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Pforzheim -  08.02.2026
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Lichterkonzert mit spätromantische Preziosen: Daniel Seeger und das Bachorchester Pforzheim begeistern in der Stadtkirche

Pforzheim. Vom riesigen Kanon musikalischer Kunstwerke, die über die Jahrhunderte hinweg entstanden sind, werden im laufenden Konzertbetrieb höchstens zehn Prozent aufgeführt. Die übrigen werden nur selten oder gar nicht zum Klingen gebracht. Natürlich kann man dies damit erklären, dass die „Best of“ das Publikum anziehen und aufgrund ihrer Bekanntheit regelmäßig eingefordert und präferiert werden. Gleichwohl verharren viele Klangjuwelen völlig zu Unrecht im Dauerschlaf und drohen in Vergessenheit zu geraten. Es ist ein Verdienst Heike Hastedts, neben zahlreichen anderen, dass sie immer wieder Stücke auf den Programmzettel setzt, die eben nicht dem Mainstream angehören und selbst ambitioniertere Musikfans überraschen.

Ein Ohrenschmaus: die wunderbaren Dialoge zwischen dem glänzend disponierten Bachorchester und der Steinmeyer-Orgel.
Ein Ohrenschmaus: die wunderbaren Dialoge zwischen dem glänzend disponierten Bachorchester und der Steinmeyer-Orgel. Foto: Dietmar Bastian

Lohnende Neuentdeckungen

Beim traditionell gut besuchten Lichterkonzert Anfang Februar fanden sich diesmal drei Perlen jener vernachlässigten Literatur, die sich als überaus lohnende Neuentdeckungen erweisen sollten: Das „Concert in a-Moll für Orgel, Streicher, vier Hörner und Pauken op. 100“ von Enrico Bossi (1861-1925), die „Romanze für Streichorchester in C-Dur op. 42“ von Jean Sibelius (1865-1957) und das „Konzert für Orgel, Streichorchester, zwei Trompeten, zwei Hörner und Pauken in g-Moll op. 177“ von Joseph Rheinberger (1839-1901). Die Ausführenden des reizvollen Konzertabends im liebevoll illuminierten Gotteshaus waren das mit Blechbläsern und Pauken verstärkte Bachorchester Pforzheim und der 1997 geborene Organist Daniel Seeger.

Dieser hatte schon als Jungstudent an verschiedenen Studienorten (Trossingen, Berlin, Amsterdam) für Aufsehen gesorgt und wurde bei Wettbewerben mit zahlreichen Preisen bedacht. Er ist Stipendiat des Cusanuswerks und aktuell Masterstudent an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Die Leitung lag in den Händen von Kirchenmusikdirektorin Hastedt, die in den vergangenen Jahren sehr an Souveränität dazugewonnen hat und am Samstagabend absolut zu überzeugen vermochte.

Besondere Klangfülle

Schauen wir uns die drei Stücke des Abends an: Das Orgelkonzert von Enrico Bossi ist ein so gut wie nie aufgeführtes, doch ohne Frage bedeutendes spätromantisches Werk für Orgel und Orchester, das virtuose Orgelpassagen mit einer orchestralen Besetzung, die durch die Blechbläser und Pauken eine besondere Klangfülle erhält, verbindet. Die drei Sätze sind voller musikalischer Ideen und Fantasie. Geschickt wechseln sich orchestrale Ballungen und Organo-Pleno-Passagen ab. Der melodische Duktus ist italienisch und weder mit der deutschen noch mit der französischen Orgelromantik vergleichbar. Es ist ein Hochgenuss, die wunderbaren Dialoge zwischen dem glänzend disponierten Bachorchester und der Steinmeyer-Orgel, die wirklich alles kann, zu verfolgen. Bei brummigen Pedalsoli, farbenreichen Zungen- und Labialmischungen und schmetternden Organo Pleno-Ausbrüchen zeigt der technisch versierte Virtuose Daniel Seeger, was in der 2021 generalsanierten Orgel steckt.

Die kurze, lyrische Romanze in C-Dur des großen finnischen Komponisten Jean Sibelius brachte den zahlreichen Zuhörenden eine Hörerfahrung sensiblerer Art. Die emotionale Tiefe, melodiöse Struktur und herbe Klangsprache wurden feinfühlig zu Tage gefördert. Konzertmeister Dietrich Schüz trat solistisch im Stehen in Erscheinung.

Ein wenig vertrauter als Bossi und Sibelius begegnete dem Publikum das Orgelkonzert des häufig unterschätzten Joseph Rheinberger. Das dreisätzige Stück atmet noch ein bisschen den Geist des großen Hochromantikers Felix Mendelssohn. Wie bei dessen Orgelwerken wechseln sich in Rheinbergers 1893 komponiertem g-Moll-Konzert Dramatik, hymnische Melodik und heroische Grundstimmung ab. Orchester und Orgel treiben in einer rauschhaften Schluss-Stretta das musikalische Geschehen einer Apotheose entgegen, bei der mal unweigerlich den Atem anhält.