Gemeinden der Region
Enzkreis -  20.11.2021
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

PZ-Kolumnist Mario Ludwig über tierische Frauenpower: „Beim Sex haben Frauen das Sagen“

Hyänen bilden matriarchalische Rudel, in dem hinterm Alpha-Weibchen in der Rangfolge erst einmal alle Weibchen kommen, bevor das erste Männchen etwas zu melden hat. Da hatte Biologe Mario Ludwig als Homo sapiens Glück: Er konnte ohne Genehmigung mehrerer Chefinnen ein neues Buch über die weibliche Seite der Fauna schreiben.

Der rote Ara plappert gern, Mario Ludwig schreibt lieber neue Bücher. Foto: Jodo
Der rote Ara plappert gern, Mario Ludwig schreibt lieber neue Bücher. Foto: Jodo

PZ: „Furchtlose Frauen“ sind Thema Ihres neuen Buches „Fearless Females – Die weibliche Seite der Tierwelt“. Ist das eine Antwort auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen oder hat da Ihre Frau die Themenwahl beeinflusst?

Mario Ludwig: Ja, meine Frau hat mit Scheidung gedroht, wenn ich nicht endlich mal Frauen in den Mittelpunkt eines Buches stelle. Nein, im Ernst: Das war ein Vorschlag des Verlags und ich habe mich eigentlich nur geärgert, dass ich nicht selbst auf diese wirklich schöne Idee gekommen bin.

Über Emanzipation und Frauenquote wird unter Tieren wohl nicht diskutiert. Aber sind denn artübergreifend betrachtet mehrheitlich immer nur Alpha-Männchen die großen Macker?

Ja, es gibt im Tierreich deutlich mehr Alphamänner als Alphafrauen. Aber – und jetzt kommt ein großes Aber: Beim Sex haben die Frauen das Sagen. Im Tierreich herrscht nämlich Damenwahl. Zumindest bei denen sogenannten höheren Tieren, wie Säugetieren und Vögeln, sind es nämlich in den allermeisten Fällen die Weibchen, die sich ihren Partner aussuchen. Und das hat einen guten Grund: Die Weibchen möchten natürlich das Männchen als Partner gewinnen, von dem sie glauben, dass es die besten Gene hat. Schließlich soll das Männchen ja diese guten Gene später einmal an den gemeinsamen Nachwuchs weitergeben.

Dann ist das Balzen der Männchen letztlich nur eine Show der Machtlosen, wenn am Ende das Weibchen allein über Paarung und Anzahl der Partner entscheidet?

Eigentlich schon. Und dann müssen sich die Tiermänner ja auch noch gewaltig ins Zeug legen, damit sie bei ihrer Herzensdame zum Zuge kommen und nicht ein schnöder Konkurrent. Erfolgreiche Vogel-Männchen müssen einfach schöner singen als die Rivalen. Das ist aber noch die harmlose Variante. Manchmal werden die Kämpfe um die Gunst der Weibchen auch mit harten Bandagen ausgefochten. Das kann dann blutig werden oder sogar tödlich enden.

So dürfte also auch unser traditionelles menschliches Idealbild von der Vater-Mutter-Kind-Familie ebenfalls untypisch in der Welt der Tiere sein?

Familie Mustermann kommt im Tierreich nicht so oft vor. Dem Idealbild einer menschlichen Familie kommen eigentlich Wölfe am nächsten. Bei Wolfsfamilien kümmern sich beide Eltern und sogar die älteren Geschwister oft geradezu rührend um die Welpen. Ansonsten gilt im Tierreich meistens: Mama kümmert sich um den Nachwuchs, und Papa hat schon frühzeitig das Weite gesucht.

Auch wenn sich tierische Väter gerne schnell aus der Verantwortung ziehen, so ganz ohne geht es letztlich wohl doch nicht.

Doch. Im Tierreich gibt es nichts, was es nicht gibt. Manche Tierarten kommen auch ganz gut ohne Männer aus. Diese Tierarten pflanzen sich durch eine sogenannte Jungfernzeugung oder Parthenogenese fort. Die entsprechenden Weibchen ersparen sich einfach Partnerwahl, Balz und Sex und das ganze Gedöns und basteln sich den Nachwuchs einfach selbst aus den eigenen Erbinformationen. Bei der Jungfernzeugung wird einer unbefruchteten Eizelle des Weibchens mit Hilfe von Hormonen eine Befruchtung vorgegaukelt, so dass sie sich teilen und aus ihr ein voll entwickelter Organismus heranreifen kann. Die entstanden Jungtiere sind genetisch identisch mit dem Muttertier, daher natürlich auch immer Töchter und quasi natürliche Klone, da ja kein Erbgutaustausch mit einem Männchen stattfindet.

