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Pforzheim -  17.05.2026
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Pforzheim zeigt, was Zusammenhalt heißt: Einsatzkräfte ziehen positive Bilanz nach Bombensonntag

Pforzheim. 30.000 Menschen, 1500 Einsatzkräfte und eine 1,8-Tonnen-Bombe: der Katastrophenschutzeinsatz der Pforzheimer Nachkriegsgeschichte.

Weltkriegsbombe Fundstelle Oststadt Entschärft
Benjamin Koch und Markus Bauder von der Polizei, Mathias Peterle vom KMBD, Baubürgermeister Tobias Volle, Feuerwehrchef Sebastian Fischer und die DRK-Spitze Herbert Mann und Stefan Schoch (von links) erzählen eine Erfolgsgeschichte. Foto: Röhr

Pforzheim. Um 15.04 Uhr war es vorbei. Feuerwehrsprecher Fabio Silva gab die Entwarnung, kurz darauf kam sie auch per NINA-App auf die Handys von rund 30.000 Menschen, die seit dem frühen Morgen nicht in ihren Wohnungen sein durften. Pforzheim hatte seinen bislang größten Katastrophenschutzeinsatz der Nachkriegsgeschichte hinter sich. Die britische Fliegerbombe, die am Mittwoch im Oststadtpark entdeckt worden war, wurde erfolgreich entschärft.

Die Zahlen des Tages

1500 Einsatzkräfte, darunter 500 aus dem Enzkreis, waren im Einsatz – Feuerwehr, Polizei, DRK, THW, ASB, Johanniter, Malteser, DLRG und städtische Mitarbeiter. Allein das DRK stellte 280 Personen, fast alle ehrenamtlich. Vier Männer haben die Bombe entschärft. Einer wollte nicht vor die Presse. Die anderen drei – Feuerwerker Daniel Kuhn sowie die Munitionsfacharbeiter Erdem Önder und Stefano Canora – standen am Nachmittag vor dem Fund und sprachen über ihre Arbeit mit der Nüchternheit von Leuten, die das öfter tun. „Ist halt ein Job“, sagte Kuhn vor dem rostigen Koloss.

Nur sieben Platzverweise hatte die Polizei im Laufe des Tages im Evakuierungsgebiet erteilt, zwei Mal wurden Einsatzkräfte beleidigt – Strafanzeigen folgten. Eine Person war so betrunken, dass sie ins Krankenhaus musste. Ein Drohnenführer, der die Flugverbotszone missachtete, wurde mit einem Ordnungswidrigkeitenverfahren bedacht. 14 Menschen hatten nichts von der Evakuierung mitbekommen oder blieben absichtlich.

Insgesamt hat die Evakuierung von vornehmlich Oststadt, Nordstadt, Teilen der Innenstadt und der Au fast sieben Stunden gedauert. Ab 7.30 Uhr hielt kein Zug mehr am Hauptbahnhof.

Die beiden Krankenhäuser konnten ihren Betrieb trotz der Bombenentschärfung aufrechterhalten. Während das Siloah St. Trudpert außerhalb des Sperrgebiets lag, galt das Hauptaugenmerk dem Helios-Klinikum. Damit eine Evakuierung des Krankenhauses vermieden werden konnte, hatten Einsatzkräfte zuvor rund um den Fundort einen massiven Schutzwall aus Erde errichtet. Dafür wurden etwa 200 Kubikmeter Erdreich in Metallcontainer aufgeschüttet. Der Wall sollte im Ernstfall die Druckwelle vom Klinikum fernhalten.

Bratwürste und Bässe

Für die meisten Pforzheimer war es ein besonderer Sonntag bei zum Glück freundlichem Wetter. Im Stadtgarten lagen Familien auf dem Rasen. Im Wildpark war mehr los als sonst. Unter der Kallhardtbrücke an der Enz wummerten Bässe gegen den Beton: Kevin Tietze hatte kurzerhand einen Evakuierungsrave organisiert. Das Gartencenter Streb öffnete spontan und grillte Bratwürste für alle, die nicht wussten, wohin. Die IGMG Ayasofya Moschee öffnete ab dem Morgengebet ihre Türen und verteilte Suppe. Sogar der Museumstag konnte in Teilen trotzdem stattfinden. Pfarrer und Notfallseelsorger Hans Gölz-Eisinger war mit Kolleginnen im Benckiserpark, wo Flüchtlingskinder mit ihren Eltern die Zeit verbrachten – eine der Kolleginnen spricht fließend Arabisch, was an diesem Tag ein Segen war.

Was den Tag schwierig machte

Die Evakuierung der vier Pflegeheime im Sperrbereich war der logistisch aufwendigste Teil. Rund 250 Menschen mit teils schwersten Erkrankungen, viele demenzkrank, viele bettlägerig, mussten transportiert werden. Die Transporte von der „Goldenen Pforte“ in der Nordstadt aus – 102 Bewohner, kaum Angehörige, die für Entlastung sorgten – zog sich bis in den frühen Nachmittag. Eine lange Fahrzeugkolonne über Zähringerallee und Güterstraße war noch Stunden nach dem offiziellen Evakuierungszeitpunkt zu sehen. Im Kappelhof und vielen anderen Einrichtung hatten sich Mitarbeiter freiwillig für Überstunden gemeldet.

400 Schutzsuchende fanden in der Jahnhalle Unterschlupf, 270 in der Ludwig-Erhard-Halle, 190 in der Nagoldhalle. Das DRK versorgte 1500 Einsatzkräfte und 1000 Betroffene mit Essen und Trinken.

Was nun mit der Bombe passiert

Die HC 4000 liegt inzwischen auf einem waldgrünen Lastwagen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Sie wird zunächst im Großraum Stuttgart zwischengelagert. Feuerwehrkommandant Sebastian Fischer fasste den Tag am Nachmittag so zusammen: „Ein Einsatz dieser Größenordnung ist nur möglich, wenn alle Organisationen eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten.“ Die viertägigen Vorbereitungen seien „nach Drehbuch“ abgearbeitet worden. Polizeidirektor Markus Bauder sprach von hervorragenden detaillierten Planungen im Vorfeld. Und auch während der Räumung habe die Zusammenarbeit bestens funktioniert. Baubürgermeister Tobias Volle sagte vor der rostigen entschärften Bombe: „Wir sind unwahrscheinlich stolz und dankbar, dass wir eine solche überbehördliche Zusammenarbeit hier in Pforzheim zeigen durften.“

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