Über 500 Teilnehmer: Kurdische Großdemo überrascht Pforzheim
Pforzheim. Über 500 Menschen haben am Freitagabend in Pforzheim gegen den Vormarsch syrischer Milizen in den kurdischen Gebieten Nord- und Ostsyriens demonstriert. Ein Jeep mit aufgeschnallter Lautsprecherbox zog durch die Innenstadt, aus der Musik und Redebeiträge dröhnten. Die Polizei begleitete den Aufzug mit starker Präsenz; die Beamten wirkten wachsam und behielten sowohl die Demonstrierenden als auch Passanten im Blick. Es blieb friedlich. Über 100 Polizisten der Bereitschafts- und Bundespolizei waren im Einsatz. In Stuttgart wurde am Mittwoch ein Syrer am Rande einer Kurden-Demo niedergestochen, auch in anderen Städten kam es teils zu kleineren Ausschreitungen. Europaweit gehen aktuell Kurden auf die Straße. Vergangenen Montag fand am Pforzheimer Hauptbahnhof bereits eine kleinere Kundgebung statt.
Wie üblich gehen Polizei- und Anmelderangaben zu den Teilnehmerzahlen weit auseinander: Angemeldet waren offiziell zunächst 300 Demoteilnehmer, wobei die Polizei von 510 anwesenden Menschen in der Spitze ausging. Aus Kreisen der Anmelder heißt es über 1000 Demonstranten waren vor Ort.
Zentraler Kundgebungsorte waren Theatervorplatz, Leopoldplatz und Marktplatz. Dort sprachen Redner mit sichtbarer Emotion über die Lage in Rojava. „Heute stehen wir hier, mit Wut im Bauch und Trauer im Herzen. Denn während wir atmen, sterben Menschen. Und die Welt schaut zu“, sagte ein Sprecher am Mikrofon. Nach Eindrücken der PZ war es akustisch eine der lautesten Demonstrationen im Stadtgebiet seit Monaten.
Die meisten Teilnehmenden stammten aus Syrien und dem Irak. Sie trugen Fahnen und Porträts von Mazlum Abdî, dem Oberkommandierenden der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), und riefen Parolen wie: „Eins, eins, eins – alle Kurden sind eins.“ Eine junge Frau aus Pforzheim, deren Eltern aus Nordsyrien geflüchtet waren, sagte, die Angriffe der syrischen HTS-Miliz auf Rojava bedrohten die Existenz der Kurden in ihrer Heimat und könnten Hunderttausende Menschen zur Flucht zwingen.
Nach Angaben aus dem Umfeld der Veranstaltung hatte der Kurdische Elternrat Pforzheim die Demonstration angemeldet. Ordner Ibrahim Polat verwies auf Berichte über Kämpfe zwischen islamistischen Milizen und kurdischen Kräften sowie auf die Sorge vor einem Wiedererstarken des IS.
Rebwar Rasaei, ein Arzt aus Karlsruhe, sagte, die Kurden hätten „alle Hand in Hand“ gegen den IS gekämpft. Während er sprach, fuhr eine Frau mit ihrem Kinderwagen versehentlich in die Haxen des Reporters. Rasaei blieb unbeirrt und sagte: „Wissen Sie, wir sind aus Mesopotamien. Wir haben das Rad erfunden. Auch das, das ihm gerade hinten reingefahren ist.“
Neben Kurdinnen und Kurden beteiligten sich auch Jesiden an dem Protest. Die religiöse Minderheit, von der mehrere Tausend Menschen in Pforzheim leben, war 2014 Opfer eines vom IS verübten Völkermords, der international anerkannt ist. Eine 50-Jährige ließ ihre Aussagen von ihrer Tochter übersetzen: Wenn der IS nicht gestoppt werde, werde er sich bis nach Europa ausbreiten; die Morde an Kurden nannte sie eine „bestialische Ausrottung“.
Hintergrund der Proteste ist die Eskalation in Nord- und Ostsyrien: Die syrische Übergangsregierung unter Ahmed al-Scharaa, unterstützt von der Türkei, ist in kurdisch verwaltete Gebiete vorgedrungen, Kobane gilt als eingeschlossen. In Deutschland fordern kurdischstämmige Bundestagsabgeordnete von Grünen, SPD und Linken politischen Druck zum Schutz der Zivilbevölkerung.
