Gemeinden der Region
Pforzheim -  28.06.2020
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Mit Mut in die Selbstständigkeit – diese Start-Ups aus der Region starten trotz Krise durch

Pforzheim. Existenzgründer haben es selbst in konjunkturstarken Zeiten nicht immer einfach – und dann kommt auch noch die Corona-Pandemie hinzu. Ihrer Gründungs-Euphorie tut die Krise indes keinen Abbruch. PZ-news stellt drei Gründer aus der Region vor,

Peter Ganghoff forschte schon vor 30 Jahren an Künstlicher Intelligenz. Mit der Firma KIWerk wollen er und drei weitere Kollegen sich nun selbständig machen.  Foto: Meyer
Peter Ganghoff forschte schon vor 30 Jahren an Künstlicher Intelligenz. Mit der Firma KIWerk wollen er und drei weitere Kollegen sich nun selbständig machen. Foto: Meyer

Peter Ganghoff ist ein Pionier. Schon vor 30 Jahren befasste er sich als Maschinenbauer am Karlsruhe Institut für Produktionstechnik mit Künstlicher Intelligenz. Damals hätten sie Blut und Wasser geschwitzt, aber wenige Erfolge gehabt, weil Machine Learning mit den vorhandenen Methoden nicht richtig funktioniert habe. Heute sieht das anders aus: Die Hardware sei besser, aber auch die Algorithmen. „Jetzt ist endlich das da, von dem wir damals als Forscher geträumt haben.“ Diese späte Chance will der 59-Jährige nutzten und sich mit drei weiteren Kollegen selbstständig machen – KIWerk heißt die Unternehmung.

„Für mich wird sich, nachdem ich auf dem Gebiet promoviert habe, der Kreis schließen, wenn uns als Firma gelingt erfolgreiche KI-Projekte für die Industrie zu machen“, sagt Ganghoff. Denn nach der Promotion verschlug es ihn in die Industrie: Bei der Firma Bosch schlug er eine klassische Laufbahn ein, „weil das Thema KI bei Bosch damals überhaupt keine Rolle gespielt hat.“ Später ging er nach Mexiko, wo er ein Entwicklungszentrum aufgebaut hat, kehrte 2018 nach Pforzheim zurück und übernahm bei Bosch ein KI-Projekt in der Produktentwicklung – dann kam der Wunsch, die Firma zu verlassen. Seit Anfang des Jahres arbeitet er als freier Berater und tüftelt mit den Kollegen am Businessplan des Start-ups.

„Mit 59-Jahren könnte ich es auch sein lassen und gleitend in den Ruhestand gehen, aber ich fühle mich jung genug, noch etwas zu reißen“, so Ganghoff. Das Team möchte nämlich die Welt der Künstlichen Intelligenz mit der Welt der klein- und mittelständischen Unternehmen verbinden, weil sie beide wie ihre Westentasche kennen. Im Kern geht es dabei, ein Dienstleistungspaket: von der Beratung, Strategieentwicklung, Schulung für Führungskräfte und Mitarbeiter hin zur konkreten Umsetzung der KI-Projekte in der Fertigung.

„Generell sind die Existenzgründer bis jetzt ordentlich durch diese Zeit gekommen, was sowohl an der flexiblen Unterstützung der Sparkasse liegt, als auch an den Soforthilfen des Bundes/Landes.“

Hans Neuweiler, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw

Dass es bereits zahlreiche IT-Firmen auf dem Markt gibt, schreckt Ganghoff nicht ab: „Wir sind keine Informatiker oder Mathematiker, sondern alles Gestandene Maschinenbauingenieure und sprechen die Sprache der Produktion und der Produktentwicklung.“ Das sehen die Gründer als Vorteil zu reinen Softwareentwicklern, die zwar Algorithmen entwickeln können, aber die Produktionswelt schlecht kennen. „Wir haben das Gefühl dafür, welche Problemstellungen für Unternehmen wirtschaftlich attraktiv sind.“ Denn das Team um KIWerk ist bunt gemischt: Management-Erfahrene und Entwickler, die in der Lage seien die Algorithmen bis zur lauffähigen Lösung umzusetzen.

Mitten in der Firmenplanung kam die Corona-Krise: „Es ist ein spannendes Unterfangen, wir wissen nicht, ob es erfolgreich sein wird, aber wir sehen Chancen“, sagt Ganghoff. Und die bekamen sie im Digital Hub zu sehen: Das neue KI-Lab der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald soll regionalen Firmen die Gelegenheit bieten, das Thema KI kennenzulernen und sich für das eigene Geschäftsmodell beraten zu lassen.

Laut Ganghoff könnte hier ein gutes Netzwerk liegen – und damit ein potenzieller Standort. Denn die Schwierigkeit wird jetzt sein, „zahlungsfähige Kunden zu finden“. Der Leidensdruck der Firmen werde aber in Zukunft noch höher sein, sind sie überzeugt. Stichwort: Einsparungen in der Fertigung. Da kommen Technologien wie Künstliche Intelligenz ins Spiel – und da hat Deutschland einer Analyse des Beratungsunternehmens Mckinsey zufolge einen großen Nachholbedarf.

Frisch von der Hochschule

Auch sie haben keine Angst, ins kalte Wasser der Corona-Krise zu springen: Felix Maag (24) und Jan Streubel (30). Die beiden Existenzgründer wollen mit einer Mobilitätsdatenapp Verbrauchern die Kontrolle über ihre Daten zurückgeben – denn Daten sind in einer digitalen Welt das neue Gold. Dazu setzen Maag und Streubel auf Transparenz in der Verarbeitung, ganz im Sinne der Datenschutzgrundverordnung. Und so funktioniert es: Nutzer tracken mit der App, wie sie sich fortbewegen und stellen die Daten über einen Marketplace Unternehmen zur Verfügung, für die sie eine Gegenleistung erhalten.

