Klassik trifft Techno? SWDKO startet mit neuem Konzept in die Saison
Pforzheim. „Ferne, so nah!“ lautet das Motto der Spielzeit 2026/2027 des Südwestdeutschen Kammerorchesters. Es beschreibt die neuen, spannenden Wege, die unter der geschäftsführenden Intendantin Anna Becker eingeschlagen wurden: eine Neuausrichtung des Programms, ein veränderter Saalplan, Anpassungen bei den Abonnements sowie eine neue lila-neongrüne Farbwelt samt Logo, wie Bürgermeister Tobias Volle zu Beginn des Pressegesprächs erläutert. Das Orchester positioniert sich damit neu zwischen künstlerischer Exzellenz und stärkerer regionaler Verankerung.
Getreu dem Motto „Ferne, so nah!“ hat Becker den international renommierten Klarinettisten Reto Bieri aus der Schweiz als künstlerischen Leiter der Abonnementkonzerte gewonnen.
Aussergewöhnlicher und renommierter Artist in Residence
Der leidenschaftliche Kammermusiker wird von Lichtdesigner Markus Güdel unterstützt, mit dem er eine audiovisuelle Inszenierung entwickeln will. Bieri verstehe Musik dabei nicht als abgeschlossenes System, sondern als offenen Raum, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht.
Sechs Konzerte stehen auf dem Programm. Im ersten Konzert „Stille fernster Rückruf“ bringen Reto Bieri (Klarinette und Leitung), das Verum Audium Vokalensemble (Benjamin Hartmann) und die Musikschule Neuenbürg (Michael Pietsch-Rether) Briefe zum Klingen. Musikschulleiter Christian Knebel freut sich über die Aufführung von John Cages „Imaginary Landscapes No. 4“. Auch zwölf Radios werden mitklingen, verrät Bieri.
In „Sous le Ciel“ geht es um das Ringen um Heimat und das Streben nach Nähe. Thomas Oliemans singt und spielt Klavier. Hinzu kommen Akkordeonist Bert van den Brink, der Philharmonia Chor Stuttgart (Leitung: Johannes Knecht) sowie Bieri an der Klarinette. Ihm sei wichtig, dass Programme sowohl beruhigen als auch beunruhigen: „Sie sollen zu Fragen anregen.“ Langweilig wird es wahrscheinlich niemandem. In „Als wir noch Bäume waren“ beschäftigen sich die Violoncellisten Jeremias Fliedl und Matis Griso, die Chorakademie Pforzheim (Salome Tendies) sowie Reto Bieri an der Klarinette mit einem Urzustand, in dem das Menschliche noch nicht so deutlich vom Pflanzlichen getrennt war – oder, wie Bieri es andeutet: als Instrumente noch Bäume waren. In „Play“ präsentieren Anthony Romaniuk (Tasteninstrumente) und Reto Bieri eine Uraufführung von Mozarts „musikalischem Würfelspiel“. „Der Mensch ist nur Mensch, wo er spielt“, sagt der Artist in Residence.
In „Tiefes Licht“ erklingt ein norwegisches Instrument, das an Kriegsmusik erinnert: die Hardangerfiedel, gespielt von Violinistin Ragnhild Hemsing, unter der Leitung von Bieri.
In „Hinter den Blitzen Blau“ steht die Trauer im Mittelpunkt. Sopranistin Ruby Hughes, das Streichquartett Quatuor Ardeo und Bieri treten gemeinsam auf. Man solle sich ein Gewitter vorstellen: Hinter den Blitzen öffnet sich eine Wolke, aus der etwas Bläuliches erscheint. „Und in diese Tiefe spielen wir hinein“, beschreibt der Klarinettist, der Konzerte als gesellschaftliche Begegnungsorte versteht.
Das Orchester rückt zusammen
Die Sitzkapazität wird von 1500 auf 750 Plätze reduziert. Bei Konzerten, für die meist 500 bis 700 Karten verkauft werden, soll dies für ein intensiveres Erlebnis sorgen, so Becker. Bieri vergleicht die Situation mit einem Lagerfeuer: Dort wolle man schließlich auch keine freien Plätze neben sich haben. Die Preise bleiben laut Becker gleich, allerdings entfällt der Jubiläumsrabatt. Zudem beginnen die Abo-Konzerte künftig nicht mehr um 19 Uhr, sondern bereits um 18 Uhr, „damit man danach noch zusammenkommen kann“.
Kinder- und Jugendkonzerte
Auch die Vermittlung klassischer Musik an Kinder bleibt ein Schwerpunkt. Insgesamt sieben Konzerte für Familien sowie für junge und ältere Menschen stehen auf dem Programm. Die Zusammenarbeit mit regionalen Partnern wird in dieser Spielzeit intensiviert. Der Fachbereich Animation der Hochschule Pforzheim zum Beispiel arbeitet bei „Der Wolf und die sieben Geißlein“ mit dem SWDKO zusammen und vereint Puppenspiel, Animation und Musik, sagt Ulrich Jautz, Vorstand des Freundeskreises und Hochschulrektor. Ein wahres Highlight. Professorin Tanja Krampfert hat dabei ihre Erfahrungen aus den Pixar Studios in Hollywood in das Trickfilmdesign eingebracht. Dank der Baden-Württemberg Stiftung kann das Projekt zudem in sieben weiteren Städten gezeigt werden.
KiKA-Moderator Juri Tetzlaff ist ebenfalls wieder dabei – mit „Juris kleine Meerjungfrau“ und „Das Geheimnis der kleinen Nachtmusik“. In letzterem begibt er sich auf eine Detektivreise und geht der Frage nach, warum die Nachtmusik eigentlich „klein“ ist.
„Wir machen jetzt Techno“, verkündet Becker, selbst noch verwundert, aber angetan von dem Plan. In „SWDKO goes Modern Beats“ vereint das Orchester Vivaldi und elektronische Musik.
Gastspiel in Berlin
Auch für das SWDKO geht es in die Ferne: Es spielt ein Benefizkonzert in der Philharmonie Berlin – unterstützt vom Förderverein. Mit den Stadtteilkonzerten möchte das SWDKO auch nicht mehr nur im CCP spielen. Man möchte Musik zu den Menschen bringen – in dieser Spielzeit nach Büchenbronn, Huchenfeld und Eutingen. Dort spielt die lebendige Virtuosin Luise Catenhusen auf der Blockflöte.
Um seine Arbeit zu präsentieren und mit den Menschen in Kontakt zu treten, hat sich das SWDKO mit „Mission & Vision“ sechs Veranstaltungen überlegt, bei denen die Spielzeit, das Kinder- und Jugendprogramm sowie ein TV-BW-Dokumentarfilm vorgestellt werden. Dann finden wie jedes Jahr Dankeskonzerte statt, die nur auf besondere Einladung hin besucht werden können: Der Freundeskreis lädt ins Reuchlinhaus, die Pforzheimer Zeitung ins PZ-Forum.
Alle Konzerte und mehr Infos gibt es auf swdko-pforzheim.de
