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_keine -  15.07.2020
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Kaugummi im Bauch? So gefährlich ist das Herunterschlucken und so gesund das Kauen

Im Jahr 2019 konsumierten laut einer Statistik der Verbrauchs- und Medienanalyse knapp 10 Millionen Personen im deutschsprachigen Raum mehrmals in der Woche Kaugummis. Die leckere, verformbare Kaumasse schmeckt vielen nicht nur erfrischend gut, sondern ist erwiesenermaßen auch förderlich für die Mundhygiene. Ein Kaugummi nach dem Essen lässt den pH-Wert im Mundraum wieder langsam ansteigen und beseitigt übriggebliebene Speisereste und durch die Nahrungsaufnahme erzeugte Säuren. Doch was passiert, wenn der Kaugummi versehentlich verschluckt wird?

Macht nicht nur Blasen: Kaugummis sind, so das Vergleichsportal für Apothekenprodukte apomio.de in einer Mitteilung, "erwiesenermaßen auch förderlich für die Mundhygiene". Aber wie gefährlich ist die Kaumasse, wenn man sie verschluckt?
Macht nicht nur Blasen: Kaugummis sind, so das Vergleichsportal für Apothekenprodukte apomio.de in einer Mitteilung, "erwiesenermaßen auch förderlich für die Mundhygiene". Aber wie gefährlich ist die Kaumasse, wenn man sie verschluckt? Foto: Pixabay

Ist dieser Ausrutscher durch den Rachenraum und die Speiseröhre hinab tatsächlich gefährlich? Was passiert mit der klebrigen Masse auf dem Weg in Richtung Magen? Wie verträgt sich der Stoff mit der Magen-Darm-Flora? Marlene Haufe, Gesundheitsexpertin beim Vergleichsportal für Apothekenprodukte apomio.de, klärt auf.

Das Gefahrenpotenzial

Seit jeher ranken sich zahlreiche Mythen um den Kaugummi. Der bekannteste darunter: Kaugummis dürfen nicht geschluckt werden! Doch ist diese Angst begründet? „Beim Verzehr legt sich ständig ein Feuchtigkeitsfilm um den Kaugummi. Zusätzlich sorgen Schleimhäute in Mund, Speiseröhre, Magen und Darm dafür, dass der Kaugummi beim versehentlichen Verschlucken nirgendwo festklebt. Die Angst, der Kaugummi könne irgendwo hängen bleiben, ist deshalb vollkommen unbegründet“, so Marlene Haufe, Gesundheitsexpertin bei apomio.de. Wahr ist jedoch, dass nur wenige Inhaltsstoffe der Kaumasse vom menschlichen Magen verdaut werden können. Alle überflüssigen Stoffe werden wieder ausgeschieden. Und das funktioniert in der Regel so problemlos wie das Verschlucken. Ein verschluckter Kaugummi ist somit in den meisten Fällen ungefährlich.

Die Nebenwirkung

Doch was passiert, wenn mehrere, ja sogar ganze Packungen der süßen Leckerei geschluckt werden? „Hin und wieder einen Kaugummi zu schlucken ist kein Problem, größere Mengen sollten hingegen vermieden werden, denn viele Kaugummis beinhalten das Süßungsmittel Sorbitol“, sagt Haufe. „Sorbitol wird anderweitig auch als Abführmittel eingesetzt wird. Übermäßiger Konsum kann somit schnell zu unangenehmen Durchfällen und Magenbeschwerden führen“, weiß die Expertin. Immerhin: Die verschluckte große Kaugummi-Menge verringert sich dann auf natürlichem Wege schneller als normal.

„Kaugummi - die einzige Entschuldigung der Amerikaner für ihr schlechtes Englisch.“

Ralph Boller, Schriftsteller und Aphoristiker

Der Gesundheitseffekt

In Maßen genossen sorgt der Kaugummi für ein bedenkenloses Kauvergnügen, das durch die Bewegung der Kiefermuskulatur sogar die Konzentration fördern kann. Mittlerweile gibt es auch eine Vielzahl an zuckerfreien sowie Zahnpflege-Kaugummis, die durch ihre spezielle Textur die Zähne, zusätzlich zur herkömmlichen Zahnpflege, reinigen. Auch gegen Reisekrankheit oder zur Rauchentwöhnung führen viele Apotheken ein großes Spektrum unterschiedlicher, wirkstoffhaltiger Kaugummis. Der Kaugummi ist somit ein wahrer Allrounder für Jung und Alt.

