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Gesundheit -  08.11.2019
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Schwere Geburt: Warum der Kreißsaal in Mühlacker vorerst geschlossen bleibt - und warum es trotzdem neue Hoffnung gibt

Mühlacker. Seit dem 1. Juni ist der Kreißsaal des Krankenhauses in Mühlacker verwaist – und immer noch ist unklar, wann genau die Geburtsstation in der Senderstadt wieder eröffnet wird. Zumindest aber gibt es jetzt „ernsthafte Bestrebungen“, den Kreißsaal wieder mit neuem Leben zu füllen, wie die PZ aus gut informierten Kreisen erfahren hat.

Wer sein Kind zur Welt bringen möchte, hat derzeit keine Gelegenheit dazu in den Enzkreiskliniken in Mühlacker. Dies soll sich aber voraussichtlich im kommenden Jahr wieder ändern. Foto: DPA-Archiv
Wer sein Kind zur Welt bringen möchte, hat derzeit keine Gelegenheit dazu in den Enzkreiskliniken in Mühlacker. Dies soll sich aber voraussichtlich im kommenden Jahr wieder ändern. Foto: DPA-Archiv

Angedacht ist ein Kooperationsmodell zwischen den drei Krankenhäusern Mühlacker, Ludwigsburg und Bietigheim, die alle unter dem Dach der Regionale Kliniken Holding (RKH) firmieren. Demnach soll es eine Geburtsstation mit drei Ablegern, also jeweils eine in jeder der drei Kliniken geben. Für den Kreißsaal in Mühlacker bedeutet das, dass eventuell ab 2020 wieder Hebammen in der Senderstadt tätig sind. Sicher ist das aber noch lange nicht. Glaubt man den Plänen, könnten acht Hebammen in Mühlacker eingesetzt werden, die größeren Kliniken in Bietigheim und Ludwigsburg erhalten 15,5 beziehungsweiße 21 Stellen für die Geburtshelferinnen. Zudem ist eine Personalreserve von vier Hebammen angedacht.

Auf diese Mitarbeiterinnen könnten dann alle drei Kliniken zugreifen. Bei den Neueinstellungen soll es sich vermehrt um Frauen aus dem europäischen Ausland handeln, die bereits ausgebildet sind, ihre Qualifikation jedoch noch bei einer Anerkennung im Klinikum Bietigheim oder Ludwigsburg unter Beweis stellen und eine Prüfung ablegen müssen. Diese praktischen Erfahrungen sollen zwischen neun Monaten und knapp über einem Jahr dauern, wie Dominik Nusser, Regionaldirektor der Enzkreis-Kliniken, auf PZ-Anfrage mitteilt. Die erste Anerkennungshebamme ist im Oktober nach Deutschland gekommen und hat ihre hiesige Weiterbildung begonnen.

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Der Kreißsaal im Krankenhaus Mühlacker musste aufgrund von Hebammenmangel erst teilweise, vor rund fünf Monaten aufgrund von Krankheiten und Kündigungen dann aber doch komplett geschlossen werden.

„Aktuell kann das Krankenhaus Mühlacker keine Spontangeburten betreuen, daher müssen werdende Mütter bei einsetzenden Wehen umliegende Krankenhäuser mit Kreißsälen aufsuchen. Für Notfälle bleiben wir jedoch gerüstet. Sprich: Falls doch eine Frau mit bereits beginnender Geburtsphase bei uns eintreffen sollte und keine Zeit mehr für eine Verlegung bleibt“, so Nusser. Ein Problem, das sich immer wieder auch an anderen Standorten zeigt.

Derweil wird die Akademisierung und damit auch eine Reform der Hebammenausbildung weiter vorangetrieben. Heute trifft der Bundesrat in dieser Angelegenheit eine Entscheidung. Damit ist Deutschland der letzte Mitgliedsstaat, der die EU-Richtlinie umsetzt – in allen anderen Ländern der Europäischen Union werden Hebammen bereits an Hochschulen ausgebildet. „Für die junge Hebammengeneration werden somit auch die längst überfälligen Karrierewege eröffnet“, sagt Jutta Eichenauer, Erste Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. Über die Frage, ob die Akademisierung gegen den Mangel an geeignetem Personal wirklich hilft, ist ein Streit zwischen Gynäkologen und den Geburtshelferinnen entbrannt. Während der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Frank Louwen, bei einer Akademisierung von einer Verschärfung des Engpasses in den Kreißsälen ausgeht, sieht die Vizepräsidentin der Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi), Dorothea Tegethoff, die Rahmenbedingungen in den Geburtsstationen als großes Problem an. Ein hohes Arbeitsaufkommen, starke Hierarchien und Aufgaben, die eigentlich gar nicht in den Arbeitsbereich der Hebammen fielen, nannte Tegethoff dem Deutschen Ärzteblatt als ernstzunehmende Probleme.

Ob und wie sich die Situation in Mühlacker mit einer Akademisierung des Berufes ändert, bleibt abzuwarten. Vorerst bleibt der Kreißsaal aber ohnehin noch geschlossen. Nicht nur an der Geburtsfront tut sich momentan hinter den Kulissen einiges – auch die Planungen für den „Gesundheitscampus“ am Krankenhaus Mühlacker (PZ berichtete) schreiten weiter voran. Erste Baumaßnahmen könnten schon im kommenden Jahr beginnen, ist Regionaldirektor Nusser optimistisch.