Nazi-Raubkunst im Pforzheimer Schmuckmuseum? Polnische Historikern ist sich sicher
Ein königlicher Diamantring, von den Nazis in Polen geraubt und lange verschollen, soll heute im Pforzheimer Schmuckmuseum liegen. Die Kunsthistorikerin Ewa Letkiewicz hat seine Spur rekonstruiert – nun fordert Warschau die Rückgabe. Doch in Pforzheim zweifelt man. Ist der Ring Beweisstück oder Projektion? Ewa Letkiewicz nimmt die PZ mit auf die kleinteilige Jagd nach dem Ring, erklärt, warum sie sich sicher ist, und was der Schatz ihrem Heimatland bedeutet.
PZ: Sie waren die Erste, die den verschollenen Ring Sigismunds I. verfolgte. Wie kam es dazu?
Ewa Letkiewicz: Schon im Jahr 2000 begann ich, Materialien für ein Buch über die Herrscherdynastien Jagiellonen und Wasas zu sammeln. Dabei fiel mir auf: Viele ihrer Juwelen existieren nur noch auf Porträts oder Zeichnungen. Auch der Ring Sigismunds I. war darunter. Ein unbezahlbares historisches Artefakt. Dann kam 2000 eine Ausstellung von Pforzheim nach Polen: Ringe aus vier Jahrtausenden. In Częstochowa sah ich ihn plötzlich – einen Ring mit einer sehr seltenen Diamantform, die ich sofort wiedererkannte. Die obere und untere Fassung ist nicht gleich ausgerichtet. Es war exakt jener Schnitt, der für den gestohlenen Ring des Königs beschrieben war.
Der Ring galt seit 1939 als verschollen.
Ja. Er war Teil der „Königlichen Schatulle“ von Prinzessin Izabela Czartoryska. Darin bewahrte sie die wertvollsten Erinnerungsstücke polnischer Herrscher auf. Kurz vor Kriegsausbruch wurde die Sammlung versteckt – deutsche Soldaten fanden sie und raubten auch den Ring. Danach verlor sich seine Spur.
Was macht diesen Ring so besonders?
Diese Stücke aus besagter Schatulle nehmen einen besonderen Platz unter den Erinnerungsstücken ein, die an die glanzvollsten Momente der polnischen Geschichte erinnern. Für ihre Aufbewahrung ließ Prinzessin Czartoryska zwischen 1798 und 1801 ein eigenes Gebäude errichten – den „Tempel der Sibylle“ in Puławy. Damit entstand das erste Museum Polens. Eine Initiative von grundlegender Bedeutung für die Bewahrung der Identität des polnischen Staates, der damals durch die drei Teilungsmächte Russland, Österreich und Preußen von der Landkarte Europas getilgt worden war.
Wie ging es mit der Sammlung weiter?
Nach zahlreichen Abenteuern und Wanderungen fand das „Königliche Kästchen“ schließlich seinen Platz im Czartoryski-Museum in Krakau.
Bis die Deutschen kamen?
Im August 1939, kurz vor Kriegsbeginn, wurde der wertvollste Teil der Sammlung auf das Czartoryski-Gut in Sieniawa evakuiert und in einem Versteck im Schlosskeller eingemauert. Doch am 17. September 1939 entdeckten deutsche Soldaten das Versteck. Dabei beschlagnahmten sie auch den Diamantring König Sigismunds I. des Alten. Seitdem verliert sich jede Spur.
Na ja, bis ins Jahr 2000, sagten Sie.
Umso überraschter und zugleich fasziniert war ich, als ich im Museum von Częstochowa einen Ring mit identischen Merkmalen entdeckte – ausgestellt im Rahmen einer Präsentation von Werken aus der Sammlung des Schmuckmuseums Pforzheim. Das weckte mein Interesse, den Ring genauer zu untersuchen – und begründete mein heutiges Engagement für den Ring König Sigismunds I.
Welche Quellen oder Dokumente waren die ersten, die entscheidend dafür wurden, die Spur des Rings aufzunehmen?
Mikrofotografien. Sie zeigen uns die Details, und daraus wissen wir: Eine ganz charakteristische, seltene Besonderheit des Diamanten im Ring Sigismunds ist seine rhomboide – also nicht quadratische – Tafel. Sie ist um 45 Grad gegenüber der Ebene des Pavillons, also der unteren Partie des Schliffs, verschoben.
Wie gelangte der Ring nach Pforzheim?
1963 kam ein Ring identischer Konstruktion und Schliffweise nach Pforzheim, zusammen mit 179 weiteren Ringen aus der Sammlung von Heinz Battke (1900–1966), einem bekannten Sammler, Künstler und Autor. In der Inventarliste des Museums stand nur eine knappe Bemerkung: „Massiver Goldring mit Tafeldiamant um 1500.“ Da Battke plötzlich starb, bevor er eine ausführlichere Notiz verfassen konnte, fehlen Informationen zu den Quellen, aus denen er den Ring erworben hatte.
Gab es später genauere Hinweise?
Ja. 2003 erhielt ich von Dr. Fritz Falk dem damaligen Direktor des Schmuckmuseums Pforzheim, die Information, dass Battke den Ring irgendwann zwischen 1954 und 1962 für seine Sammlung gekauft habe. Die Identität des Verkäufers war ihm jedoch nicht bekannt – ebenso wenig die früheren Umstände des Rings. Dr. Falk übermittelte mir aber detaillierte Parameterangaben und bat mich, sie mit jenen des gestohlenen Rings Sigismunds zu vergleichen.
Warum behauptet das Pforzheim Museum heute, dass es nicht genügend Beweise gibt, die bestätigen, dass der Ring in den Sammlungen von Pforzheim der Ring von Sigismund I. ist?
