Mülltonnen, Absperrungen, Autos: Als Fußgänger gibt es kaum ein Durchkommen in Pforzheim
Pforzheim. Eine Rundfahrt bringt es ans Tageslicht. Zwar ohne Zollstock, aber mit klarem Auge ist eindeutig und ersichtlich: Am schwersten haben es Fußgänger im Rodgebiet unterhalb des Rodrückens und unterhalb der prächtigen Wohnhäuser, die Gehwege als solche benutzen zu können.
In den verzweigten und mit spannenden Höhenmetern unterschiedlichster Art ausgestatteten engen Sträßchen ist das Vorwärtskommen auch so schon eine Herausforderung. Etwa an der Wagnerstraße, an der Genossenschaftsstraße, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Hürdenlauf angesagt
Da ist regelrechter Hürdenlauf um Mülltonnen, Absperrungen, geparkte Autos angesagt, um vorwärtskommen zu können. Der einzige Vorteil ist, dass hier keine Hauptverkehrsadern durchführen, es in der Regel höchstens die Anwohner, deren Besucher oder mal ein Handwerker sind, die hier diesen Bereich ansteuern. Und natürlich auch parken. Auf dem Gehweg, und zwar so, dass gerade noch so ein Fußgänger durchkommt. Wenn er Glück hat auch mit Rollator. Mit einem Rollstuhl dürfte es schon schwierig werden, wenn nicht unmöglich.
Auch Elke und Richard Feiler parken an der Wagnerstraße. Notgedrungen, denn ihre beiden Garagen an der Bergstraße können sie schon seit Wochen nicht nutzen, weil die Straße für Bauarbeiten aufgerissen ist. Auch sie parken auf dem Gehweg. „Geht hier ja gar nicht anders“, sagt Elke Feiler. Weil die Straße eng ist und auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls geparkt wird. 100 Meter weiter etwa ist ihre Wohnung. Glück gehabt. Manchmal wird der Heimweg auch länger. Zu Fuß. „Blöd nur, wenn man Einkäufe oder Sprudelkästen schleppen muss“, findet sie. Ansonsten quittiert das Ehepaar die Situation in diesem südlichen Stadtteil mit Schulterzucken. Ist eben so, kann man nichts machen.
Daueraufreger Frankstraße
Für Georg Poraj dagegen ist die Frankstraße – Richtung Brötzingen – ein immerwährender Aufreger. Im September, so schreibt der Mann, der unweit besagter Straße wohnt, an die PZ-Redaktion, hatte eine Begehung stattgefunden. Danach hätten auch Kontrollen vom Gemeindevollzugsdienst samt Knöllchenverteilung stattgefunden. „Eine Zeitlang mit Erfolg“, so Poraj. Und: „Leider, es bürgert sich wieder ein, das Parken auf den Gehwegen wird wieder hoffähig.“ Er würde sich weitere Kontrollen wünschen und verweist darauf, dass Rollatoren und Rollstühle unterschiedliche Maße hätten. Derweil kämpft sich die 88-jährige Herta Lauch zu Fuß an der Hohenzollernstraße durch. Die Baustelle in der Nähe der Apotheke, da müsse man sich schon durchwursteln, sagt sie. Und die Räder des Rollators würden so dreckig werden. „Aber sonst geht es. Der Belag ist ja frisch gemacht worden.“ Sie zeigt auf den Randbereich, der nicht frisch gemacht wurde. Auf dem sei das Fahren mit dem Rollator schwierig.
Ansonsten aber fällt das Fazit positiver aus als gedacht. Wo genügend Straßenraum vorhanden ist, wie etwa an der Blumenheckstraße oder auch andernorts in der Nord-, Ost-, West-, Südstadt, da parken die Fahrzeugnutzer nicht auf dem Gehweg, sondern wie vorgeschrieben auf der Straße, zwei Millimeter Platz lassend zwischen Reifen und Gehweg. Aber eines ist auch klar: Keiner hat genug Platz in Pforzheim, weder Fußgänger, noch Radfahrer, noch Kinderwagen oder Rollatoren und Autos auch nicht.
Noch während der Recherche erreicht die PZ-Redaktion die nächste erboste Mitteilung eines Mannes, der auf den Rollator angewiesen ist; auch seine Frau sei gehbehindert. Selbst die 140 Zentimeter würden oft nicht eingehalten, „und wir müssen mit dem Rollator auf die Straße ausweichen“, schreibt er an die Stadt. Die Stadtverwaltung, so Pressesprecher Christian Schweizer, erfasst Beschwerden wegen Gehwegparkern nicht. Fokussiert betrachtet werde nun aber – das wird nicht nur Anwohner Poraj freuen – die Frankstraße, weil es hier diesbezüglich „immer wieder‘“ zu Beschwerden kam.
Verschiedene Maßnahmen
„Nach eingehender Prüfung wurde sich für eine Neuordnung des Parkraums in diesem Bereich entschieden. Diese Neuordnung befindet sich aktuell in der Erarbeitung durch das Grünflächen- und Tiefbauamt“, heißt es.
Ob man dieser Situation überhaupt Herr werden kann? Manchmal würde auch Aufklärungsarbeit in der Anwohnerschaft zu einer Verbesserung beitragen. Ansonsten baut man laut Schweizer auf „das Zusammenwirken unterschiedlicher Maßnahmen“.
Bezüglich der Aussage des DUH (siehe Info-Kasten) lautet die Antwort aus dem Presseamt: „Die Herkunft des von der Deutschen Umwelthilfe genannten Maßes von 1,40 Metern ist uns nicht bekannt. Dieser Wert ist zudem auch kein in der städtischen Planung anerkanntes Maß. Der Erlass des Verkehrsministeriums BW zieht bei 1,50 Metern Restgehwegbreite die Grenze, und dieser ist für die Stadtverwaltung Pforzheim maßgebend.“
Die Rechtslage bezüglich Gehwegparkern in Baden-Württemberg und wie Pforzheim dasteht
Viele Städte sind aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zu nachsichtig mit Gehwegparkern. Der Verein stellt fest, dass nur
33 von 105 befragten Städten angeben würden, dass sie Gehwegparker nicht dulden. Nur Reutlingen steche in Baden-Württemberg heraus, mit einer Null-Toleranz. Die meisten Städte ignorierten, so die DUH weiter, die technische Empfehlung der Forschungsgesellschaft für Straßen und Verkehrswesen, wonach ein Gehweg mindestens 2,50 Meter breit sein müsse. Die Duldung von illegalem Gehwegparken ist zwar in Baden-Württemberg laut Erlass rechtswidrig, aber die Praxis sieht laut DUH anders aus.
Apropos herausstechen: Dies tut Pforzheim mit einer Gehwegrestbreite von gerade einmal 1,40 Metern – womit der Platz bezeichnet wird, der auch beim Parken auf dem Gehweg oder beim Einrichten von Baustellen zwingend eingeräumt werden muss. Damit liegt Pforzheim mit dem niedrigsten Wert an letzter Stelle im Südwesten. Die gelebte Praxis laut DUH auch hier: fußverkehrsfeindlich und rechtswidrig. (Quelle: dpa)
