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Pforzheim -  25.04.2026
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Stadt Pforzheim will mehr tote Rehe – aber ausgerechnet die Jäger wehren sich

Pforzheim. Die Stadt will mehr Rehe schießen, weil diese zu viele junge Bäume abfressen. Dafür soll sich das Jagdrecht ändern. Jäger aus der Region laufen Sturm.

Schatzmeister Stefan Kretz und Kreisjägermeister Dieter Krail (rechts) wollen gegen die Forstverwaltung vorgehen und fürchten um die regionale Jagdtradition.
Schatzmeister Stefan Kretz und Kreisjägermeister Dieter Krail (rechts) wollen gegen die Forstverwaltung vorgehen und fürchten um die regionale Jagdtradition. Foto: Röhr

„Stellen Sie sich vor, Sie öffnen eine Pralinenschachtel. Welche Frage stellen Sie sich zuerst?“ So beschreibt Thorsten Beimgraben die Wurzel eines Streits zwischen Forstverwaltungen und Jägerschaft, der, so der Professor für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der Hochschule Rottenburg, um Wälder in ganz Deutschland geführt wird – und nun auch in Pforzheim. Die Antwort auf die Pralinenschachtel-Frage, so Professor Beimgraben, ist die gleiche, wie sie ein Reh im Wald geben würde: „Was esse ich zuerst?“

Für deutsche Wälder ist das fatal: Rehe sind Feinschmecker – und fressen ausgerechnet jene jungen Eichen zuerst, die als besonders widerstandsfähig gegen Hitze und Trockenheit gelten. Damit gefährden sie genau die natürliche Verjüngung, die der Wald im Klimawandel dringend braucht.

Beschluss im Verborgenen

Ein Konflikt mit landespolitischer Sprengkraft, sagt Beimgraben – und in Pforzheim tritt er nun offen zutage. Die Forstverwaltung setzt auf mehr Abschüsse, weil Jäger ihre Ziele aus Sicht der Stadt bislang nicht erreichen. Im Hintergrund wird deshalb das Jagdsystem umgebaut: Bis zu 20 Prozent des Stadtwaldes sollen künftig in Eigenregie bejagt werden – beschlossen am Mittwoch in einer nichtöffentlichen Jagdgenossenschaftsversammlung. Jäger kritisieren das Verfahren: Das Gremium hätte turnusgemäß früher tagen müssen. Der Erste Bürgermeister Dirk Büscher soll diesen Punkt selbst zu Protokoll gegeben, heißt es. Aus Sicht der Kritiker werfe das rechtliche Fragen zu den Beschlüssen auf.

Professor Beimgraben spricht passend dazu von einem politischen Wespennest, denn der Streit zwischen Forst und Jägern wird auf zwei Ebenen geführt: der sachlichen und der emotionalen.

Dieter Krail ist seit 20 Jahren Kreisjägermeister in Pforzheim. Bis 2018 hat er als Förster gearbeitet. 1971 hat er seinen ersten Rehbock abgeschossen. So etwas vergisst man nie, sagt er. Gemeinsam mit seinem Schatzmeister, dem Anwalt Stefan Kretz, will er nun mobil machen. Gegen die Pläne der Stadt. Und die angeblichen „Rehhasser“ in der Forstverwaltung.

Tradition gegen Umbau

Die beiden tragen Jagdtracht und fallen sich beim PZ-Gespräch immer wieder ins Wort. Das Thema sei sehr kompliziert – in diesem Punkt sind sich alle Parteien einig. Was gerade passiert, sei wichtig und könnte die lokale Jagdkultur verändern. Definitiv zum schlechteren, wie beide meinen.

Krail wirft der städtischen Forstverwaltung „Ideologie“ vor. In neueren Forstausbildungen würde die Problematik der Waldverjüngung allein auf das „Leckermaul“ Reh geschoben. Dabei sei nach der Aufforstung des Sturms Lothar 1999 bewiesen worden, dass Aufforstung auch mit Reh im Wald möglich sei.

