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Enzkreis -  27.01.2026
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Kurvenflitzer und Freizeitpöbler: Warum zieht die Eishalle St. Maur in Pforzheim so viele Menschen an?

Pforzheim. Etwas schmucklos steht die Eishalle St. Maur vor einem der Eingänge zum Enzauenpark. 1991 wurde sie im Rahmen der Landesgartenschau errichtet. Viel wurde seitdem an ihr nicht verändert. Auch innen versprüht sie ein 1990er-Jahre-Flair, das dazu verleitet, eine Zigarette aus der Jackentasche zu ziehen und sie anzuzünden. Dabei ist es hier strengstens verboten zu rauchen. Trotzdem verschanzen sich manchmal Jugendliche auf den Toiletten und versuchen ihr Glück am Glimmstängel, erzählt Betreiber Jürgen Elsässer. Er kontrolliert hier selbst. Macht kurzen Prozess mit Störenfrieden. Manche Jugendliche würden nur eine Karte kaufen, um zu pöbeln. So schnell, wie sie kommen, werden sie auch wieder rausgeschmissen. „Eine Sache von 70 Sekunden“, sagt Hallenmanagerin Patricia Kühn.

Reportage Eissportzentrum
Raya Niemann und Toni Steingruber tanzen gerne „Freestyle“ – eine Mischung aus Eislauf und Breakdance – auf dem Eis. Foto: Meyer

Elsässer und Kühn – die zwei Herzen, die den Eislaufbetrieb am Laufen halten. Doch 2028 soll der Pachtvertrag mit dem Parkhotel auslaufen. Wie genau es dann weitergeht, das weiß Elsässer noch nicht. Er würde die Halle gerne weiter betreiben. Besucher gibt es genug.

80.000 Eislaufliebhaber kamen in der vorherigen Saison zwischen September und März. Eine Steigerung von 15 Prozent zur Vorsaison, sagt Elsässer. Aus jeder Altersgruppe und sozialen Schicht kämen die Besucher. Woher kommt der Hype?

Lebenslanges Hobby

Eine Antwort darauf geben Michael Limbeck (65) und Dieter Wilhelm (69). Die beiden drehen schon seit ihrer Kindheit Runden auf dem Eis. 2005 zog Limbeck von Mannheim nach Pforzheim. Seitdem kommt er immer mittwochs in die Halle – genauso wie Wilhelm. Bevor sie sich auf dem Eis trafen, kannten sich die beiden nicht. Und dann entwickelte sich langsam eine Freundschaft. Sie haben hier ihre eigene kleine Seniorengruppe. Eigentlich gehört auch Limbecks Frau dazu. Vor 40 Jahren lernten sich die beiden auf dem Eis näher kennen. Sie konnte gut fahren, Limbeck nicht. Wie sie zusammen kamen? „Ich habe mich dann einfach ein paar Mal in ihre Arme fallenlassen“, erzählt er mit einem Augenzwinkern. Wie lange er noch fahren wird? „So lange es noch gut geht.“ Wilhelm kommt eigentlich vom Marathon, erzählt er. Gelegentlich fahre er Mountainbike. Eislauf sei Ausgleichssport, aber es werde immer mehr zur Hauptsportart. Im Sommer fahre er dann Inliner.

Die beiden älteren Männer machen sich Sorgen, erzählen sie. Was, wenn der Pachtvertrag 2028 nicht verlängert wird? Eine Frage, die auch für den Eissport des 1. CfR Pforzheim existenziell ist.

Betreiber der Halle ist die Blue Evolution GmbH. Die Gesellschaft wurde von Mitgliedern des 1. CfR Pforzheim gegründet. Seit September 2024 ist Elsässer Geschäftsführer. Verpachtet wird die Halle vom Parkhotel Pforzheim. Man werde sich, so Blue Evolution-Geschäftsführer Elsässer bald treffen, um über die Zukunft des Eissports in Pforzheim zu reden. Pläne hat er jedenfalls genug. Am liebsten würde er „das Flair erhalten, aber alles modernisieren“. Heißt: Toiletten erneuern, Boden austauschen, Gastrobereich überarbeiten. Hallenmanagerin Kühn spricht von Photovoltaikanlagen auf dem Dach. Ob das statisch geht, da ist sie sich noch unsicher.

