Gemeinden der Region
Pforzheim -  01.11.2020
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Stille Nacht, einsame Nacht? So kreativ sind Pforzheim und die Region, um Weihnachten zu retten

Eine Absage jagt die nächste – Corona zwingt gerade so gut wie alle Veranstaltungen in die Knie. Die Hoffnung auf Weihnachten im Kreis der Liebsten schwindet. Ganz auf Besinnlichkeit verzichten möchte aber niemand. Vier Geschichten, die zeigen, wie kreativ die Menschen in unserer Region werden, um Weihnachten zu retten.

Alleine unter dem Baum möchte an den Feiertagen niemand sitzen.
Alleine unter dem Baum möchte an den Feiertagen niemand sitzen. Foto: epixproductions - stock-adobe.com (Symbolfoto)

Ein Fest der Begegnungen auf Abstand

Mit Sorge blickt Tom Handtmann auf die bevorstehende Weihnachtszeit. „Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Begegnungen, der Nähe und Verbundenheit“, sagt der Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und deren Familien. Doch all diese Aspekte seien in diesem Jahr eingeschränkt: „Wo es zu Begegnungen kommt, ist dies nur mit Abstand und in begrenzter Personenzahl möglich.“ Für viele bedeute es einen großen Verlust, sich nicht wie gewohnt mit Familie und Freunden treffen zu können. Besonders nahe geht dem Psychologen, dass Enkel für ihre Großeltern zur potenziellen Gefahr werden, sie ihnen nicht oder nur mit Maske begegnen können.

Handtmann ist dennoch optimistisch, dass Weihnachtsstimmung aufkommen kann – wenn auch sicherlich „erheblich erschwert“. Denn schon die Adventszeit sei ohne Weihnachtsmärkte und Betriebsfeiern deutlich eingetrübt. Dabei treiben die Ratsuchenden in der Beratungsstelle ohnehin schon viele Sorgen um: Viele haben Existenzängste, mancher seinen Job verloren: „Das schafft natürlich ein anderes Familienklima und mehr häusliche Konflikte.“ Auch die Kinder litten nach dem ersten Lockdown im Frühjahr besonders unter Lernschwierigkeiten und Schlafstörungen.

Dass die depressiven Episoden bei Betroffenen zunehmen, davon geht Handtmann aus. Diese stiegen in den dunklen Monaten ohnehin an. Doch während das Wetter im Frühjahr manches erträglicher gemacht habe, vereinsamten die Menschen nun mehr. „Es ist daher wichtig, sich im privaten Umfeld umzuschauen, wem man etwas Gutes tun kann“, so der Experte. Zugleich haben ihm nach dem Lockdown im Frühjahr viele berichtet, sie seien zur Ruhe gekommen. So könne sich dies nun auch an Weihnachten verhalten: „Für viele bedeuten die Feiertage Stress. Durch die Einschränkungen sind die Vorbereitungen vielleicht nicht mehr ganz so aufwendig.“ Stattdessen bleibe mehr Zeit füreinander: „Und Begegnungen im kleinen Kreis sind oftmals intensiver“, macht er Mut. 

Gottesdienste unter freiem Himmel

Gebete im Stadion? Segen unter freiem Himmel? Corona regt die Kreativität an. Während der Weihnachtsfeiertage herrscht traditionell Hochbetrieb in den Kirchen. Das wissen auch die Verantwortlichen in den Dekanaten, weswegen bereits seit Juli Überlegungen angestellt werden, wie Gottesdienste stattfinden können.

„Wir hatten einige Orte im Blick“, berichtet Claudia Becker, Pressesprecherin der evangelischen Kirche in Pforzheim. Gesucht wurden Standorte, an denen viele Menschen unter Corona-Bedingungen Platz haben – so sei man auch auf das Stadion gekommen. Doch die Landesverordnung lässt auch Open-Air-Großveranstaltungen nicht zu, „was bei den aktuellen Zahlen auf jeden Fall sinnvoll ist, das bedeutet aber auch, dass wir daraufhin die Stadion-Planungen wieder gestrichen haben“, sagt Becker. Alternativstandorte seien aber in der Prüfung, aktuell sei man mit dem Ordnungsamt im Gespräch und wolle die Öffentlichkeit informieren, sobald dazu verlässliche Aussagen gemacht werden können.