Der Flirtfaktor

Zwiebeln oder Knoblauch gegessen? Da hilft ein Kaugummi. Der überdeckt ungeliebten Mundgeruch. Viele Leute meinen: Wer knutschen will, sollte vorher unbedingt Kaugummi kauen. Pfefferminz ist seit langem der Dauerbrenner im Angebot - doch es gibt so ziemlich alle Sorten. „Man nimmt es mit, auch gezielt vor dem ersten Date, weil man darauf achtet, einen frischen Atem zu haben“, sagt Ernährungssoziologin Pamela Kerschke-Risch von der Universität Hamburg. Das Kaugummi ist nämlich auch ein professioneller Übertöner gerade der Gerüche, für die man seinen Mund nicht öffnen möchte. Zwiebel- und Alkohol-Fahnen oder kalter Kaffee und Kippen-Dunst.

„Fernsehen ist Kaugummi für die Augen.“

Orson Welles, Schauspieler, Regisseur, Autor

Das Universaltalent

Es gibt viele gute Gründe für Kaugummi. Neben dem Mundreinigungseffekt soll das Kauen die Durchblutung in unserem Gehirn fördert. Und das wiederum steigert zum Beispiel die Konzentration. Vielleicht kauen deswegen so viele Sportler vor wichtigen Wettkämpfen einen Kaugummi. Spezialkaugummis helfen Menschen dabei, mit dem Rauchen aufzuhören. Auch im Flugzeug kann die klebrige Masse hilfreich sein. Bekommt man beim Fliegen Druck auf den Ohren, kann Kauen beim Druckausgleich helfen. Soldaten bekamen das Gummi im Krieg zwischen die Zähne. Und nach dem Sieg über Nazi-Deutschland verteilten US-Kämpfer nicht nur Zigaretten, sondern auch Kaugummis an die Bevölkerung.

Der Dreckfaktor

Kein Gehweg kommt ohne die kleinen Flecken aus, die nur kurz weiß und schon bald schwarz sind. Unzählige Hosen wurden durch Kaugummis ruiniert. Und wer schon einmal eins in die Haare bekommen hat, weiß: da muss die Schere ran (Öl oder Butter sollen es aber angeblich auch tun). Kein Wunder also, dass im sauberen Singapur Einfuhr und Verkauf der Gummis verboten sind.

«Je geringer die Einwirkzeit ist, desto einfacher lässt sich die Verunreinigung entfernen», sagt Fahrzeugpflege-Profi Christian Petzoldt aus Hagen. Hartnäckigen Dreck wie Kaugummi, Schokolade oder andere klebrige Speisen lassen sich am einfachsten mit Kältespray aus der Apotheke entfernen. «Einfach aufsprühen bis der Schmutz bröckelt, ausbürsten, dann absaugen», erklärt er.

„Das Leben muß man kauen, das Dasein ist ein Priem.“

Kurt Tucholsky, Schriftsteller, Journalist, Satiriker

Die Geschichte

Ein Meilenstein der Kaugummi-Geschichte war der 27. Juli 1869, vor fast genau 151 Jahren, als Amos Tyler aus Ohio ein Patent für eine „verbesserte Kaugummi-Verbindung“ zugesprochen bekam. Es gilt als das erste gewerbliche Schutzrecht für die klebrige Masse. Adams bezog in großen Mengen Latexsaft aus Südamerika und plante zunächst, daraus synthetische Gummis herzustellen. Während der Produktion fiel Adams jedoch auf, wie toll sich der Rohstoff kauen lässt. In kleine Streifen geschnitten war die Idee des „modernen“ Kaugummis geboren und wurde schon bald zum Verkaufsschlager.

Gekaut aber hatte die Welt schon lange vorher. Der älteste bekannte Kaugummi-Vorläufer ist mehr als 9000 Jahre alt, wie Ernährungssoziologin Kerschke-Risch erklärt. Damals bissen Menschen im heutigen Skandinavien auf dem Harz von Birken herum. „Da wird vermutlich vor allem der Kautrieb befriedigt worden sein“, sagt die Expertin. Wenn der Mensch isst, ist sein Überleben gesichert - deshalb beruhigt schon das Kauen. Auch heute noch.

Autor: dpa/pm/tok