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Kriminalität -  31.03.2026
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Psychischer Ausnahmezustand: Frau greift Zugbegleiterin in Vaihingen an

Vaihingen/Enz. Eine 37-Jährige soll eine Zugbegleiterin im Zug zwischen Karlsruhe und Stuttgart attackiert haben. Der Vorfall bei Vaihingen steht für eine Entwicklung: Gewalt gegen Kontrolleure nimmt auch in der Region zu.

Nahverkehr soll pünktlicher werden
Eine Frau will in einem Regionalexpress ihr Geschäft verrichten - und wird aggressiv. (Symbolbild) Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Vaihingen/Enz. Was als Routine beginnt, endet in Gewalt: Im Regionalexpress zwischen Karlsruhe und Stuttgart wird eine Zugbegleiterin am Montag attackiert, als sie eine Frau daran hindern will, im Abteil ihre Notdurft zu verrichten. Die Situation eskaliert binnen Sekunden. Die 37-Jährige soll die 53 Jahre alte Bahnmitarbeiterin an den Haaren gezogen und versucht haben, sie zu beißen. Reisende gingen dazwischen. Am Bahnhof Vaihingen/Enz wurde die Verdächtige von der Polizei kontrolliert und in eine Klinik gebracht. Nach Angaben der Beamten befand sie sich in einem psychischen Ausnahmezustand. Die Zugbegleiterin klagte über Kopfschmerzen und konnte ihren Dienst nicht fortsetzen. Die Bundespolizei ermittelt wegen Körperverletzung.

Der Vorfall reiht sich ein in eine Serie von Übergriffen im öffentlichen Verkehr – auch in der Region. Erst kürzlich sorgte ein Fall in Pforzheim bundesweit für Aufsehen: Bei einer Fahrkartenkontrolle am Waisenhausplatz wurden zwei Kontrolleure angegriffen, unter anderem mit Pfefferspray. Ein Video der Tat verbreitete sich im Internet. Inzwischen wurde einer der Tatverdächtigen festgenommen, nach dem zweiten wird weiterhin gesucht.

Auch in Stuttgart kam es zuletzt an einem einzigen Tag zu gleich zwei körperlichen Auseinandersetzungen. An der Stadtbahnhaltestelle Schlossplatz stieß ein 30-Jähriger einen Kontrolleur weg und schlug einen weiteren Mitarbeiter, der eingriff. Am selben Tag geriet ein 23-Jähriger in der S4 mit Kontrolleuren aneinander – auch hier kam es zu einem Gerangel, bei dem ein Mitarbeiter leicht verletzt wurde. Beide Tatverdächtigen wurden vorläufig festgenommen und später wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die Entwicklung spiegelt sich auch in Zahlen wider. Wie eine Anfrage bei der Bundespolizeidirektion Stuttgart zeigt, haben sich die registrierten Gewaltdelikte an den Bahnhöfen Pforzheim und Mühlacker zwischen 2021 und 2025 verdoppelt – von fünf auf zehn Fälle. Nach einem Rückgang im Jahr 2022 stiegen die Zahlen zuletzt wieder deutlich an.

Bundesweit sorgte insbesondere ein tödlicher Angriff Anfang Februar für Entsetzen: In einem Regionalexpress zwischen Landstuhl und Homburg wurde ein 36-jähriger Zugbegleiter von einem Schwarzfahrer so schwer am Kopf verletzt, dass er zwei Tage später starb. Auch weitere aktuelle Fälle zeigen ein ähnliches Muster: In Plochingen wurde ein Zugbegleiter beleidigt, bedroht und geschlagen, nachdem er einen Fahrgast auf die Maulkorbpflicht für dessen Hund hingewiesen hatte. Häufig eskalieren Situationen bei Kontrollen oder Regelverstößen.

Die Branche schlägt deshalb seit Längerem Alarm. Nach dem tödlichen Angriff im Februar kündigte die Deutsche Bahn zusätzliche Schutzmaßnahmen an. Noch in diesem Jahr sollen Beschäftigte mit Kundenkontakt freiwillig mit sogenannten Bodycams ausgestattet werden. Zudem sollen 200 zusätzliche Sicherheitskräfte eingestellt werden.

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hält die bisherigen Maßnahmen jedoch für nicht ausreichend. Viele Beschäftigte fühlten sich weiterhin unsicher, viele gingen mit Angst zur Arbeit. Die Gewerkschaft fordert unter anderem eine stärkere Personalpräsenz in den Zügen, etwa durch Doppelbesetzungen bei Kontrollen.

Doch genau daran gibt es politischen Widerstand. Die Verkehrsminister der Länder lehnen eine verpflichtende Doppelbesetzung ab und setzen stattdessen auf flexible, regionale Lösungen. Gleichzeitig sprechen sie sich für einheitliche Waffen- und Messerverbote im öffentlichen Personenverkehr aus.

Ob Bodycams und mehr Sicherheitspersonal ausreichen, bleibt offen. Klar ist jedoch: Der Vorfall bei Vaihingen ist kein Ausrutscher – sondern Teil einer Entwicklung, die Beschäftigte im öffentlichen Verkehr zunehmend zur Zielscheibe macht.