„Meine Karriere war von Anfang an geprägt von der Liebe zu Rossini“: José Miguel Pérez-Sierra im PZ-Interview
Das Belcanto Opera Festival „Rossini in Wildbad“ ehrte 2024 den spanischen Dirigenten José Miguel Pérez-Sierra mit der Auszeichnung „Il Rossini in Cima“ für seine Verdienste als Rossini-Dirigent. Er gilt aber auch als Spezialist der Zarzuela, dem typischen Genre des Musiktheaters seiner Heimat. Genau mit diesem gastierte er vor kurzem am Theater Basel („El barberillo de Lavapiés“ von Barbieri). Am 31. Juli 2026 wird er im Rahmen des Festivals „Rossini in Wildbad“ die spanische Oper „Marina“ im Kurhaus dirigieren.
Anlässlich eines Besuches im privaten „Rossini-Museum“ von Reto Müller in Basel mit anschließendem Abendessen gab es die Gelegenheit, mit José Miguel ins Gespräch zu kommen.
PZ: Wie gelingt es dir, deine spanische Herkunft in deine internationale Karriere mit einfließen zu lassen?
José Miguel Pérez-Sierra: Aktuell gelingt mir das sehr gut als Musikalischer Direktor des Teatro Zarzuela in Madrid, wo ich seit meinem Debüt rund 160 Aufführungen geleitet habe. So kann ich vier bis fünf Monate im Jahr in meiner Heimatstadt verbringen und diesem Operngenre zu noch mehr Popularität verhelfen. Auch wenn ich international tätig bin und mein Schwerpunkt auf dem italienischen und französischen Repertoire liegt, bleibe ich immer Teil dieser DNA Spaniens.
Du bist auch bekannt als Spezialist für Zarzuelas. Was fasziniert dich daran?
Es gibt hier ein reichhaltiges Repertoire mit vielen Meisterwerken. Wir haben bei der spanischen Zarzuela keine Trennung in Oper und Operette, vielmehr eine Form, die beides verbindet. Tanz und folkloristische Elemente sind fest integrierter Bestandteil. Es ist der besondere spanische Stil unseres Musiktheaters, das es für das Publikum verständlich macht. Heute werden von rund 300 bekannten Zarzuelas noch rund 30 regelmäßig ins Programm genommen, es dürfte aber in diesem Genre an die 3000 Werke geben.
In Bad Wildbad wirst du „Marina“ von Emilio Arrieta dirigieren? Was zeichnet diese spanische Oper aus?
Die ursprüngliche Zarzuela arbeitete Arrieta selbst später zu einer dreiaktigen Oper um. An charakteristischen Instrumenten kommen die Peitsche, Kastagnetten, die Bandolina und die Gitarre zum Einsatz. Die Oper ist ein Produkt der italienischen Ausbildung des Komponisten und Teil des romantischen Belcantos, der vor allem Donizetti nachempfunden ist, obwohl es auch spanische Folkloreelemente wie Seguidillas und den Tango-Habanera gibt.
Du hast seit vielen Jahren einen festen Platz beim Rossini-Festival in Bad Wildbad. Was verbindet dich damit?
Für mich ist „Rossini in Wildbad“ fast wie Urlaub unter Freunden und ein großer Musikgenuss in einem wunderschönen Ort. Ich kann meine Akkus wieder aufladen. Es ist wie in einer großen Familie, wir arbeiten alle zusammen, jeder hat seine definierte Rolle. Das künstlerische Niveau ist dank erstklassiger Sänger und Orchester sehr hoch.
Wie würdest du dein Verhältnis zu Rossini und seiner Musik beschreiben? Was ist das Besondere an seiner Kompositionstechnik, Klangsprache, Rhythmik etc., auch im Vergleich zu anderen namhaften Komponisten?
Meine Karriere war von Anfang an geprägt von der Liebe zu Rossini, insbesondere unter der Führung hervorragender Spezialisten wie Alberto Zedda. Für mich ist Rossini ein Meister in der Orchestrierung, ein Wunder in der Ausgewogenheit von Gesang und Orchester. Er wusste wie kein anderer die technischen Möglichkeiten der Instrumente zu nutzen. Vor und nach ihm haben das nur Mozart und der späte Verdi erreicht.