Bei den Messungen zeigten sich leichte Abweichungen zwischen den zeitgenössischen Messungen des Museums und den historischen Daten.
Wie das?
Ich vermute, sie rühren daher, dass moderne Messungen mit präzisen Instrumenten von Fachleuten durchgeführt wurden. Die Messungen von 1939 dagegen entstanden im Kontext einer eiligen Evakuierung, kurz vor Kriegsbeginn. Wir wissen nicht, welche Werkzeuge benutzt wurden, ob sie kalibriert waren – und sicher nicht von Juwelenforschern, die es damals am Czartoryski-Museum gar nicht gab.
Sie waren trotzdem überzeugt, dass es sich um einen polnischen Königsring handelt?
Noch im gleichen Jahr, 2003, griff das polnische Kulturministerium die Sache auf. Entscheidend waren zuvor unbekannte Vorkriegsfotos von stark vergrößerten Ringdetails. Darauf erkennt man mikroskopische Unregelmäßigkeiten im Schliff, zufällige Kratzer, eine kleine Absplitterung an einer Diamantecke sowie Gebrauchsspuren am Gold. Solche Merkmale sind so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck – und absolut nicht fälschbar. Der Vergleich mit neuen Fotos aus Pforzheim ließ keinen Zweifel: Es ist derselbe Ring.
Wie reagierte man in Polen auf Ihre Forschungsergebnisse?
Mit großem Interesse. Die Objekte aus Czartoryskas Sammlung sind seit dem 19. Jahrhundert „nationale Andenken“. Vor allem die Renaissance gilt als Blütezeit Polens. Die Hoffnung, ein Stück dieses Erbes zurückzuerhalten, bewegt viele Menschen. In der Presse wurde wiederholt betont: Es geht nicht nur um ein Schmuckstück, sondern um ein Symbol für Erinnerung und Identität.
Welche Rolle spielt Pforzheim in Ihrer Forschung?
Die Stadt ist für mich ein besonderer Ort. Ich weiß, wie furchtbar sie im zweiten Welt-Krieg zerstört wurde. Heute aber beeindrucken ihre moderne Architektur, die Farben der Häuser, das viele Wasser und Grün – und natürlich die Museen. Das Schmuckmuseum Pforzheim ist einzigartig. Dort zu arbeiten, bedeutet, direkt an einem Nervenknoten der europäischen Schmuckgeschichte zu sein.
Der Ring liegt heute verschlossen im Schmuckmuseum. Fotos werden nicht veröffentlicht, ein Gutachten läuft und Polen fordert die Herausgabe.
Ich verstehe die Vorsicht. Museen müssen juristische Verfahren einhalten. Aber ich hoffe auf ein positives Ergebnis. Rund sechshundert Werke sind seit dem Krieg bereits nach Polen zurückgekehrt. Auch hier sollte das Recht entscheiden. Wichtig ist: Der Ring wurde nicht eingeschmolzen. Das lässt hoffen, dass vielleicht auch andere verschollene Stücke noch auftauchen.
Das Museum argumentiert, der Ring könne aus Italien stammen, nicht aus Polen. Woher kommt diese Version der Geschichte?
Ich bestreite das nicht. Im Gegenteil – ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, dass der Ring von einem italienischen Goldschmied gefertigt wurde. Allerdings wurden ähnliche Ringe auch in Werkstätten in England, den Niederlanden und Deutschland hergestellt. Man sieht vergleichbare Stücke auf Porträts der europäischen Eliten jener Zeit. Sie waren wegen des Diamanten sehr modisch und begehrt.
Ist es kein Widerspruch, dass ein eigentlich italienischer Ring in Polen auftaucht? Der Sammler Battke war selbst länger in Florenz.
Überhaupt nicht. Für mich hat die Frage der Herkunft nichts mit der möglichen Rückführung des Rings zu tun. Ich sehe kein Problem darin, dass ein in Italien gefertigter Ring während der Renaissance von einem polnischen König getragen wurde. Sigismunds Frau war die italienische Prinzessin Bona Sforza (1494–1557), die eine Mitgift mit vielen prachtvollen Schmuckstücken nach Polen brachte. Zudem dominierten im ersten Halbjahrhundert des 16. Jahrhunderts in Polen und am königlichen Hof die Einflüsse der italienischen Kunst und Architektur. Und Schmuck war – damals wie heute – aufgrund seines Wertes bei geringer Größe besonders mobil. Er reiste leicht nicht nur von Land zu Land, sondern auch über große Entfernungen zwischen ganzen Kontinenten.
Kunsthistorikerin deckte rätselhaften Fund aus Habsburger Grab auf
Wenn Ewa Letkiewicz über Schmuck spricht, erzählt sie von Macht, Liebe und Verlust. Seit mehr als zwanzig Jahren widmet die Kunsthistorikerin aus Lublin ihre Forschung dem Schmuck der Neuzeit. An der Maria-Curie-Skłodowska-Universität lehrt sie am Institut für Kulturwissenschaften. Doch ihre eigentliche Leidenschaft begann mit einem Fund, der eher wie ein Kriminalfall klingt. Im Grab der Königin Anna Habsburg lag ein Anhänger mit dem Monogramm „A“. Generationen von Forschern hatten ihn der Königin zugeschrieben. Letkiewicz aber rekonstruierte geduldig seine wahre Herkunft: Ein Nürnberger Goldschmied hatte ihn einst für die Töchter Sigismunds des Alten gefertigt – drei Anhänger, drei Buchstaben. „S“ für Sophia, „C“ für Katharina, „A“ für Anna. Einer verschwand, einer liegt heute in einer schwedischen Kathedrale. Und der dritte, der mit dem „A“, wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nazis gestohlen – wie viele Schätze der polnischen Krone.