Begonnen hat alles als studentisches Projekt im Rahmen des Masterstudiengangs Produktentwicklung an der Hochschule Pforzheim. Vier Semester später ist der zweite Prototyp der App schon fast fertig – und damit liegt der nächste Schritt, der Markteintritt, nicht mehr in weiter Ferne. Einen Namen haben die Gründer schon gefunden. Capd soll das Start-up heißen, die Kurzform für „Collect And Process Data“ (zu deutsch: das Sammeln und Verarbeiten von Daten) – sofern der Name bis dahin nicht vergeben sei, sagt Maag und lacht. Auch der Standort steht fest: „Gerade Pforzheim hat in Baden-Württemberg eine gute Ausgangssituation. Für uns gab es keinen Grund, es woanders zu probieren“, sagt Maag.

300 Teilnehmer besuchten im vergangenen Jahr 27 Existenzgründer-Sprechtage der IHK in der Region Nordschwarzwald.

Capd – das ist eine Unternehmung in der Frühphase. Es gibt zahlreiche Förderprogramme des Landes Banden-Württemberg, die Start-ups in solch einem Stadium unterstützen – etwa das „Start-up BW Pre-Seed“. Denn für Investoren sind innovative Ideen zwar interessant, aber auch mit hohen Risiken behaftet.

„Wir schauen gerade, wie wir in ein Accelerator Programm reinkommen können“, sagt Maag. Eine Mini-Förderung von 2000 Euro haben die beiden vom Gründerwerk der Hochschule Pforzheim bereits erhalten – damit realisierten sie die ersten Protypen. Und nebenher wuppt er auch noch die Masterarbeit, die eng mit dem Projekt verknüpft ist.

Sein Kollege Streubel, der ursprünglich aus dem Raum Berlin kommt, aber aktuell am Bodensee lebt, ist bereits mit dem Studium fertig – er ist für das Gehäuse zuständig, Maag für die Softwareentwicklung. Am Businessplan feilen sie aber zusammen.

Dass die Pandemie gerade über allem schwebt, sei „kein Grund, es nicht zu probieren“, sagt Maag. Außerdem kenne er die Konzern-Welt bereits, seit 2015 arbeitet er für den Daimlerkonzern. Da treibt die beiden eher der Gestaltungswille voran: „Wir sind auf der Suche nach etwas, was man der Welt hinterlassen kann“, sagt Maag – eben typisch für die Generation Y. „Keiner weiß, wie das Produkt ankommen wird, aber so eine Unternehmung kann am Ende nur bereichern“, sagt der 24-Jährige.

Und so geht es vielen Start-upern: Einer Umfrage des Bitkom Verbands zufolge sagt nicht einmal jeder Zehnte (acht Prozent), dass er es in der aktuellen Situation bereut, ein Start-up gegründet zu haben. Dennoch plage jeden Dritten Existenzangst.

„Ein neues Unternehmen in einem bereits gesättigten Markt aufzubauen, ist schon in ,normalen Zeiten‘ herausfordernd. Wenn dann noch die ins Visier genommenen Kunden fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigt sind, multiplizieren sich die Risiken für das Unternehmen“, sagt Anja Maisch, Existenzgründungsberaterin der IHK-Nordschwarzwald.

Doch beinhaltet jede Krise auch Chancen, die sowohl etablierte, junge als auch neue Unternehmen nutzen können, so Maisch. Um diese Chancen zu erkennen und zu nutzen, unterstützt das Team Existenzgründer und etablierte Unternehmen gleichermaßen. Wegen der Corona-Krise findet die Beratung per E-Mail, telefonisch oder nun auch bei einem Online-Existenzgründersprechtag statt.

Der Soloselbstständige

„Die Corona-Krise nimmt mir nicht den Mut“, sagt Daniel Schulz. Mit dem Gedanken habe er schon länger gespielt, aber jetzt scheine der perfekte Zeitpunkt zu sein – angetrieben auch durch die Klimadebatte, die in der Corona-Krise zwar leiser geworden, aber nicht vom Tisch ist.

Die Idee des Ein-Mann-Betriebes: ein Rundum-sorglos-Paket für Photovoltaik-Balkonmodule – von der Beratung, über die Installation hin zur Anmeldung beim Energieversorger will Schulz alles übernehmen. Denn seit 2018 können auch Mieter Solarstrom bis zu 600 Watt auf dem heimischen Balkon produzieren.

Dass die Idee funkt, ist der 33-Jährige überzeugt. Denn er kann der Corona-Krise auch etwas Positives abgewinnen: Die Menschen hätten mehr Zeit zum Nachdenken, nehmen Bauprojekte in den eigenen vier Wänden vor – warum also nicht die Energiekosten senken?

Aktuell arbeitet der Pforzheimer, der gerade in Stuttgart lebt, für die Gründung in die Goldstadt zurückkehren will, im Coworking Space des Digital Hub an seinem Businessplan. Die Unternehmung soll möglichst schlank bleiben, sagt Schulz, bei dem immer die Euphorie in der Stimme mitschwingt. Für das Startkapital hofft er auf einen Kredit der Hausbank. Da gab es zumindest ein positives Signal.

Autor: kal