut zollen musste: Die SPD flog vom Kabinett auf die Oppositionsbank, und der SPD-Mann im Regierungspräsidium musste gehen, entlassen vom Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Schmidt: „Vom Kopf her war das logisch – aber es hat brutal weh getan.“ Nicht dass er bei seiner Pension es nötig gehabt hätte, im erzwungenen Ruhestand zu arbeiten – „aber ich wollte etwas tun, und Erfahrung in der Kommunalverwaltung hab’ ich ja“, sagt er. Also machte er eine Ausbildung zum Mediator (wenn er Streithähne an einen Tisch bringt und um einen Konsens ringt wie ein Schlichter im Tarifkonflikt um einen Kompromiss) und anschließend zum systemischen Coach. Einer, der im Auftrag seines Klienten ganzheitlich dessen Problem analysiert und mit ihm an einer Lösung arbeitet. Einem Bürgermeister beispielsweise, der in seiner zweiten Amtsperiode nicht mehr mit einem Amtsleiter auskommt – wo-runter die Gemeinde leidet.

„Friede in einer Stadt ist ein Wert an sich“, pflegte Schmidt in Radolfzell zu sagen – sicher saß er da als Rathauschef 13 Jahre lang im Sattel, wäre wohl auch für eine dritte Amtszeit gewählt worden. Doch im Jahr 2013 erhielt er von Andreas Stoch (SPD), dem damaligen Kultusminister, ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Ministerialdirektor und Amts-Chef in Stochs Ministerium. Das Haus in Radolfzell behielten er und seine Frau, die nach wie vor im Regierungspräsidium Stuttgart arbeitet – auch als Schmidt im Oktober 2015 in Tübingen die Nachfolge des gestorbenen Regierungspräsidenten Hermann Stampfer antrat. Er blieb es ein halbes Jahr – dann die Versetzung in den einstweiligen Ruhestand.

Aus den Augen gelassen hat er Pforzheim nie, hat lange Zeit die von seiner Mutter herausgetrennten Lokalseiten der PZ geschickt bekommen. Doch jetzt kann er sich von der Nordstadt aus („das hätten wir uns in Stuttgart nicht leisten können“, sagt er – wie so Viele, die in Pforzheim leben) die Goldstadt und den Schwarzwald erschließen.

„Darf keine Beliebigkeit geben“

„Wir haben hier eine gute, wertige Architektur“, sagt Schmidt. Dass aus Sicht der FDP, der Freien Wählern und der AfD der stadtbildprägende Gestaltungsbeirat aus Kostengründen abgeschafft werden soll, hält Schmidt für einen großen Fehler: „Es darf keine Beliebigkeit des Bauens geben – und dazu ist ein sachkundiger Blick von außen mehr als hilfreich.“

Zur Aufwertung der Stadt zählt Schmidt auch das Projekt Innenstadtentwicklung Ost – „bis jetzt ist doch nach dem östlichen Marktplatz Schluss“, sagt Schmidt. Die Kombination aus Wohnen und Gewerbe sei im dafür vorgesehenen Areal eine Chance, die nicht vertan werden dürfe – damit er sich noch bestätigter fühlt, nach Pforzheim zurückgegangen zu sein.

Jörg Schmidt

Der studierte und an der Uni München promovierte Jurist war in den Anfangsjahren des wiedervereinigten Deutschlands im Rahmen der Aufbauhilfe des Landes Baden-Württemberg in Leipzig. „Man hat mich gefragt, ob ich in Sachsen bleiben will“, erzählt Schmidt, aber ich wollte wieder zurück nach Baden-Württemberg. Und so weist seine Vita außer Pforzheim nur vier Städte im Land auf: Regierungspräsidium und Landratsamt Karlsruhe (bis 2000), Oberbürgermeister in Radolfzell (2000 bis 2013), Ministerialdirektor im Kultusministerium (2013 bis 2015) und Regierungspräsident des Regierungsbezirks Tübingen (2015 bis 2016), 2017 absolvierte er die Ausbildung zum Mediator, im Jahr darauf die zum systemischen Coach. Schmidt war 15 Jahre lang Vorsitzender des DRK-Ortsvereins Radolfzell. Der Bass ist ehrenamtlicher Präsident des Schwäbischen Chorverbands und Vizepräsident des Deutschen Chorverbands. Derzeit ist er in Pforzheim für eine weitere Tätigkeit angefragt worden. Bei den Feierlichkeiten zum 23. Februar wird Schmidt in Rolf Schweizers „Requiem“ in der Stadtkirche singen. Der SPD-Mann hat nach eigenem Bekunden nicht vor, sich lokalpolitisch zu engagieren.

Autor: ol