So kommen die Flügel zum Windrad: PZ begleitet ersten Rotorblatt-Transport auf den Kälbling
Bad Wildbad/Höfen/Neuenbürg. Es ist 8.15 Uhr an diesem frostigen Dienstagmorgen. Die Sonne kämpft sich nur langsam ins schattige Obere Enztal. Auf dem ehemaligen Fußballplatz beim Neuenbürger Freibad steht Manuel Deistler dick eingepackt vor einem mächtigen, 82 Meter langen Rotorblatt für den neuen Windpark Kälbling im Bad Wildbader Stadtteil Calmbach. Gleich wird der Maschinenführer den 21 Tonnen schweren Windradflügel auf die zwölf Kilometer lange Strecke von Neuenbürg zum Calmbacher Höhenzug Kälbling schicken – auf einer selbstfahrenden zwölfachsigen Maschine, die er vom Boden aus bedient. Das Rotorblatt ist sozusagen ferngesteuert unterwegs. Deistler und ein Kollege gehen nebenher. Es ist ein Knochenjob, der allerhöchste Konzentration erfordert, wie sich später in den engen Ortsdurchfahrten herausstellen wird.
Im Schritttempo unterwegs
Zunächst geht es jedoch auf die Bundesstraße 294. Begleitfahrzeuge haben den fließenden Verkehr ausgebremst. Die Transportmaschine kann problemlos einbiegen. Nur im Schritttempo geht es vorwärts. Meter für Meter, bei immer noch eisigen Temperaturen. Doch Deistler tropfen vor Anstrengung die Schweißperlen von der Stirn. Er ist ein Routinier. Einer, der schon 700 Transporte dieser Art in ganz Europa gemacht hat. Sein sonniges Gemüt, seine Ruhe und Gelassenheit färben auf das ganze Team ab.
Vor und hinter dem Gefährt bilden sich lange Auto- und Lkw-Schlangen.
„Wir hätten nicht mit so viel Verkehr gerechnet“,
sagt der stellvertretende Projektleiter des Windpark-Betreibers EnBW, Alexander Vogel.
Immerhin 12 000 Fahrzeuge sind an einem normalen Wochentag auf der B294 unterwegs. Wo immer es geht, lässt Deistler Autos und Lkw an dem langen Rotorblatt vorbeiziehen und gibt per Funk den Fahrern der Begleitautos die Anweisung, die Strecke freizumachen.
Wer am Ortseingang von Höfen steht, kann den rot-weißen Flügel an der einige Kilometer entfernten Eyachbrücke erkennen. Es ist ein faszinierendes Schauspiel, das sich auch die Höfener nicht entgehen lassen wollen. Überall an der Strecke stehen Schaulustige.
„So etwas sieht man nicht alle Tage. Das ist wirklich spannend“,
sagt Ulrich Metzler, der wie viele andere mit gezückter Handykamera am Kreisverkehr vor dem Rathaus steht.
Dort hat sich auch Bürgermeister Heiko Stieringer positioniert, um die erste schwierige Passage über den zur Hälfte abgeräumten Kreisverkehr zu verfolgen. Ohne Probleme passiert der Flügel die Stelle und weiter geht es nach Calmbach.
Inzwischen hat der Verkehr deutlich zugenommen. An allen Zu- und Abfahrten in Calmbach lange Autoschlangen. Es wird gehupt, auch geflucht. Der Begleittross hatte alle Hände voll zu tun, aufgebrachte Fahrer zu beschwichtigen. Vor allem Lkw-Fahrer zeigen teilweise kein Verständnis. Ein Krankenwagen kommt mit Martinshorn angerast. Ihm wird sofort freie Fahrt ermöglicht. „Der Bus- und Rettungsverkehr hat Vorrang“, sagt Deistler.
Dann wird es haarig: In Millimeterarbeit steuert der Experte den Flügel unter Hochspannungsleitungen hindurch, an Straßenlaternen und Schildern vorbei. Die Gebäude in der Höfener Straße wirken wie Spielzeughäuser, als der Flügel vorbeischwebt. Auch die vielen Jugendlichen auf dem Pausenhof der Fünf-Täler-Schule staunen über die Dimensionen. Konrektorin Tanja Insinna hat extra die Pause verlängert.
Die schwierigste Wegstrecke ist geschafft. Beim Abbiegen von der B294 auf die B296, Richtung Oberreichenbach muss Deistler den Flügel über Häuser heben. Dann geht es kilometerweit den Berg hinauf, bis zur provisorischen Baustellenstraße zum Windpark-Standort, tief im Wald. Über staubige Schotter- und Waldwege erreicht der erste Flügel schließlich nach fünfeinhalb Stunden Fahrt sein Ziel, empfangen von Wanderern und Radfahrern.
Weitere Transporte
Aufatmen beim gesamten Tross und Zeit für eine erste Manöverkritik. Was muss besser werden beim nächsten Mal? Wo müssen noch Bäume gefällt oder Warnbaken aufgestellt werden? Denn nach dem Flügel ist vor dem Flügel: Die ganze restliche Woche über und vermutlich auch diesen Samstag sowie kommenden Montag und Dienstag werden weitere Rotorblätter vom Neuenbürger Sportplatz zum Kälbling transportiert. Insgesamt sind es sechs Stück für die beiden Anlagen. Wer an diesen Tagen also zwischen 8 und 14 Uhr auf der Strecke unterwegs ist, muss viel Geduld mitbringen – und viel Verständnis für die Knochenarbeit von Manuel Deistler und seinen Kollegen.
