Pforzheimer Händler kommt mit dem Verkauf nicht hinterher: Region entdeckt in Corona-Krise ihr Herz fürs Rad
Pforzheim. Beim Fahrradhändler Mr. Bike in Pforzheim ist jeder Tag ein Samstag. Gleich morgens stellen sich die Menschen in die Schlange, um sich von Rainer Altmann und seinem 16-köpfigen-Team beraten zu lassen und ein Mountainbike, E-Bike oder ein Rad fürs Kind zu kaufen.
Seitdem die Fahrradgeschäfte Ende April im Südwesten wieder öffnen durften, sei „die Hölle los“, sagt der Geschäftsführer. Auch in der Werkstatt wird gewerkelt, montiert und Überstunden geschoben. Wer jetzt einen Termin sucht, um sein altes Rad auf Vordermann zu bringen, muss sich in Geduld üben: bis zu acht Wochen Wartezeit gibt es bei Mr. Bike. Bei kleinen Reparaturen kann es auch mal schneller gehen.
„So etwas habe ich in den letzten 30 Jahren nicht erlebt“, sagt Altmann. Keiner hätte mit solch einem Boom gerechnet. Die Räder gehen weg wie heiße Semmel. Sobald eins verkauft wird, wird die Lücke im Verkaufsraum geschlossen – wenn es noch Räder im Lager gibt.
Denn die Branche hat ein Problem: Aktuell kommt es zu Lieferschwierigkeiten. Diese lassen sich laut Altmann unter anderem durch die Corona-Beschränkungen in Asien Mitte Februar erklären, als Zulieferer ihre Firmen schlossen und Lieferketten unterbrochen wurden. Engepässe gebe es auch bei normalen Teilen wie etwa Fahrradschläuchen, die zu 90 Prozent in Taiwan hergestellt werden. Deshalb bestellt Altmann noch verfügbare Bestände in den Niederlanden oder in Tschechien, „aber auch dort wird bald der Markt leer gefegt sein“, sagt er.
Selbst Hersteller kämen mit der Lieferung nicht hinter – teilweise gebe es bei manchen Modellen Wartelisten. Wie etwa beim deutschen Hersteller Cube. „Die nächste Lieferung kommt erst Ende Juli“, sagt Altmann.
„Nur das, was ich in den Beständen habe, kann ich verkaufen.“
Und die werden immer kleiner – denn die Stückzahlen werden bis zu zwei Jahre im Voraus festgelegt. „Im Januar wird für 2021 bestellt“, so Altmann.
„Wir sehen derzeit einen enormen Run auf die Fahrradläden. Ohne von einem Gewinner der Krise reden zu wollen, muss man festhalten, dass das Fahrrad gerade einen besonderen Moment erlebt“, sagt David Eisenberger, Sprecher beim Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Und so könnte die Branche nach einem vermiesten Saisonstart gestärkt aus der Krise hervorgehen. Auch Altmann von Mr. Bike rechnet damit, schon bald den Fehlbetrag einzuholen. Der Umsatz sei um das Anderthalbfache gestiegen. Wie lange wohl der Boom anhalten wird? Altmann geht von einem optimistischen Szenario aus: bis Saisonende im Herbst – „und wenn sich die Situation bei den Herstellern nicht ändert, sogar bis in den Frühling.“
Denn immer mehr Menschen satteln auf den Drahtesel um. Nach Einschätzung des Branchenverbands hätte die Corona-Krise Fahrradläden neue Kunden beschert, die auf einen Urlaub in der Ferne verzichten und Ziele in der Heimatregion ansteuern. Zudem meiden viele Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel aus Angst vor einer Ansteckung. „Bei Fahrrädern kann man die Distanz halten“, sagt Eisenberger.
Auch die Kurzarbeit spiele eine Rolle, fügt Radhändler Altmann hinzu – gerade in Pforzheim und der Region ist diese hoch. Zudem tue die Isolation ihr Übriges: Immer mehr Pärchen würden sich Fahrräder zulegen.
„Das wird dann von der Urlaubskasse abgezogen. Man überlegt sich, hier im Land Spaß zu haben“, so Altmann.
Für diesen Spaß sind die Menschen auch bereit, tief in die Tasche zu greifen – bis zu 3000 Euro. Im vergangenen Jahr lag der Durchschnittspreis für ein Fahrrad bei 2000 Euro, berichtet Altmann.
Doch bei all dem Boom fallen auch kritische Worte: Der Verkauf allein reiche nicht für einen langfristigen Mobilitätswandel aus, mahnt der Zweirad-Industrie-Verband. Mehr und gerade ungeübte Radfahrer brauchen eine bessere Infrastruktur. Der Boom solle nicht mit steigenden Unfallzahlen einhergehen – denn dann könne er auch schnell wieder vorbei sein. Deshalb sei es wichtig, dass die Politik auf allen Ebenen mehr in den Radverkehr investiert.
Bereits 2019 war für die Fahrradwirtschaft laut ZIV ein starkes Jahr. Erstmals sei die 1-Millionen-Marke bei E-Bikes erreicht worden. Mit ihnen wurde ein Umsatz von 4,2 Milliarden Euro erzielt, 34 Prozent mehr als im Vorjahr. In der Goldstadt liegen topographisch bedingt Mountainbikes im Trend – auch sogenannte Gravel Bikes. Diese sportlichen Räder haben breitere Reifen, um auf Abwegen fahren zu können und Ösen, damit man auch Gepäck befestigen kann – „ein echtes Abenteuer-Fahrrad eben“, so Altmann.
