Neue Chancen für alte Bäume: Experte des Königsbacher Obst- und Gartenbauvereins gibt Tipps
Königsbach-Stein. Die Natur erwacht, der Frühling kommt – und mit ihm die Zeit, in der Streuobstbäume ihre Pflege brauchen. Doch was tut man bei älteren Exemplaren, die nicht mehr im besten Zustand sind? Ein Experte des Königsbacher Obst- und Gartenbauvereins weiß Rat. „Heimatstark“ hat einen seiner Schnittkurse besucht – und dabei nicht nur gelernt, was der Juniriss ist.
Im Sekundentakt fallen die Äste auf die Wiese, einer nach dem anderen, manche dicker, andere dünner. Dass sie dort landen, ist weder Zufall noch Willkür, sondern das Ergebnis eines planvollen Vorgehens. Denn wer Streuobstbäume richtig pflegen will, der muss genau wissen, wie er dabei vorgeht. Um 20 Interessierte müssten es sein, die sich an einem Samstagnachmittag Ende März auf einem großen Grundstück am Ortsrand von Königsbach in Richtung Wössingen treffen. „Hintere Wolfslach“ heißt das Gewann, in dem zahlreiche Streuobstbäume in Reih und Glied hintereinanderstehen. Darunter viele ältere Exemplare, die schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Geschnitten worden sind sie in dieser Zeit immer wieder, aber nicht unbedingt regelmäßig und nicht unbedingt so, wie man das heute machen würde. Denn das Schneiden von Streuobstbäumen ist zwar im Grundsatz keine hohe Kunst, aber auch nicht gerade trivial. Will man sie fit und vital halten, dann gibt es einiges zu beachten: von der Auswahl des geeigneten Werkzeugs über den Zeitpunkt des Schnitts bis zur richtigen Vorgehensweise.
„Das Wichtigste ist, dass man überhaupt etwas macht“, sagt Egon Notz, der sich ehrenamtlich beim Königsbacher Obst- und Gartenbauverein engagiert und genau weiß, wovon er spricht.
Als Obst- und Garten-Fachwart, als Obstbaumpfleger und Obst- und Gartencoach kennt er sich bestens aus. Auch mit der Pflege älterer Bäume, die an diesem Nachmittag eine große Rolle spielt. Der Königsbacher Obst- und Gartenbauverein hat zu der Aktion eingeladen, weil er ein großes Interesse wahrnimmt. „Wir haben immer wieder Anfragen bekommen“, sagt Wolfgang Ruthardt, der sich den Vorsitz des Vereins mit Nicoleta Morariu teilt und weiß, dass es in der Region viele ältere Bäume gibt, die nicht mehr oder nur noch unzureichend gepflegt werden: oft auf Grundstücken, die nach dem Tod der Eltern oder Großeltern vererbt wurden. Genau da möchte der Königsbacher Obst- und Gartenbauverein mit seinem Schnittkurs ansetzen. Entstanden ist die Idee dazu relativ spontan, in einer Sitzung des neu gewählten Vorstands, der den Verein mit frischen Ideen in die Zukunft führen will. Ruthardt begreift derartige Aktionen auch als Service für die Bürger, als wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl. Denn er weiß, dass Streuobstwiesen einen großen ökologischen Wert haben, dass sie die Kulturlandschaft maßgeblich prägen, dass sie Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen sind. Nicht umsonst fördert die Gemeinde Königsbach-Stein die Beschaffung der Bäume bei den Bestellaktionen im Winter immer mit einem großzügigen Zuschuss, sofern sie auf einer heimischen Streuobstwiese gepflanzt werden. „Uns ist es wichtig, Wissen zu vermitteln und weiterzugeben“, sagt Ruthardt, der beim Schnittkurs selbst gespannt zuhört und zuschaut. Denn: „Ich lerne da selbst jedes Mal etwas Neues.“
Tipp 1: Erhalt ist erwünscht
Bei der Pflege alter Bäume geht es nicht um die Ertragssteigerung oder Erziehung, sondern um den Erhalt. Im Fokus steht das Schaffen einer Statik, die verhindert, dass Äste abbrechen oder der Baum in Schieflage gerät. Denn das Gewicht der Blätter und der Früchte darf man nicht unterschätzen. Größere Eingriffe verteilt man auf mehrere Jahre, um die alten Bäume zu schonen. Beim Schneiden fokussiert man sich auf wenige dicke Äste, nicht auf dünne Triebe wie man das bei jüngeren Bäumen machen würde. Aber Achtung: Zu groß dürfen die Wunden nach dem Schneiden nicht sein, gerade im unteren Bereich. Denn große Wunden heilen bei älteren Bäumen in der Regel nicht mehr zu. Mit der Folge, dass keine Überwallung stattfindet und der Baum von Fäulnis bedroht ist. Je tiefer sie in das Innere vordringt, desto größer ist die Gefahr, dass auch große Äste unter der Last der Früchte abbrechen. Um das zu verhindern, empfiehlt Notz eine Schnittfläche mit einem Durchmesser von zehn bis maximal 15 Zentimetern in den unteren Astbereichen. Zudem rät der Experte dazu, die Äste nie direkt am Ast-ring zu entfernen, sondern circa zehn Zentimeter dahinter. Dadurch bleiben zwar kleine, nicht unbedingt ansehnliche Stummel stehen, die Experten auch als Zapfen bezeichnen. Doch das ist deutlich besser als ein Krankheitsbefall.