Auch wenn man zu den Orten, an denen Gottesdienste gefeiert werden könnten, noch nicht viel sagen könne: So gut wie sicher sei, dass viel draußen stattfinden soll. Und zwar ökumenisch. Die evangelische und katholische Kirche planten die Weihnachtsfeierlichkeiten gemeinsam, wie Becker bestätigt. Bereits ans Dekanat herangetreten sind auch die evangelischen Posaunenchöre, die jeden Heiligabend ihre Bläserandacht auf dem Hauptfriedhof feiern. „Wir wollen es gerne machen. Ob es klappt, können wir noch nicht sagen“, sagt Bezirkschorleiter Axel Pfrommer. 

Alternativen zu Adventscafés für Senioren und Bedürftige sind kreativ

Ob der Punsch beim Seniorencafé oder das Adventssingen vor den Rathäusern, kaum ein Format hält den Corona-Bestimmungen stand. Daher müssen viele Traditionsveranstaltungen abgesagt werden – nicht für alle gibt es einen Ersatz.

Gerade Menschen, die keine Angehörigen haben, träfe die Absage öffentlicher Feierlichkeiten hart. Auch der Diakonie, die jedes Jahr an Heiligabend Alleinstehende oder Bedürftige zum offenen Abend im Hermann-Maas-Haus einlädt, ist dies bewusst. Bis zu 150 Gäste kommen jährlich. Eine Zahl, die mit Corona nicht vereinbar ist. Aufgeben wolle man das Format aber nicht, sagt Diakonie-Geschäftsführerin Sabine Jost, die zwecks Alternativen im Gespräch mit dem Ordnungsamt ist. „Angedacht ist eine ,Weihnachtsstraße‘ in der Tiefgarage im Herrmann-Maas-Haus, in der sich die Besucher zumindest eine warme Mahlzeit und ein Geschenk abholen können“, berichtet sie.

Zu früh ist es für Caritaschef Frank-Johannes Lemke für die Entscheidung, ob das Weihnachtscafé im Bernhardushaus stattfinden kann. Nach bisherigem Stand müsse die Veranstaltung, bei der viele Familien mit ihren Kindern zusammenkommen, aber wohl eher ausfallen.

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Auch in den Ortsteilen wird aktuell gegrübelt, wie Weihnachten noch zu retten ist. Eutingen, Büchenbronn und Huchenfeld haben ihre Seniorenfeiern bereits abgesagt. „Wir fahren zwar auf Sicht, aber es ist einfach unrealistisch, dass das stattfinden kann, wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Senioren“, sagt der Eutinger Ortsvorsteher Andreas Renner. Ähnlich argumentiert sein Büchenbronner Kollege Bernhard Schuler. Doch beide wollen nicht gänzlich auf Weihnachtsstimmung verzichten. Sowohl in Eutingen als auch in Büchenbronn seien verschiedene Gruppen dabei, zumindest kleine Freuden zu ermöglichen. „Die Kreativgruppe hat die Idee eines Krippenwegs, den ich gerne umgesetzt sehen würde“, verrät Schuler. Die Büchenbronner seien dazu aufgerufen, ihre Gärten und Fenster weihnachtlich zu schmücken.

Bereits vor zwei Monaten abgesagt wurde die Seniorenweihnacht in Huchenfeld. Stattdessen soll im Rahmen des „Huchenfelder Weihnachtszaubers“ für die betagten Bewohner gebastelt werden. Wie berichtet ist zudem ein lebendiger Adventskalender geplant. Klar ist in Würm indes, dass die Premiere des ersten Adventsmarkts Corona zum Opfer fällt, ebenso wie der Christbaumverkauf des Fördervereins der Würmer Grundschule. „Corona zwingt uns, auf das gesellige Zusammentreffen zu verzichten“, bedauert Ortsvorsteherin Katja Theurer. Doch auch in ihrem Ortsteil seien kreative Köpfe dran, zumindest den Kindern eine kleine Freude zu bereiten.

