Gemeinden der Region
Enzkreis -  08.05.2021
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

Trotz diskutierter Öffnungsschritte: Die Hoffnung ist bei vielen Gastronomen in der Region verflogen

Pforzheim. Die Sonne strahlt. Der auffrischende Wind lässt die Absperrbänder tanzen wie die grünen Blätter an den Bäumen. An einem großen Mast ist die Aufschrift "Biergarten" unübersehbar. Dennoch wirkt der Platz wie ein verlassener Ort, nichts lässt erahnen, dass hier im Enzauenpark bei gutem Wetter stets Hunderte Menschen saßen

Verlassen steht Wirtesprecher Frank Daudert im Biergarten des Enzauenparks.
Verlassen steht Wirtesprecher Frank Daudert im Biergarten des Enzauenparks.

Die Corona-Pandemie hat vieles verändert und insbesondere das Gastgewerbe in eine prekäre Situation gebracht, weshalb viele Leute in Kurzarbeit geschickt wurden oder ihre Arbeit verloren haben. Zwar werden derzeit Öffnungsschritte diskutiert, aber einige Wirte bremsen die Hoffnungen und haben die Befürchtung, dass es lange dauern wird, bis sich die Gastronomiekultur wieder normalisieren wird. Zudem bleibt im Hinterkopf, dass die Öffnung nur von kurzer Dauer sein könnte.

Vor allem Mitarbeiter trifft es

"Die meisten halten sich mit dem Außer-Haus-Angebot über Wasser", fasst Wirtesprecher Frank Daudert die Lage seiner Kollegen zusammen. Kürzlich habe er mit einer Person aus der Gastronomie gesprochen, die sich erstmals nach 30 Jahren arbeitslos melden musste und deshalb in Tränen ausgebrochen sei. Aus Dauderts Worten klingt heraus, dass nicht jeder die Krise überstehen wird. Neben den Wirten verweist er auf die Bediensteten, die auf Trinkgeld und Feiertagzuschläge angewiesen seien. "Die Leute müssen Geld verdienen und suchen sich nun andere Arbeit, was zu einem Problem in der Branche führen wird", sagt er. Zwar hofft er auf eine Öffnung, aber zeigt sich skeptisch, da die Überprüfung der Schnelltests in großen Biergärten einen enormen Aufwand bedeuten würde und dies polizeiliche Aufgabe sei.

Seit Beginn der Pandemie versuchen Theo und Peter Jost den Betrieb der "Ochsen Post" in Tiefenbronn aufrechtzuerhalten. Doch längst habe die Nachfrage nachgelassen.

"Die Situation ist vor allem für den Kopf sehr anstrengend."

Peter Jost, Inhaber Ochsen Post Tiefenbronn

Im "Alten Pfarrhaus" in Brötzingen ist der Biergarten im malerischen Kastanienhof verwaist. "Ich kann aktuell nichts Gutes sehen", beschreibt Tula Logotheti die Lage. Zwar habe sie Verständnis für die Maßnahmen, aber vieles sei widersprüchlich, wenn sie etwa an die Menschenschlangen in den Supermärkten, aber eben an die geschlossenen Biergärten denkt. Eine Öffnung der Außengastronomie wäre für sie eine große Erleichterung. Dankbar sei sie für die Corona-Hilfen, die in anderen Ländern keine Selbstverständlichkeit seien.

Viel in Hygienekonzepte investiert

Dass die Gastronomen im Vorjahr kräftig in Hygienekonzepte investiert haben, wird am Rande erwähnt. Vielen Wirten ist die Enttäuschung darüber anzumerken, dass die funktionierenden Konzepte in der Politik wenig Anklang fanden und die Türen schnell wieder geschlossen werden mussten. Doch nicht überall ist die Situation schlecht. "Wenn die Leute nicht rechtzeitig vorbestellen, müssen wir sie wegschicken", erzählt Gerhard Leiser vom „Goldenen Bock“ in der Nordstadt. Er sieht den Grund in der Tradition des Hauses. In die gleiche Kerbe schlägt Oliver Cosma vom "Rössle" in Wilferdingen: "Wir haben uns über die Jahre ein großes Stammpublikum erarbeitet." Die Lage an der B 10 und die Parkplatzsituation täten ihr Übriges.

"Es ist zufriedenstellend, aber man muss lernen, sich mit weniger zufriedengeben."

