Rarität für die Seltenen Erden: Erste Recycling-Anlage für kritische Rohstoffe in Pforzheim eröffnet
Pforzheim. Wenn zum offiziellem Startschuss eines Unternehmens neben dem hiesigen Oberbürgermeister Peter Boch auch Ministerialdirektoren der baden-württembergischen Landesregierung und ein Parlamentarischer Staatssekretär der Bundesregierung kommen, dann muss es schon etwas besonders sein, das da ansteht.
Und das ist es auch, denn am Dienstag wurde im Pforzheimer Norden die erste Recyclinganlage für gesinterte Seltene-Erden-Magnete in der Europäischen Union eingeweiht. Betreiber ist die HyProMag GmbH, Teil der HyProMag-Gruppe, die patentierte Technologien zum Recycling von Seltene-Erden-Magneten in Europa und weltweit vermarktet. Das Technologie-Start-up ging aus Projekten an der Hochschule Pforzheim hervor. Seltene Erden stehen an der Spitze der Liste kritischer Rohstoffe der EU, da sie für die Wirtschaft von zentraler Bedeutung sind, aber einem hohen Versorgungsrisiko unterliegen.
Der Anlage in Pforzheim und ihren damit verbundenen Technologien kommt also eine Schlüsselrolle zu, Europas Abhängigkeit von importierten Seltene-Erden-Metallen – und damit von den dominierenden globalen Lieferketten – zu verringern und gleichzeitig den Übergang zu CO2-armen Technologien durch die von ihr unterstützten Fertigungsbranchen voranzutreiben. „Immerhin reduziert die Magnet-Produktion im Recycling-Verfahren den ökologischen Fußabdruck um rund 90 Prozent gegenüber der Primär-Produktion“, erläutert Carlo Burkhardt, Mitgründer der HyProMag GmbH und Professor für Fertigungstechnik und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Edel- und Technologiemetalle (STI) an der Hochschule Pforzheim. Klar, dass bei so viel Besonderheit die Redner – neben den oben genannten war dies auch Ulrich Jautz, Rektor der Hochschule – genau diese in ihren Grußworten immer wieder aufgriffen.
Pforzheims Oberbürgermeister Peter Boch sprach „von einem besonderen, beinahe sogar historischen Tag“. Sicher ist sich der OB aber in diesem Punkt: „Diese Anlage steht für eine neue Generation von industrieller Wertschöpfung.“
Auffällig war zudem bei allen Rednern die Betonung der Aspekte „Resillienz“ sowie „Unabhängigkeit und Absicherung der Lieferkette“. Punkte, die Carlo Burkhardt in einem Vorab-Presse-Gespräch ausführlich erläuterte.
Die Anlage selbst besteht aus einer Recycling- und Fertigungslinie für Seltene-Erden-Magnete im kommerziellen Maßstab. Sie basiert auf der patentierten „Hydrogen Processing of Magnet Scrap“ (HPMS)-Technologie. Diese wurde an der Universität Birmingham (UK) entwickelt und ermöglicht ein effizientes, umweltschonendes Recycling von NdFeB-Magneten aus Altprodukten. Diese Magnete sind wesentliche Bestandteile in Schlüsselindustrien und Wachstumsbranchen wie der Automobilindustrie, der Luft- und Raumfahrt, den erneuerbaren Energien und der Elektronik.
„Aufgrund dieser breiten Anwendungsbasis glauben wir an den Erfolg unserer Idee“, sagt Burkhardt.
Angesprochen auf den Wettbewerb und die Preise in diesem Segment weiß Burkhardt schon, dass „die Produkte der Konkurrenz, vor allem aus China, günstiger“ zu haben sind. Doch er und seine Mitstreiter – unter anderem auch William Dawes von der HyProMag-Muttergesellschaft Mkango Ressources – setzen auf die oben angesprochene Resilienz der Unternehmen und deren Wissen um die Brüchigkeit in ihren globalen Lieferketten. Aktuelle geopolitische Entwicklungen, wie etwa der Iran-Krieg und die blockierte Straße von Hormus, würden derzeit vielen Unternehmen dafür die Augen öffnen. „Mit unseren Produkten bieten wir letztendlich auch eine Versicherung, die die Wirtschaft in Betracht ziehen kann.“
Am Dienstag freut sich Carlo Burkhardt als Gastgeber der Veranstaltung vor allem, dass es mit der Anlage nun aus der Theorie- in die Praxisphase geht – mit leichter Verzögerung. „Uns fehlen noch einige, wenige Kabel.“ Da sind sie wieder, die geopolitischen Faktoren. „Aber spätesten Ende Mai können wir starten.“
Sind in dieser Phase zunächst etwa zehn Mitarbeiter am Standort, werden es mit der schon bald geplanten nächsten Ausbaustufe 90 Arbeitsplätze sein, welche die HyProMag GmbH anbietet.
„Parallel dazu denken wir über ein Ausbildungskonzept an der Hochschule Pforzheim nach, um Spezialisten für die Zukunft sichern zu können“, blickt Burkhardt weiter voraus. „Dazu sind wir im Gespräch mit dem Land Baden-Württemberg.“