Schatzmeister Kretz sagt, als Jäger werde man zerrieben. Zwischen der sogenannten „Bambie-Fraktion“, die ihnen Mordlust vorwerfe, und den Forstverwaltungen, die Wild am liebsten ganz aus den Wäldern vertreiben würden. Um das also umzusetzen, wolle die Stadt den Pforzheimer Jägern nun ihre Reviere wegnehmen und sogenannte Regiejagden betreiben.

Es geht dann um Quoten, Abschussnachweise mittels Foto und Prämien. Die beiden Jäger meinen, dies sei aber nicht umsetzbar. Denn aggressiveres Schießen sei nicht im Einklang mit der Waidmannsehre. „Ich schieße nur, wenn das Reh alle vier Beine auf dem Boden hat“, sagt Kreisjägermeister Krail, der aggressivere Jagdmethoden befürchtet.

Machtfrage Jagd

Während Krail und Kretz vor einem Systemwechsel warnen, zeichnet die Stadt ein anderes Bild – und rechnet vor. Die bisherigen Abschussziele seien in vielen Revieren verfehlt worden, mit Folgen: zu viele Rehe, zu wenig Nachwuchs im Wald. Besonders junge Eichen hätten kaum eine Chance. Um gegenzusteuern, will die Stadt das System neu ordnen. Aus neun Revieren werden künftig zwölf, wie in der Jagdgenossenschaftssitzung beschlossen, zwei davon sollen ab April 2027 in Eigenregie bejagt werden – rund 20 Prozent des Stadtwaldes.

Streit um Abschuss

Die Flächen befinden sich nach PZ-Informationen in Huchenfeld und Brötzingen. Die Entscheidung dafür traf Umweltbürgermeister Tobias Volle. Die Verwaltung beruft sich dabei auf eine vom Gemeinderat beschlossene Zielsetzung aus dem Jahr 2024: Wildbestände so zu regulieren, dass sich der Wald natürlich verjüngen kann und klimastabile Mischwälder entstehen.

Jagd wird Chefsache?

Für die übrigen Flächen plant die Stadt strengere Regeln: Wer mehr schießt, zahlt bis zu 50 Prozent weniger Pacht, wer die Vorgaben verfehlt, mehr. Abschüsse müssen künftig mit Fotos belegt werden. Misstrauen sei das nicht, betont die Stadt, sondern ein „Anreizsystem“. Die Eigenjagd kostet nach Berechnungen der Verwaltung rund 3000 Euro zusätzlich pro Jahr. Dem gegenüber stehen deutlich größere Summen: Schon heute gebe die Stadt jährlich bis zu 70.000 Euro für Wiederaufforstung aus, ein Hektar kann bis zu 35.000 Euro kosten. Im schlimmsten Fall könnten sich die Ausgaben über Jahrzehnte auf bis zu 50 Millionen Euro summieren. Die Rechnung der Stadt ist damit klar: mehr Abschüsse heute, um langfristig Millionen zu sparen.

Kampf ums Revier

Krail und Kretz halten dagegen. Sie bezweifeln nicht nur die Einschätzung zum Wildbestand, sondern auch die politische Grundlage. Die Zielsetzung des Gemeinderats sei zwar beschlossen worden – die konkreten Konsequenzen wie Eingriffe in bestehende Reviere, strengere Vorgaben und mehr staatliche Kontrolle seien vielen Stadträten aber wohl nicht in vollem Umfang klar gewesen.

Jetzt, sagen sie, gehe es in die entscheidende Phase: Gespräche, Stellungnahmen, Druck auf die Kommunalpolitik. Für sie steht dabei auch ein Grundsatz infrage – ihr Selbstverständnis als Jäger. Krail sagt: „Wir sind Jäger, keine Schädlingsbekämpfer.“

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