Oliver Cosma, Inhaber „Rössle“ in Wilferdingen

Er berichtet von anderen Wirten, die mit großen Engagement versuchen, den Betrieb, oft ihr Lebenswerk, aufrechtzuerhalten.

Nicht weit entfernt, im "Remchinger Hof", spricht Salvatore Tarallo von einer wechselhaften Stimmung: "Es ist zu vergleichen mit dem Wind beim Segeln. Einmal ist er da, am anderen Tag wieder weg." Das Abholgeschäft halte die Pizzeria am Leben. Hierfür hat Tarallo tief in die Tasche greifen müssen. Zwar rufen Kunden an, aber längst ist die Bestellung online möglich. Abrechnungskosten über Drittanbieter minimieren laut Tarallo den Gewinn.

Öffnung nicht innerhalb weniger Tage

"Es hat uns sehr getroffen", bringt es Eric Griese, Geschäftsführer der "Villa Hammerschmiede" in Pfinztal, auf den Punkt. Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Familienfeiern seien nicht möglich. Die Zimmerbelegung durch Geschäftsreisende liege in der Woche bei null bis vier. Diese und das Abholgeschäft sorgten für etwas Liquidität. Personal wurde auf das Mindeste heruntergefahren. Für das Team sei das eine Katastrophe.

"Es gibt Mitarbeiter, die seit einem halben Jahr nicht mehr da waren."

Eric Griese, Geschäftsführer der „Villa Hammerschmiede“ in Pfinztal

Er fordert eine klare Linie. Mit kurzen Öffnungen sei keinem geholfen. Um den Betrieb hochzufahren, bedürfe es einer einwöchigen Vorlaufzeit.

{paging}

Ansteckungsrisiko im Innenbereich

In einem offenen Brief an die Bundesregierung haben die führenden Köpfe der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) im April vor falschen Signalen gewarnt. Im Schreiben wird verdeutlicht, dass der Schutz vor Ansteckungen mit dem Virus dort stattfinden und intensiviert werden müsse, wo sich Menschen in Innenräumen aufhalten. Durch Maßnahmen wie Verbote, sich in Parks zu treffen, beliebte Strecken für Spaziergänge komplett zu sperren oder auch durch nächtliche Ausgangssperren entstehe der Eindruck: "Draußen ist es gefährlich."

Die zentrale Aussage der Forscher lautet: "Die Übertragung der SARS-CoV-2-Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt." Der Tübinger Virologe und Mitglied des Expertenkreises Aerosole des Landes Baden-Württemberg, Thomas Iftner, bestätigte gegenüber der "Pforzheimer Zeitung", dass die Gefahr einer Ansteckung im Freien bei einem Mindestabstand und der Einhaltung der Hygieneregeln äußerst gering sei. Gleiches gelte auch bei der Abholung von Speisen und Getränken im Außenbereich.

Zudem verstärke die Sonne in Zusammenhang mit der UV-Strahlung den Effekt, dass die Viren auf den Oberflächen schnell inaktiviert werden. Im Innenbereich sei eine Raumluftanlage notwendig, die mindestens zum fünfmaligen Luftaustausch mit frischer Außenluft pro Stunde fähig sei. Wenn zudem Sicherheitsabstand und Hygieneregeln eingehalten werden und die Bedienung eine Maske trägt, sei das Risiko tragbar.

"Wir sind bereit"

Auch wenn der Frust bei den Hoteliers und Gastronomen im Kreis Calw groß ist: Für die letzten Meter setzen sie auf Geduld und Solidarität. Rolf Berlin, Dehoga-Vorsitzender im Kreis Calw, Ricarda Becker, stellvertretende Direktorin im "Hotel Therme" in Bad Teinach, und René Skiba, Geschäftsführer der Tourismus GmbH Nördlicher Schwarzwald, erklärten gestern, der Landkreis davon ausgehen müsste, dass eine Öffnung der Betriebe nicht vor dem 28. Mai möglich sei.

"Der Grund sind die noch immer hohen Inzidenzzahlen", so Becker. Es gebe einige Reservierungen und eine Warteliste, "wir sind bereit". Rolf Berlin spricht von einem "enormen Druck" aus der Bevölkerung und glaubt, dass dieser nicht mehr lange zu halten sei. Mit den drei "G's" – geimpft, getestet oder genesen – sei ein Urlaub seiner Meinung nach möglich. Auch bei den begleitenden touristischen Angeboten ist man laut Skiba bereits bestens vorbereitet.