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Pforzheim -  22.02.2026
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Gynäkologin Judith Bildau spricht im PZ-Autorenforum über Hormone, Vorurteile und Frauengesundheit

Pforzheim. Viele Frauen werden mit ihren Problemen beim Arzt nicht ernst genommen oder falsch diagnostiziert – auch weil sie noch immer nach einem männlichen Standard behandelt werden und hormonelle Ursachen oft übersehen werden. Damit keine Frau mit ihren Beschwerden alleine bleiben muss, stellt Ärztin Judith Bildau im PZ-Autorenforum am 4. März ab 19 Uhr ihr Buch „Body in Balance – Hormone verstehen und unerklärliche Beschwerden loswerden“ vor.

Die Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin Judith Bildau möchte ändern, dass das Thema „Frauengesundheit“ immer noch vernachlässigt wird – wodurch Frauen unnötigen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind.
Die Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin Judith Bildau möchte ändern, dass das Thema „Frauengesundheit“ immer noch vernachlässigt wird – wodurch Frauen unnötigen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind. Foto: Manuel Taquini

PZ: Wie wird man als Frau nicht nur alt, sondern gesund alt?

Judith Bildau: Zuerst muss man wissen, dass Frauen von der Lebenserwartung her älter werden als Männer, aber in einem schlechteren Gesundheitszustand. Das hängt mit dem Verlust der Sexualhormone zusammen, weil sie einen wahnsinnigen Einfluss auf jedes Körperorgan haben.

Wie können Frauen altersbedingten Risiken vorbeugen?

Mit dem Absinken des Östrogenspiegels steigt das Risiko für Bluthochdruck, Arteriosklerose, Herzinfarkt und Osteoporose. Ab den Dreißigern nehmen bei Frauen sowohl Muskelmasse als auch Knochendichte langsam ab. Um dem vorzubeugen, sind regelmäßige Bewegung sowie eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D und Calcium besonders wichtig. Außerdem schützt eine gut aufgebaute Muskulatur die Knochen. Wichtig ist, dass wir aktiv etwas für unsere Gesundheit tun: Muskulatur aufbauen, uns herzgesund ernähren und Faktoren wie Schlaf, Gewicht und Erholung ernst nehmen. Wenn ein relevanter Leidensdruck besteht, kann eine Hormonersatztherapie für viele Frauen sinnvoll und sicher sein – vorausgesetzt, sie wird individuell dosiert und medizinisch begleitet. Keine Frau darf leiden.

Welche Rolle spielen Mikronährstoffe für den Hormonhaushalt?

Mit sinkendem Östrogenspiegel gewinnt eine gute Mikronährstoffversorgung zusätzlich an Bedeutung. Dazu zählen vor allem Vitamin D, Calcium und Vitamin K2 für die Knochengesundheit. Ergänzend profitieren viele Frauen von Magnesium, etwa für Muskulatur und Schlaf, sowie von Omega-3-Fettsäuren. Diese wirken entzündungshemmend und unterstützen Herz-Kreislauf-Gesundheit.

„Die Frauen rennen von Arzt zu Ärztin, haben einen Marathon hinter sich, und keiner hat da die Hormone auf dem Schirm.“ 

- Frauen-Gesundheitsexpertin Judith Bildau

Frauengesundheit gilt immer noch als Nischenthema. Warum ist das so und warum ist das gefährlich?

Der männliche Körper wurde über Jahrzehnte hinweg als medizinischer Standard betrachtet – mit teils gravierenden Folgen. So wurden typische Symptome von Herzinfarkt oder Schlaganfall bei Frauen lange nicht erkannt. Hinzu kommt, dass Frauen über viele Jahre aus klinischen Medikamentenstudien ausgeschlossen waren, unter anderem aus Sorge vor möglichen Schäden für ungeborene Kinder – mit dem Risiko von Fehl- oder Überdosierungen und mehr Nebenwirkungen, da der weibliche Stoffwechsel anders funktioniert. Ein weiterer Faktor ist, dass Entscheidungspositionen in Medizin und Forschung nach wie vor überwiegend von Männern besetzt sind – was langfristig gefährlich ist, weil Diagnostik, Therapie und Medikamente nicht ausreichend auf weibliche Körper abgestimmt sind. Manche Krankheiten wie Endometriose bleiben unerforscht.

Warum werden viele Frauen mit ihren Beschwerden beim Arzt nicht ernst genommen?

Ein zentraler Grund dafür ist, dass der weibliche Körper durch zyklische hormonelle Schwankungen komplexer ist und mehr Zeit für Gespräche, Anamnese und Begleitung benötigt. Die verfügbaren Minuten in der Praxis reichen oft nicht aus, um körperliche Untersuchung, Vorsorge und eine ausführliche Auseinandersetzung mit hormonellen und lebensstilbedingten Faktoren zu verbinden.

