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Cortina d’Ampezzo -  26.01.2026
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Oylmpia vor 70 Jahren in Cortina: Geschichte über einzige Goldmedaille der Deutschen bei diesen Spielen

Ofterschwang/Cortina d’Ampezzo. Als vor 70 Jahren erstmals Winterspiele in Italien ausgetragen wurden, gewann eine Allgäuerin den Riesenslalom. Die Welt war damals eine andere, erst recht die Welt des Sports.

Vancouver 2010 - Gold-Medaillengewinnerin Ossi Reichert
Die Allgäuerin Ossi Reichert hat bei den Winterspielen vor 70 Jahren in Cortina d’Ampezzo mit Gold im Riesenslalom für den einzigen deutschen Sieg gesorgt. Foto: picture alliance / dpa

Deutschland war geteilt, die Bundesrepublik Fußball-Weltmeister und der Film „Sissi“ gerade im Kino angelaufen, als Ossi Reichert als erste deutsche Skisportlerin nach dem Zweiten Weltkrieg eine olympische Goldmedaille gewann. Das gelang der Allgäuerin gut einen Monat nach ihrem 30. Geburtstag und zwar am 27. Januar 1956 im ersten Wettbewerb der Winterspiele von Cortina d’Ampezzo.

An jenem Freitag vor nunmehr 70 Jahren gewann Reichert, die genau wie die 20 Jahre später in Innsbruck gleich zwei Mal erfolgreiche Rosi Mittermaier bei der Taufe den Namen Rosa bekommen hatte, als Außenseiterin und mit der bei den Alpin-Assen ungeliebten Startnummer 1 den Riesenslalom. Seinerzeit gab es zwei Läufe nur im Slalom.

Dieser Umstand war für Ossi Reichert vier Jahre vor Cortina nicht unbedingt günstig gewesen: 1952 in Oslo lag sie im Torlauf bei Halbzeit in Führung, am Ende jedoch acht Zehntelsekunden hinter Andrea Mead-Lawrence aus den USA. Doch schon Olympia-Silber brachte die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland für sportliche Erfolge: das Silberne Lorbeerblatt.

Als deutsche Sportlerin 1948 noch außen vor

Bereits 1948 wäre Ossi Reichert wohl für eine Olympia-Teilnahme in Frage gekommen. Doch nicht einmal drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutschland genau wie Japan von den Spielen im Schweizer Nobel-Skiort St. Moritz ausgeschlossen.

Als Kind einer Wintersport-Region, speziell als Tochter des Gasthaus- und Hotelbetreiber-Paares Rosl und Willi Reichert hatte Ossi eine gute Startposition. Lange bevor großen Erfolgen zumindest teilweise das große Geld folgte, zahlten Sportler mitunter drauf, wie ein Blick ins Archiv der „Pforzheimer Zeitung“ zeigt. „Der Deutsche Skiverband ist so arm, dass zwei Angehörige der deutschen Nationalmannschaft (Ossi Reichert und Hannelore Franke) auf eigene Kosten nach Chamonix fahren und dort auch ihren Lebensunterhalt bestreiten“, wurde Sportwart Franz Goebel in der PZ vom 1. Februar 1951 zitiert. Viel investieren musste Ossi Reichert auch, um nach einer Knöchelverletzung 1954, der ein Jahr Pause folgte, wieder in die Erfolgsspur zu kommen.

Der Aufwand lohnte sich. Im auf der Abfahrtsstrecke Canalone Tofana ausgetragenen olympischen Riesenslalom hatte Ossi Reichert 1,3 Sekunden Vorsprung auf Josefa „Putzi“ Franderl, deren österreichische Landsfrau Dorothea Hochleitner auf Platz drei folgte. Auf gut 2000 Meter Höhe gingen 49 Sportlerinnen auf die 1700 Meter lange und mit etwa 50 Toren versehenen Strecke. Das Ziel lag 400 Meter tiefer.

Siegesfahrt führt sogar durch den Wald

Ossi Reichert sei „schneidig“ gefahren, war nach dem Rennen in der PZ zu lesen: „In wundervoll schüssiger Fahrt jagte die deutsche Slalom-Meisterin durch die Tore, verschwand dann für einige Augenblicke im Wald, bevor sie wieder am Zielhang in das Blickfeld trat. In gutem Tempo passierte sie die letzten Tore vor dem Ziel.“ Heinz Maegerlein, populärer Reporter des Bayrischen Rundfunks, hielt in seinem Buch zu den Winterspielen fest, die große Stilistin Ossi Reichert habe „in weiser Erkenntnis an jedem Tor das gerade noch Mögliche“ gewagt.

So rasant wie im modernen Skisport ging es längst nicht zu – recht elegant aber, wie Filmaufnahmen zeigen. Die Materialentwicklung stand am Anfang. Auffällig vor allem, dass wie Ossi Reichert die meisten ohne Helm unterwegs waren.

Auch die Vorbereitung war aus heutiger Sicht nicht optimal: Am Tag vor dem Rennen war Ossi Reichert Teil der Eröffnungsfeier – und das bei deutlich zweistelligen Minus-Temperaturen.

Kanzler Adenauer schickt ein Telegramm

„Zur Goldmedaille im Riesenslalom der Damen die herzlichsten Glückwünsche und freundliche Grüße“ stand im Telegramm des da bereits 80-jährigen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der wie Bundespräsident Theodor Heuss und Innenminister Gerhard Schröder aus der Ferne gratulierte. „Wenn’ s am Schönsten ist, soll man aufhören“ heißt es und auf jeden Fall gab Ossi Reichert auf dem Karrierehöhepunkt ihren Abschied zum Saisonende bekannt. Der Rücktritt erfolgte „auf Wunsch ihrer Eltern“ und um fortan im heimischen Hotel zu helfen. Der Allgäuer Berghof ist übrigens noch heute familiengeführt.

Beim Slalom montags gab Ossi Reichert nach einem Sturz im zweiten Lauf nicht auf: Da sie ein Tor ausließ, wurde sie jedoch disqualifiziert. Weitere zwei Tage später war sie in der Abfahrt trotz eines großen Rückstands als 20. noch die Beste der vier Deutschen.

Auf Ski ging es auch in die Schule

Der Weg zum Skisport war für Ossi Reichert nicht weit. „Schließlich mussten wir nach Sonthofen in die Schule und da sind wir im Winter oft genug auf Ski vom 1200 Meter hohen Berghof/Alpe Eck ins Tal gefahren. Es hat mir schon damals großen Spaß gemacht“, sagte sie der „Allgäuer Zeitung“. Der Hausberg der späteren Olympiasiegerin war das noch 200 Meter höhere Ofterschwanger Horn. Mittlerweile sind Ski-Touristen dort in Gondeln der Ossi-Reichert-Bahn unterwegs.

Deren Namensgeberin stand bis ins hohe Alter auf Skiern. Gestorben ist Ossi Reichert dann ein halbes Jahrhundert nach ihrem großen Tag: am 16. Juli 2006 zuhause in Blaichach-Gunzesried.

Autor: Ralf Kohler