Auch die Chancen für das Weihnachtskonzert des Musikvereins Hohenwart an Heiligabend – wenn überhaupt, dann nicht an der alten Kirche, sondern bei der Dreschhalle – stehen nicht gut. „Eine realistische Aussage treffen können wir wohl erst zwei Wochen vorher“, so der Vereinsvorsitzende Tobias Gindele. 

Deutlich mehr Besucher erwartet

Ob und wenn ja, in welcher Form Besuche im Krankenhaus an den Weihnachtsfeiertagen möglich sein werden, steht und fällt mit dem Infektionsgeschehen. Entsprechend zurückhaltend äußern sich die Pforzheimer Einrichtungen. „Zum jetzigen Zeitpunkt können wir dazu keine verlässlichen Aussagen machen“, sagt Silke Bentner, Sprecherin des Helios-Klinikums. Auch im Siloah St. Trudpert weiß man noch nicht, was an den Weihnachtsfeiertagen möglich sein wird – hat sich aber bereits Gedanken gemacht. Wie auch im Helios versuche man Patienten, bei denen es der Gesundheitszustand zulasse, über Weihnachten zu entlassen. Bei denjenigen, wo dies nicht möglich sei, „werden wir abhängig von der Pandemie-Lage und den zu diesem Zeitpunkt gültigen Verordnungen entscheiden, ob Besuche möglich sein werden“, erklärt Krankenhausdirektor Ulrich Schulze. Bleibe das Besuchsverbot bestehen, müsse man sich daran halten. Ganz auf festliche Stimmung will man so oder so nicht verzichten. „An allen Adventswochenenden, an Weihnachten und Silvester werden in der Klinikkapelle Gottesdienste stattfinden, die über den hauseigenen Sender auf den Bildschirmen in den Patientenzimmern zu sehen sein werden“, sagt  Seelsorgerin Ira Weinmann. Die Kapelle werde mit einem begehbaren Bodenlabyrinth, Musik und Texten zu einem „adventlichen Ort der Stille umgestaltet“. Auch wenn die Bewältigung des Alltags im Vordergrund steht, stellt man sich in den Seniorenheimen der Caritas bereits auf die Feiertage ein: „Sofern keine Zugangsbeschränkungen verfügt werden, dürften in diesem Jahr die Besucherströme dichter als in den Vorjahren sein“, sagt Direktor Frank-Johannes Lemke. Dabei setze die Caritas auf einen Mix an Kommunikationsmöglichkeiten: „Einzelne Bewohner haben längst Spaß an virtuellen Besuchen und Kommunikationsformen gefunden.“ Gebe es keine Besuchseinschränkungen, verbrächten die Besucher mit ihren Angehörigen in deren Wohnraum ein wenig Zeit. Sonst würden besondere Besucherzimmer eingerichtet. Sollten Beschränkungen verfügt werden, komme der Atmosphäre in den Wohnbereich eine besondere Bedeutung zu. Zudem sei man mit den Geistlichen im Gespräch, wie den Bewohnern durch die Botschaft Jesu Zuversicht vermittelt werden könne. Sofern das möglich sei, werde man Ehrenamtliche unterstützend einsetzen. Im Heim am Hachel soll ebenfalls Weihnachten gefeiert werden – wenn auch im kleinen Kreis. „In unseren Pflegeheimen wird es keine Feier mit den Angehörigen geben, sondern die einzelnen Wohnbereiche werden unter sich feiern“, sagt Heimleiter Stefan Hofsäß. 

Autor: Jeanne Lutz und Anke Baumgärtel