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Migration -  01.09.2019
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„Leere Kirchen gefährden das christliche Abendland“ - Das sagt ein Vikar über vermeintliche Islamisierung und wenig belebtes Christentum

Pforzheim. Wenn der Vikar Daniel Johann an seine Zeit in Pforzheim zurückdenkt, kommt ihm auch eine Szene beim alltäglichen Einkauf in den Sinn. Klar erkennbar als Pfarrer, den weißen Stehkragen, genannt Kollar, zum schwarzen Hemd tragend, wurde er von einem Iraker angesprochen. Der zeigte sich erstaunt und erfreut, einen Priester in der Öffentlichkeit zu sehen. Erwartet hatte er das schon, als er aus dem Irak ins überwiegend christliche Deutschland kam. Umso größer seine Verwunderung darüber, dass die Religion so wenig sichtbar schien.

Das „christliche Abendland“, so der 37-jährige Johann, der gerade einige Wochen als sogenannte Sommervertretung in Pforzheim wirkte, sehe er nicht gefährdet durch eine vermeintliche Islamisierung durch Einwanderer, sondern vielmehr durch ein zu wenig gelebtes Christentum.

Beeindruckte Zuhörer

Eindruck in der Goldstadt hinterlassen hat der gebürtige Neckarwestheimer auch bei katholischen Gemeindemitgliedern, die zu seinen Gottesdiensten, aber auch zu den „Theologischen Abenden im August“ gekommen waren. In seinen Vorträgen, die etwa „Wozu brauchen wir die Kirche?“ oder „Vom Leben nach dem Tod“ überschrieben waren, vermittelte der Vikar mit klarer Haltung seine Sicht der Glaubenslehre. Und sprach damit offenbar zahlreichen Zuhörern aus dem Herzen. Nach kurzer Zeit in Pforzheim füllten bis zu hundert Menschen den Saal.

Einer der Zuhörer war Gerhard Herber, und der 80-jährige Katholik fühlte sich tatsächlich intellektuell herausgefordert von dem jungen Vikar, der „nichts kaschiert und auch unangenehme Wahrheiten deutlich ausspricht.“ Was er damit meint, ist die durchaus konservativ zu nennende Haltung Johanns, der sich vehement gegen ein sich „anbiederndes, zahmes Christentum“ ausspricht: „Christus hat die Menschen herausgefordert, ja, auch provoziert, aber sie waren fasziniert, haben hingehört, auch, weil sie Vertrauen in den Mann hatten.“ Gleichwohl wolle die Kirche nicht blinden Gehorsam, allerdings eine klare Haltung zur „moralischen Wahrheit“.

Für unumstößlich hält Johann, der sich selbst als „Spätberufenen“ bezeichnet und der gleichzeitig mit dem Theologie- ein Physikstudium abgeschlossen hat, etwa den Ausschluss für Frauen von der Priesterweihe. Auch glaubt er, den nach eigenem Bekunden einst auch der Pflichtzölibat von einer frühen Entscheidung, Pfarrer zu werden, abgehalten hat, nicht daran, dass dieser während seiner Lebenszeit fällt. Und er bedauert dies auch nicht. Dennoch müsse die Kirche, die in den vergangenen Jahren mit mehr und mehr Austritten konfrontiert ist, „mit der Zeit gehen, auf moderne Entwicklungen reagieren und langfristig auch Zugeständnisse angesichts des offensichtlichen Priestermangels machen“, ist sich Johann sicher. Aber auch darüber gebe es „viel konstruktiven Streit in der Kirche“. Durchaus kritisch räumt der junge Priester auch angesichts der Missbrauchsskandale ein: „Das öffentliche Bild der Kirche ist miserabelst.“

Sehr selbstkritische Bürger

Ein anderer von Johann beeindruckter Zuhörer unter den Pforzheimern ist Friedrich Sernetz. „Die Menschen wollen auch intellektuell angesprochen werden“, so der 75-Jährige, der sich überzeugt davon zeigt, dass auch der vielseitige Werdegang des Vikars eine Rolle spielt bei dessen rhetorischer und inhaltlicher Gewandtheit.

Dieser seinerseits stellt den Pforzheimern ein überaus gutes Zeugnis aus. Offen habe er diese erlebt, zugewandt und am konstruktiven Dialog interessiert. Gleichwohl ist ihm nicht eine gewisse Distanziertheit vieler Pforzheimer zu ihrer eigenen Stadt, eine unangemessen kritische Selbstwahrnehmung verborgen geblieben. Das sei schon auch „traurig“.

Der Zuspruch, den er in der Goldstadt erfahren habe, „ermutigt mich als junger Priester“, sagt Johann, der eine Gemeinde in Villingen übernehmen und Pforzheim in guter Erinnerung behalten wird.

Autor: sei