Gibt es Parallelen zwischen der Musik Rossinis und der Zarzuela?
Die Komponisten der Zarzuelas und traditionellen spanischen Opern hatten zum Teil italienische Wurzeln und ließen sich in ihrer Musik von Rossini beeinflussen, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts große Berühmtheit erlangte. Insbesondere in Rossinis Einaktern findet man Parallelen zur Zarzuela. Sie haben etwas von deren populärem Charakter, der für das Publikum in erster Linie verständlich und unterhaltsam sein sollte.
Was dirigierst du sonst noch 2026 bei „Rossini in Wildbad“?
Ich werde auch die Rossini-Oper „Die diebische Elster“ dirigieren.
Diese Werke dirigierst du vorher auch beim „Royal Opera Festival“ in Krakau. Kannst du etwas zu deiner dortigen Rolle und zur Zusammenarbeit mit Wildbad sagen?
Als künstlerischer Leiter des „Royal Opera Festival“ in Krakau sind beide Orte fester Bestandteil einer Spielzeit, die für mich von Mitte Juni bis Anfang August dauert. In Krakau studiere ich mit den dortigen Künstlern bereits einen großen Teil der Werke ein, die im Anschluss in Bad Wildbad zur Aufführung kommen. Beim zweiten Festivalprogramm unter meiner Regie werden wir gut 80 Prozent gemeinsam mit Bad Wildbad produzieren.
Das Programm sowie Tickets für „Rossini in Wildbad“ 2026 (23. Juli bis 2. August) gibt es über www.rossini-in-wildbad.de
Zarzuela – die klangliche Identität Spaniens
Die Zarzuela ist eine spanische Gattung des Musiktheaters, ähnlich wie das Singspiel, ursprünglich einaktig mit Tänzen, Solo- und Chorgesang und gesprochenen Dialogen. Die Bezeichnung stammt vom Ort ihrer ersten Aufführung, dem königlichen Lustschloss „Palacio de la Zarzuela“ („zarza“ bedeutet“ Brombeerstrauch). Erstes bekanntes Stück dieser – nur vordergründig heiteren – Gattung ist „El jardin de Falerina“ (1649) von Pedro Calderón de la Barca (Musik nicht erhalten). Im 18. Jahrhundert wurde die Zarzuela von der italienischen Oper verdrängt, als Zarzuela Grande aber Mitte des 19. Jahrhunderts als dreiaktige Großform und dann auch als einaktige Kleinform (género chico) wiederbelebt. Charakteristisch ist vor allem die starke Einbeziehung der spanischen Folklore und deren populären Rhythmen wie Fandango und Seguidillas. Die Zarzuela ist die meistverbreitete Bühnengattung in Spanien sowie Mittel- und Südamerika und findet nun auch vermehrt in Mitteleuropa Anklang.
Die Oper „Marina“
„Marina“, 1855 als zweiaktige Zarzuela uraufgeführt, wurde 1871 von ihrem Komponisten Emilio Arrieta auf Wunsch des Tenors Enrico Tamberlick zu einer dreiaktigen Oper mit Rezitativen umgearbeitet. Marina (Sopran) liebt den Seefahrer Jorge (Tenor), der sie anstelle ihres verstorbenen Vaters beschützt und sie seinerseits heimlich liebt. Marina willigt ein, den groben Pasqual (Bass) zu heiraten, sofern Jorge zustimmt. Dieser, in seinen Hoffnungen enttäuscht, gewährt es.
Ein Brief von Marinas Vater taucht auf, wonach Marina für Jorge bestimmt ist. Die Missverständnisse lösen sich auf, und schließlich kann Jorge den Fischern von Lloret de Mar bestätigen, dass die Hochzeit gefeiert wird – mit ihm als Marinas Mann. Die oft melancholische Grundstimmung dieser Geschichte mit Arien und Duetten wird durch Fischerchöre, Barkarolen, Brindisis, Tangos, große Ensembles und Finales zu einem packenden Werk, das trotz seiner Opernform vom musikalischen Charakter her eine Zarzuela geblieben ist.
