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Bad Wildbad -  20.04.2026
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So lebt ein einst stolzer Wildbader Chor in der "Alten Linde" weiter

Bad Wildbad. Bad Wildbad. Fotos vom Liederkranz Wildbad und anderes Material – von Rolf Bott jüngst aus seinem Besitz bereitgestellt – sind von der das Stadtarchiv im Rathaus betreuenden Marina Lahmann einsortiert. Darunter sind Bilder, die zum 100-jährigen Jubiläum 1956 in der Neuen Trinkhalle über 80 Sänger des stattlichen Chors und auf einer anderen Aufnahme den 19-köpfigen Vereinsvorstand zeigen. Leider entging der traditionsreiche Gesangverein bekanntlich dem Schicksal vieler derartiger Chorgemeinschaften nicht: 2019 löste er sich auf und beendete in der evangelischen Stadtkirche sein Wirken mit einem denkwürdigen letzten Adventskonzert unter der Leitung seines langjährigen Dirigenten Johannes Spyrka.

So präsentiert sich die Liederkranz-Vereinsstandarte von Karl Spingler aus dem Jahr 1926 noch heute als Wandschmuck beim Eingang zum Nebenraum der Gaststätte „Alte Linde“. Der Künstler hat sich mit seinem Werk ablichten lassen.
So präsentiert sich die Liederkranz-Vereinsstandarte von Karl Spingler aus dem Jahr 1926 noch heute als Wandschmuck beim Eingang zum Nebenraum der Gaststätte „Alte Linde“. Der Künstler hat sich mit seinem Werk ablichten lassen. Foto: Rolf Bott (Archivfoto)

„Es verschlägt mir die Stimme“, erklärte damals bewegt der 75-jährige letzte Vereinschef Eberhard Nerz, „nach 163 Jahren sang heute unser Chor zum letzten Mal. Es ist zu Ende!“ Die noch verbliebenen Aktiven hatten ein Durchschnittsalter von 78 Jahren erreicht. Die Auflösung war zuvor im November angesichts von Nachwuchsmangel und fehlenden Ehrenamtlichen für die Vereinsführung beschlossen worden. Rolf Bott, der auf dem Chorfoto mit zwei Brüdern dabei ist, erinnert sich, dass in den Glanzzeiten des Liederkranzes der Männerchor bis zu 100, die Frauen bis zu 80 und der Kinderchor bis zu 60 Mitglieder hatten. Neben dem Zugang vom Gastraum ins Nebenzimmer der „Alten Linde“ ziert die kunstvolle Standarte des Chores die Wand, zu der Hausherr Schraft sagt: „Die hat schon mein Vorgänger angebracht.“

Gefertigt hat das hölzerne Kunstwerk 1926 Karl Spingler. Der Holzbildhauer hat nicht nur dieses geschaffen, sondern auch die elf Tafeln im Ratssaal mit dem Werk nach dem Uhland-Gedicht „Der Überfall im Wildbad“. Mit der von ihm für den Liederkranz hergestellten Standarte zeigt ein Foto den in der Bäderstadt fast vergessenen Künstler. Durch dessen in Bad Neustadt lebenden Neffen Horst Spingler hat die Aufnahme 2010 den Weg zu Rolf Bott gefunden.

Die Standarte ist ein Jahr älter, als die mit den Versen versehene bunte Bildergeschichte im Rathaus über den Überfall von 1367 auf Graf Eberhard den Greiner. Die elf bemalten erhabenen Tafeln dort im Sitzungssaal hat Karl Spingler 1927 der Stadt für 2500 Mark angeboten. Für die Anbringung an der Südwand in eichener Holzvertäfelung und neun geschnitzte Wappen wollte er fix und fertig 950 Mark haben. Die Entscheidung fiel zwar nicht einstimmig, aber der Gemeinderat nahm das Angebot mehrheitlich an, das heute ein einmaliges Denkmal fürs Geschehen und Uhlands Ballade darstellt. Es hat den ehemaligen Gastraum des Hotels „Goldener Löwe“, das die Stadt 1923 kaufte und zum Rathaus machte, mächtig aufgewertet.