Gemeinden der Region
Enzkreis -  27.10.2026
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Lehrermangel, Vertretungsstunden, Defizite: Was an Schulen schiefläuft

Pforzheim/Enzkreis. Zu wenig Lehrer und fehlende Vertretungskräfte: Die Schulen stehen weiter unter Druck. Wie ist die Lage in der Region – und was könnte helfen?

Grundschule
Auch an den Schulen an der Region fällt immer wieder Unterricht aus. picture alliance/dpa/Bernd Weißbrod Foto: picture alliance/dpa

Die erste Etappe des neuen Schuljahrs ist bereits wieder geschafft, die Herbstferien sind da. An vielen Schulen in Baden-Württemberg bleibt die Personallage angespannt. Die „Pforzheimer Zeitung“ hat sich angeschaut, wie es in der Region aussieht.

So viele Lehrer fehlen an den Schulen: 426 Stellen sind in Baden-Württemberg aktuell nicht besetzt. Abgehängt bleiben laut dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) nach wie vor die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Diese seien flächendeckend unterversorgt. Laut VBE fällt an den Grundschulen 37 Prozent, an den SBBZ 51 Prozent des Unterrichts aus. Viele Schulen müssten improvisieren: Dann gebe es für die Kollegen Mehrarbeit oder Klassen würden zusammen gelegt. An manchen Schulen helfen Pensionäre aus. Der VBE verlangt eine Personalversorgung von 110 Prozent, um Reserven für Erkrankungen, Fortbildungen oder zusätzliche Aufgaben zu haben und Ausfälle so auffangen zu können.

„An den Gymnasien ist der Unterricht versorgt, allerdings können wir Ausfälle nicht vollumfänglich kompensieren“, beschreibt Edith Drescher, geschäftsführende Schulleiterin der Gymnasien in Pforzheim. Zu Ausfällen komme es, weil Lehrkräfte auf Klassen- oder Studienfahrt gehen, Exkursionen zu Museen oder Galerien machen, erlebnispädagogische Tage zur Stärkung der Klassengemeinschaft begleiten und weil sie sich fortbildeten. „Und sie werden krank. Längerfristigen Ausfall versuchen wir zusammen mit dem Regierungspräsidium zu lösen“, so Drescher. Denn:

„Es gibt nicht die Reservelehrkräfte, die irgendwo sitzen und warten, bis sie eingesetzt werden und die dann zufällig auch noch genau die Fächer unterrichten, die gerade gebraucht werden.“

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den schlechten Pisa-Ergebnissen und der Situation an den Schulen? „Die Pisa-Ergebnisse haben ja mehrere Ursachen“, sagt Drescher. Besonders gut würden die Länder abschneiden, in denen die Schüler individuell gefördert werden und der Lernprozess an die Fortschritte des Lernenden angepasst wird. „An der Stelle könnte man zudem künstliche Intelligenz als eine Art zweite Lehrkraft sinnvoll einsetzen“, meint sie. Das setze aber voraus, dass die Lehrkräfte denn zeitlichen und organisatorischen Raum haben, um Schüler medienkompetent zu machen und ihnen zu zeigen, wie sie die Künstliche Intelligenz als echte Lernunterstützung nutzen können. „Zu oft benutzen diese nämlich die digitalen Tools, um eigenes Lernen zu überspringen“, weiß sie. „Sie bauen dadurch nicht die notwendigen Fähigkeiten auf, wie etwa das Analysieren und Deuten von Texten, die differenzierte Auseinandersetzung mit Themen oder das Üben von Lösungswegen.“

So steht es um den Vertretungsunterricht: Immer wieder berichten Schüler, dass es zwar Vertretungsstunden gibt, in diesen aber oft überhaupt kein Unterricht stattfindet. Stattdessen gehen die Schüler raus oder schauen einen Film. Ist das so vorgesehen? „Im Idealfall gibt es eine fachliche Vertretung, und diese hat Material vom eigentlichen Fachlehrer, so dass sie genau weiß, wie sie im Stoff weiter verfahren soll“, erklärt Drescher. Das sei aber an weiterführenden Schulen mit dem Fachlehrerprinzip so nur selten möglich, eben weil es diese passgenaue Lehrerreserve nicht gebe.

„Und wenn eine Lehrkraft morgens um 7.30 Uhr erfährt, dass sie gleich in eine Vertretungsstunde muss, dann wird vielleicht ein Film gezeigt“, sagt sie.

Ohne Bezug zum Unterricht oder zur Lebenswelt der Schülerinnen seit das keine gute Idee. „Erklärvideos, ein Filmimpuls, um über ein aktuelles Thema zu diskutieren oder einfach eine interessante Doku – dagegen ist nichts einzuwenden.“

So sieht es bei Reserven in den Schulen aus: Lehrerinnen werden schwanger, Kollegen werden krank – und schon kann das dazu führen, dass Unterricht ausfällt. „Wegen Schwangerschaft fällt nicht gleich Unterricht aus, aber durch den Mutterschutz fallen Lehrerinnen natürlich aus“, sagt Drescher. Das könne in der Regel rechtzeitig eingeplant werden. Bei überraschenden Ausfällen, zum Beispiel wegen längerer Erkrankung, könne in der Tat nicht immer nachbesetzt werden. „Dann müssen die Kollegen Überstunden machen.“

Diese Lösungen könnte es für die Probleme an den Schulen geben: „Grundsätzlich finde ich frühkindliche Sprachförderung und Förderung der Lesekompetenz besonders wichtig. Wer lesen kann, kann sich informieren. Wer informiert ist, versteht Zusammenhänge und kann sich gesellschaftlich einbringen. Und wer sprechfähig ist, kann mitreden. Eine Grundvoraussetzung für Teilhabe in einer Demokratie“, sagt Drescher. Sie hofft auf die langfristige Wirksamkeit des Startchancenprogramms. Dass schulischer Erfolg immer noch stark von der sozialen Herkunft abhänge, sei eine Schande.

„Alle reden von der Wichtigkeit der Bildung, am Ende wird doch wieder genau dort gespart.“

So müssten auch die Eltern mitwirken: Auch wenn alle über den Unterrichtsausfall jammern – den Schulen wäre oft schon geholfen, wenn sie weniger Erziehungsarbeit von den Eltern übernehmen müssten. „Wir brauchen unbedingt auch die Eltern als Erziehungspartner“, sagt Drescher. Sie wünsche sich Eltern, die ihren Kindern erst im späteren Teenager-Alter ein internetfähiges Smart-Phone erlauben. Die den Zugang zu sozialen Medien begrenzen und so dafür sorgen, dass ihren Kindern nicht so viel Lern- und Lebenszeit verloren geht, wie das durch die üblichen Plattformen geschieht. „Ich wünsche mir Eltern, die ihre Kinder nach draußen schicken zum Spielen, in den Sport- oder Musikverein, in einen Chor, zu den Pfadfindern oder was auch immer sie wegbringt von ihren mobilen Geräten.“ Sie empfindet das Netzwerk „Smarter Start ab 14“ eine gute Initiative: Möglichst alle Eltern verständigen sich darauf, ihren Kindern die Smartphone-Nutzung beziehungsweise den Zugang zu Plattformen wie Tik Tok erst ab 14 Jahren zu erlauben. „Wie cool wäre es, wenn so verantwortungsbewusst agierende Eltern in der Mehrzahl wären.“