Hinzu kommt, dass Beschwerden von Frauen häufig auf die Psyche geschoben werden. Depressive Verstimmungen, Erschöpfung oder Burnout haben jedoch nicht selten eine hormonelle Ursache.

Auf welche überraschenden Dinge können hormonelle Ungleichgewichte auch noch einen Einfluss haben?

Neben Stimmungsschwankungen auch Tinnitus, Schwindel, Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Histaminintoleranz, trockene Schleimhäute, brennender Mund oder trockene Augen. Die Frauen rennen von Arzt zu Ärztin, haben einen Marathon hinter sich, und keiner hat da die Hormone auf dem Schirm.

Welcher Mythos über weibliche Hormone ärgert Sie am meisten?

Die Vorstellung, alles Hormonelle sei „natürlich“ und deshalb müssten Frauen da einfach durch. Das ist falsch. Auch natürliche Prozesse können starke Beschwerden verursachen – und Beschwerden gehören behandelt. Keine Frau muss leiden. Das gilt besonders für Menstruationsschmerzen. Ja, eine Periode kann schmerzhaft sein, aber starke oder regelmäßige Schmerzen sind nicht einfach „normal“.

Was ist mit den Männern? Die sind doch auch hormongesteuert.

Ja, vor allem durch Androgene wie Testosteron, aber auch Östrogene. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass Männer keine zyklischen hormonellen Schwankungen haben, da sie keinen Menstruationszyklus durchlaufen. Zwar verändern sich auch bei Männern die Sexualhormone – oft als Andropause bezeichnet –, diese Veränderungen verlaufen jedoch meist langsam und gleichmäßig. Frauen erleben ein hormonelles Auf und Ab.

„Der männliche Körper wurde über Jahrzehnte hinweg als medizinischer Standard betrachtet – mit teils gravierenden Folgen.“ - Gynäkologin Judith Bildau

Was muss sich im Gesundheitssystem ändern?

Es braucht dringend ein Umdenken. Frauen sind keine „kleinen Männer“, sondern haben einen eigenen biologischen und hormonellen Rhythmus. Der Zyklus sowie hormonelle Umstellungsphasen im Leben müssen immer mitgedacht werden. Mein zentraler Appell ist: Wir müssen Frauen ernst nehmen. Keine Frau sucht sich monatelang oder jahrelang medizinische Hilfe ohne Grund. Der Leidensdruck ist real. Die Frauen haben Recht.

Sollte jede Frau einmal einen Hormontest machen?

Frauen ohne Beschwerden – auch in den Wechseljahren – müssen nicht automatisch einen Hormonstatus bestimmen lassen. Frauen mit belastenden Beschwerden sollten ihre Hormone überprüfen lassen – idealerweise bei jemandem, der Erfahrung darin hat, Hormonwerte richtig einzuordnen. Ein häufiger Fehler ist, dass Frauen zwar einen Hormonstatus erhalten, aber zu hören bekommen, „alles sei normal“, obwohl die Werte nicht im Zusammenhang mit Symptomen, Zyklusphase oder Lebenssituation bewertet wurden.

"Mein zentraler Appell ist: Wir müssen Frauen ernst nehmen. Keine Frau sucht sich monatelang oder jahrelang medizinische Hilfe ohne Grund. Der Leidensdruck ist real. Die Frauen haben Recht." - Gynäkologin Judith Bildau

Was können Frauen tun, wenn sie sich nicht ernst genommen fühlen?

Dann sollten sie sich eine zweite Meinung einzuholen – idealerweise bei Ärzten mit ausgewiesener hormoneller Expertise. Ansprechpartner können zum Beispiel Endokrinologen sein oder Frauenärzte, die sich gezielt mit Hormongesundheit und Wechseljahren beschäftigen.

Viele von ihnen sind Mitglied in der Deutschen Menopause Gesellschaft und weisen das auch auf ihrer Website aus.

Wird es irgendwann besser?

Es gibt auch positive Entwicklungen. Das Thema Frauengesundheit wurde erstmals im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert, unter anderem mit Blick auf mehr Forschung und Investitionen, etwa zu Wechseljahren und Endometriose. Auch fachgesellschaftlich und universitär bewegt sich etwas: Es entstehen mehr Lehrstühle für geschlechtsspezifische Medizin, und Frauengesundheit rückt stärker in den Fokus.

Zur Person

Judith Bildau ist Gynäkologin und Expertin für Frauengesundheit. Die 43-Jährige studierte an der JLU Gießen Medizin und begann nach dem Abschluss ihre Facharztausbildung zur Gynäkologin an der Universitätsfrauenklinik. Heute lebt und arbeitet sie in Italien: in Rom in ihrer eigenen Praxis sowie in der Toskana in einem Gesundheitszentrum für Frauen. Als medizinische Influencerin erklärt sie auf ihrem Instagram-Kanal @dr.med.judith_bildau und im Onlinemagazin „Mutterkutter“, was die Welt medizinisch bewegt.