Statt Gefängnis: So werden suchtkranke Straftäter in der Psychiatrie Calw-Hirsau behandelt
Calw-Hirsau. „Der gehört doch nach Hirsau!“ – wer hier in der Region aufgewachsen ist, kennt den markigen Spruch. Gemeint ist die Psychiatrie, die oben auf dem Berg über dem Calwer Teilort thront, gebaut in den 1970er Jahren mitten hinein in den Nordschwarzwald, möglichst weit weg von jeder Zivilisation. Keine Stadt hat sich damals darum gerissen, psychisch kranke Menschen als Nachbarn zu haben. „Die Gesellschaft wird offener, aber langsam“, sagt der Medizinische Direktor der Forensischen Psychiatrie, Matthias Wagner. In seiner Abteilung, die hier seit 2006 in einem eigenen Gebäudekomplex angegliedert ist, sind 120 suchtkranke Straftäter untergebracht. Brandstifter, Mörder, Geiselnehmer, Drogendealer. Statt im Gefängnis zu sitzen, sollen sie hier ihre Sucht in den Griff bekommen. Manche nutzen die Chance. Andere türmen.
Klack, klack. Matthias Wagner mag dieses Geräusch nicht, das Hochsicherheitstüren im Gefängnis beim Aufschließen machen. Und wer mit verurteilten Straftätern arbeitet, muss viele Türen auf und vor allem zuschließen. Deshalb werden im Gebäude seiner Forensischen Psychiatrie die Türen vom Personal mit einem Elektro-Chip geöffnet. Tür auf, in den Zwischenraum, Tür zu, nächste Tür auf. Das ist dann fast schon alles, was hier in der geschlossenen Abteilung an ein Gefängnis erinnert.
Gerade kommt eine Gruppe Patienten mit einer jungen Ergotherapeutin die Treppe hoch, es wird nett gegrüßt, Small Talk gehalten. Die Patienten tragen Jogginghose, Chefarzt Wagner trägt Kapuzenpullover. Alle Pflegerinnen und Pfleger tragen Alltagskleidung. Nirgends weiße Kittel. Nirgends bewaffnetes Personal.
Auf jeder der fünf Stationen sind 20 Patienten untergebracht. Sie dürfen sich innerhalb der Station frei bewegen, haben einen Außenbereich mit großem Garten und einem noch größeren Zaun. Sie können kochen, ein Tischkicker steht bereit, ein Flachbildschirm hängt an der Wand. „Es ist für 20 Patienten nicht einfach für die Gruppe ein Fernsehprogramm zu finden“, sagt Wagner und lacht.
Die Männer sind hier, weil sie ein Verbrechen begangen haben. Und diese Verbrechen haben sie aufgrund einer Suchterkrankung begangen – so zumindest die Meinung der Richter, die sie hierhergeschickt haben. Laut Statistik kommt ein Drittel von ihnen nicht vom Alkohol los, die restlichen zwei Drittel von illegalen Drogen wie Kokain, Amphetamin oder Marihuana. 95 Prozent der Insassen sind männlich. Über 50 Prozent haben einen Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Vom Akademiker bis zum Analphabeten ist hier alles vertreten. Jeder Zweite bricht die Therapie frühzeitig ab oder die Therapie wird vonseiten der Ärzte abgebrochen – und landet anschließend wieder im Gefängnis. Das deckt sich in etwa mit der Abbruchquote von anderen Drogentherapiekliniken, so Chefarzt Wagner.
Trotzdem ist die Forensische Psychiatrie beliebt bei manchen Straftätern. Vor allem immer mehr vermeintlich drogenabhängige Drogendealer landen hier. Wagner spricht von einem regelrechten „Boom“. „Diese merken, wenn sie vor Gericht sagen, sie sind drogenabhängig, haben sie die Chance, hierherzukommen. Und hier ist es deutlich angenehmer als im Gefängnis“, sagt Wagner. Aber was macht es hier so viel angenehmer? „Schauen Sie sich um“, sagt Wagner. „Die Patienten dürfen sich früh im Verlauf der Therapie frei auf dem Gelände bewegen. Wir sind keine Gefängniswärter, wir sind hier, um die Menschen zu therapieren.“
Bis Oktober galt zudem ein Gesetz, das den Aufenthalt in der Psychiatrie für Straftäter noch ansprechender machte: Wer einen Teil seiner Zeit hier absitzt, der hat die Chance, nach der Hälfte seiner verhängten Haftzeit entlassen zu werden. Im regulären Vollzug im Gefängnis ist das erst nach zwei Dritteln der Haftzeit möglich. Das Gesetz wurde mittlerweile angeglichen. Denn: „Wir versuchen, den Menschen zu helfen. Aber wenn wir als Institution missbraucht werden, dann haben wir ein Problem damit“, sagt Wagner über die Flut an seiner Meinung nach nicht drogenabhängigen Menschen, die von den Gerichten hierhergeschickt werden. Wer am Wochenende eine Nase Kokain ziehe und im Freundeskreis eine Flasche Whisky trinke, sei nicht automatisch suchtkrank, so Wagner. Manchmal sei das einfach ein Lebensstil.
Wer seine Chance in Hirsau vertut, weil er sich nicht therapieren lassen will (oder weil er es nicht schafft), der muss zurück in die Justizvollzugsanstalt. Das entscheidet ein Richter. Die Ärzte geben zuvor ein Gutachten mit ihrer Meinung ab. Dagegen kann der Patient Rechtsmittel einlegen – manchmal zieht sich dieser Prozess über mehrere Monate. In dieser Zeit ist die Möglichkeit besonders hoch, dass Patienten während eines Ausgangs einfach verschwinden, weiß Wagner. „Es gibt vereinzelt Patienten, die keine Perspektive sehen, rückfällig werden, aus dem Ausgang nicht zurückkehren und sich dann festnehmen lassen“, sagt er. Die Sicherheitsvorkehrungen für diese Gruppe sind in dieser Zeit deshalb verschärft.
Richtige Ausbrüche aus der Klinik sind dagegen selten. Die Fälle seit der Errichtung der Forensischen Psychiatrie vor knapp 20 Jahren kann Wagner an einer Hand abzählen. Und immer werden die Ausbrecher geschnappt, sagt er. Ein spektakulärer Ausbruch, der in Erinnerung bleibt: 2019 flohen vier Strafgefangene, die zuvor zwei Pfleger gewaltsam überwältigt und eingesperrt hatten. Hat man bei so einem Job keine Angst? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die eine der Stationen überwachen, schütteln den Kopf. Seit elf Jahren, die sie hier sei, sei es zu keiner einzigen brenzligen Situation gekommen, sagt eine. Deeskalation laute das Stichwort, wenn zwei Hitzköpfe aneinandergeraten. „Man braucht für den Job viel Menschenkenntnis“, sagt Krankenpflegerin Ina-Maria Philips. „Man muss vorurteilsfrei und auf Augenhöhe auf die Menschen zugehen.“ Und Wagner selbst? „Wenn ich Angst hätte, hier morgens herzukommen, würde ich mir eine andere Arbeit suchen.“ Respekt ja, denn es handele sich um Menschen, die schwerste Straftaten begangen hätten, aber Angst dürfe man keine haben, sonst könne man keine gute Arbeit machen.