Tipp 2: Kleine Äste stehenlassen
Kleine Äste lässt Notz bei älteren Bäumen nur bei größeren Eingriffen stehen: als Wachstumsbremse. Denn im August fängt der Baum damit an, die Nährstoffe einzulagern und die Blattknospen für das kommende Jahr auszubilden. Weil dazu auch das Chlorophyll gehört, beginnt zu dieser Zeit schon langsam die Verfärbung der Blätter. Schneidet man im Frühjahr zu viele kleinere Äste ab, dann treibt der Baum anschließend stark aus, denn er hat die Nährstoffe ab August so eingelagert, dass sie alle zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Strukturen versorgen könnten. Wird deren Umfang anschließend im Frühjahr reduziert, bildet der Baum verstärkt neue Triebe. Was bei jungen Bäumen durchaus erwünscht sein kann, sollte man bei älteren vermeiden. Notz sagt, man sollte sie „ruhig halten“. Wobei der Experte betont, dass man natürlich auch bei alten Bäumen dünne Äste entfernen kann, wenn diese dem Boden zu nah kommen und dadurch beispielsweise beim Rasenmähen stören. Hängende und abgetragene Äste sollten auch entfernt werden.
Tipp 3: Junge Bäume erziehen
Bei Streuobstbäumen kommt es darauf an, sie schon frühzeitig in die richtige Form zu bringen, möglichst schon beim Pflanzen. Dazu empfiehlt es sich, in der Verlängerung des Stamms eine durchgehende Mitte stehen zu lassen. Von ihr sollen drei bis vier Äste abgehen, die optimalerweise dauerhaft erhalten bleiben und nie abgeschnitten werden: die sogenannten Leitäste. Sie sollten in einem Winkel von 30 Grad zur durchgehenden Mitte stehen, weil sie später durch das Gewicht der Früchte nach unten gedrückt werden. Zudem sollten sie möglichst weit voneinander entfernt und gleichmäßig um den Stamm verteilt sein, damit der Baum keine Schlagseite bekommt. Von den Leitästen gehen Seiten- und Fruchtäste ab. Bei Letzteren sollte man grundsätzlich darauf achten, die waagrechten stehen zu lassen und die senkrechten zu entfernen. Denn ein waagrechter Ast trägt mehr Früchte. Bei stark treibenden jungen Bäumen rät Notz dazu, die Jahrestriebe im Juni zu entfernen: nicht durch Schneiden, sondern durch einfaches Abreißen. „Wenn sie grün sind, geht das ganz leicht.“ Durch den Juniriss entfernt man auch schlafende Augen und verhindert, dass der Baum austreibt.
Tipp 4: Der Baum braucht Licht
Sowohl beim Erhaltungs- als auch beim Erziehungsschnitt geht es darum, überschüssige Äste so zu entfernen, dass sich in der Krone kein Schirm bildet und die Sonne auch im belaubten Zustand bis auf den Boden kommt. Das ist wichtig, damit die unteren Äste nicht vergreisen und sowohl die Blätter als auch das Holz nach einem Regen abtrocknen können. Bleiben sie über einen längeren Zeitraum feucht, haben Krankheitserreger und Schädlinge nämlich leichtes Spiel. Früher hat man gesagt, man müsse einen Hut durch die Krone werfen können. Inzwischen sieht man das ein wenig differenzierter, denn durch den Klimawandel besteht die Gefahr, dass die Bäume im Sommer einen Sonnenbrand bekommen: auf der Rinde, auf den Blättern und auf dem Obst. Anders bei Menschen heilt er bei einem Baum nie wieder. Mit gravierenden Folgen: Der Sonnenbrand schädigt die Wachstumsschicht des Baums, das sogenannte Kambium, das auch Wunden heilen lässt. Ist das Obst von Sonnenbrand betroffen, kann man es zwar noch essen und verarbeiten, aber nicht mehr lagern, denn es beginnt sehr schnell zu faulen. Daher rät Notz beim Schneiden: „Lieber etwas zu viel drin lassen als zu wenig.“
Tipp 5: Nicht bei der Ausrüstung sparen
Um Bäume vernünftig schneiden zu können, braucht man eine geeignete Ausrüstung. Für dünne Äste genügt eine einfache Obstbaumschere, für dickere nutzt man eine Handsäge. Liegen sie weiter oben in der Krone, empfiehlt Notz unter anderem Hochentaster, Stangensägen und Schneidgiraffen. Von der Nutzung von Motorsägen rät er dringend ab. Erst recht, wenn man auf eine Leiter steigt. Das dürfen nur ausgebildete Baumpfleger mit einem entsprechenden Schein.