Was ist dran am negativ gemeinten Begriff „Rabenmutter“?

Gar nichts. Der schlechte Ruf, den Rabenmütter genießen, geht auf eine falsch interpretierte Naturbeobachtung zurück: Junge Raben verlassen nämlich gerne das heimische Nest schon bevor sie überhaupt fliegen können und sitzen dann oft scheinbar völlig einsam und verlassen unterhalb des Nestes am Boden. Und dieses, auf den ersten Blick bedauernswerte Bild führte dann zu der Vermutung, die kleinen Raben wären von ihrer Mutter im Stich gelassen oder sogar aus dem Nest geworfen worden. Aber genau das Gegenteil ist richtig: Rabenmamas sorgen sich rührend um ihren Nachwuchs, auch wenn sie das Nest bereits verlassen haben.

Aber „Kuckuckskinder“ müssten doch wissen, was eine schlechte Mutter ist.

Das Kuckucksweibchen ist ja zumindest eine faule Mutter. Es legt bekanntermaßen seine Eier in die Nester fremder Vogelarten und überlässt denen die Aufzucht des eigenen Nachwuchses. Während die Zieheltern die Dummen sind und die untergeschobene Brut großziehen müssen, kann sich das Kuckucksweibchen den angenehmen Dingen des Lebens zuwenden: Sich pflegen, sich genüsslich den Bauch vollschlagen oder mit dem nächsten Liebhaber vergnügen.

Bei den Menschen spricht man vom „Hotel Mama“, wenn erwachsene Kinder nicht ausziehen wollen. Welche Mutter-Kind-Beziehungen sind denn im Tierreich besonders lange sehr eng?

Ausgerechnet Schwertwale, auch Orcas oder Killerwale genannt, sind echte Muttersöhnchen, die ihr ganzes Leben lang im „Hotel Mama“ unter den schützenden Fittichen ihrer Mutter verbringen. Und das hat einen guten Grund. Beobachtungen von Orca-Forschern der Universität von Exeter zeigen nämlich, dass die Überlebenschance von erwachsenen Orca-Männern um knapp das 14-Fache steigt, solange sie bei ihrer Mutter blei ben. Warum das so ist, ist noch nicht geklärt.

„Femmes Fatales“ heißt ein Kapitel im Buch. Welchen Weibchen sollte man denn als Männchen lieber aus dem Weg gehen?

Ganz klar: den weiblichen Gottesanbeterinnen. Die haben manchmal die unangenehme Eigenschaft, ihre deutlich kleineren Männchen nach der Paarung zu verspeisen. Manchmal kann man sogar beobachten, dass einem Männchen noch beim Sex der Kopf abgebissen wird. Erstaunlicherweise wird die Paarung jedoch von den kopflosen Männchen weiter vollzogen, da sich die Nervenzentren, die für die Steuerung der Kopulationsbewegungen verantwortlich sind, ausnahmslos im Hinterleib des Männchens befinden. Offensichtlich kann man in Gottesanbeterinnen-Kreisen auch ohne Kopf Vater werden.

"Fearless Females": Spannendes und Skurriles zur weiblichen Seite der Tierwelt

Tierische Frauenpower: Der Foto- und Textband „Fearless Females - Die weibliche Seite der Natur“ offenbart ungeahnte und natürliche Stärken der weiblichen Tierwelt. Der renommierte Bestseller-Autor, promovierte Biologe und PZ-Kolumnist Mario Ludwig, regelmäßiger Interview-Gast in vielen Fernseh- und Radioshows, ist „Deutschlands Experte für alles Tierische“. In seinem neuen, prachtvoll bebilderten Buch schildert er, warum nicht immer Männchen das Sagen haben und Geschlechterrollen bei Säugetieren sehr unterschiedlich gewichtet sind.

Ludwig erzählt in „Fearless Females“ spannende, spektakuläre und skurrile Geschichten, die die weiblichen Führungsrollen im Tierreich beleuchten. Die Natur ist voll von starken Weibchen, aber diese bekommen oft nicht so viel Aufmerksamkeit wie Männchen. Dabei spielen sie die wichtigsten Rollen in Tiergesellschaften. „Fearless Females“ ist der erste Fotoband, der sich mit der weiblichen Seite des Tierreichs auseinandersetzt. Nur Weibchen sind hier die Protagonisten.

„Fearless Females – Die weibliche Seite der Natur“, Mario Ludwig, teNeues Verlag, 2021, 208 Seiten, 128 Farbfotos, deutscher und englischer Text, 39,90 Euro, ISBN: 978-3-96171-352-3

Autor: Thomas Kurtz