Während Kühn und Elsässer durch die Eishalle laufen, wird gegrüßt. Sie kennen ihre Gäste, wollen, dass sie sich hier wohlfühlen. Als eine Mutter mit Kind vor der verschlossenen Gastro steht, kümmert sich Kühn kurzerhand um ein Getränk für die beiden.

Junge Freestyler

Auch Toni Steingruber und Raya Niemann drehen ihre Kreise auf dem Eis. „Freestyle“ hat es den beiden 18-Jährigen angetan. Ein Tanzstil, der Eiskunstlauf und Breakdance kombiniert. Jeden Tag kommen sie in die Halle. Eine Dauerkarte haben sie allerdings nicht. „Wir zahlen hier jedes Mal.“

Vielleicht sind junge Paare wie sie einer der Gründe, warum die Eishalle inzwischen schwarze Zahlen schreibt. Die Pandemie habe ein Loch in die Finanzen gerissen, sagt Elsässer. Und ein veraltetes – von dem Betreiber fachmännisch Verdichter genanntes – Stück Technik, das ausfiel und ausgetauscht werden musste. Mit allen darauf aufbauenden Teilen. Jetzt, wo alles funktioniert, spare er einen fünfstelligen Eurobetrag allein wegen der eingesparten Fernwärme. Im Sommer werde die Halle an einen Indoor-Spielplatz mit Hüpfburgen, die Messe „Abizukunft“ und eine Tattoomesse vermietet.

Und da der Schulsport mancherorts auf Platzprobleme stoße, laufe gerade mit der Weiherbergschule ein Projekt, bei dem

25 Schüler vormittags das Schlittschuhlaufen lernen. Weitergehend könne sich Elsässer auch vorstellen, dass der Schulsport teilweise in die Eishalle verlegt werde. Pläne, die die Halle weiter auslasten sollen. Neben den 65 Schulen, die einmal im Jahr die Eishalle mit ihren Schülern besuchen, den 300 Mitgliedern in der Eissportabteilung und den 170 Eiskunstläufern.

Soffia Lyzogub ist 22 Jahre alt. 2023 ist sie aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Ihr Deutsch ist sehr gut. Ihre Eislaufkünste noch besser. Deshalb bringt sie den kleinen Talenten des 1. CfR Pforzheim Pirouetten, Hebefiguren und eine gute Haltung bei.

Eigentlich ist Lyzogub Eistänzerin, also nichts mit Sprüngen und „Frauen, die durch die Gegend geschleudert werden“ wie beim Eiskunstlauf. Ob es Spaß macht, die Kleinen zu trainieren? „Natürlich“, antwortet sie und lacht dabei. „Sport ist mein Leben“, ergänzt sie. In ihrer Stimme schwingt mit, dass es nicht nur ihre Entscheidung war, im Alter von drei Jahren damit anzufangen.

Lyzogub ist eine von vielen Ukrainern, die seit einigen Jahren vermehrt die Eishalle besuchen, sagt Kühn. „Habt ihr echtes Eis?“, würden einige fragen. Eine Frage, die Kühn zum Lachen bringt. Sie halte nichts von Plastikeis. Elsässer nennt es „den besten Werbeträger“ für die Eishalle.

Vor dem Gebäude stehen Josefine Kraus (15) und Sofia (14). Die beiden sind fertig für heute. Ihre Schlittschuhe tragen sie unter ihren Armen. Jetzt geht es nach Hause mit dem Bus. Der sei einer der Gründe, warum sie die Halle besuchen. Alle anderen Eishallen könne man nur mit dem Zug erreichen. Kraus kommt auch wegen der Gemeinschaft. „Hier wird niemand runtergemacht. Wir bringen uns gegenseitig Sachen bei.“ Was das Eislaufen so besonders mache? Sofia weiß es: „Dieses Gefühl, frei zu sein.“