Über zwei Euro für Diesel: Spritpreise sorgen im Enzkreis und im Kreis Calw für Frust
Enzkreis. Enzkreis/Kreis Calw. Autofahrer in der Region schauen derzeit besonders genau auf die Preise an den Tankstellen. Während ein Betreiber die Erhöhungen nachvollziehen kann, zweifelt ein anderer an den Gründen.
Ein weißer Kleintransporter rollt am Mittag auf das Gelände einer Tankstelle in Mühlacker. Viel Betrieb herrscht nicht. Der Fahrer steigt aus, greift zur Zapfpistole und lässt Diesel in den Tank laufen. Knapp 20 Euro stehen auf der Anzeige – und er stoppt. Vollgetankt sei der Transporter da noch lange nicht. „Das reicht aber erstmal“, sagt der Mann und blickt kurz zur Preistafel. Über zwei Euro kostet der Liter Diesel. Das sei ihm zu viel.
Ein paar Kilometer weiter bietet sich ein anderes Bild. An einer Tankstelle in Öschelbronn stehen mehrere Autos Schlange vor den Zapfsäulen. Ein Blick auf die Preistafel erklärt schnell warum: Diesel, Super und E10 kosten hier jeweils weniger als 1,90 Euro pro Liter – und damit mehr als zehn Cent weniger als an vielen anderen Tankstellen im größeren Umkreis. „Ich bin nur deswegen hierhergefahren“, sagt ein Mann, der sich zuvor über die günstigsten Preise in der Region informiert hat.
Eine Momentaufnahme, die zeigt: Die stark angestiegenen Spritkosten beschäftigen die Auto- und Lastwagenfahrer, sie sind aber auch schon längst Gesprächsthema bei den Tankstellenbetreibern selbst. Michael Herder leitet zwei Agip-Tankstellen in Calmbach und Calw. Bei ihm haben die Spritpreise nach eigener Aussage in den vergangenen vier Tagen um rund 20 Cent angezogen. Seit 2003 arbeitet er in diesem Bereich und hat schon viele Preisschwankungen mitgemacht, etwa durch den Irakkrieg, die Coronakrise oder auch den Ukrainekrieg.
"Ich habe absolut kein Verständnis dafür, wenn es an einem Tag 23 Mal Erhöhungen oder Senkungen gibt. Ich hatte auch kein Verständnis dafür, als die Preise während Corona bei fast 2,50 Euro standen. Aber in diesem Fall finde ich die Erhöhungen gerechtfertigt",
so Herder.
Und warum? Das hängt vor allem mit der Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman zusammen – der Straße von Hormus. Sie verbindet zahlreiche große Ölterminals im Mittleren Osten mit dem Indischen Ozean. 30 Prozent der weltweiten Rohöl-Transporte und 20 Prozent der Flüssiggas-Transporte durchqueren sie. Und derzeit liegt sie von iranischer Seite unter Beschuss, die Revolutionsgarden erklärten die Meerenge am Samstag für gesperrt. Das behindert natürlich direkt den Transport dieser Güter. Außerdem leiten mehrere Reedereien ihre Schiffe inzwischen um Afrika herum, statt durch den Suezkanal vom Roten Meer in das Mittelmeer zu gelangen, was die Fahrtzeiten deutlich erhöht.
Aber laut jüngster Berichte sind die europäischen Öllager gut gefüllt. Warum schlägt der Krieg also jetzt schon auf den Preis durch? Laut Herder hängt das mit der Unsicherheit bei den großen Ölgesellschaften zusammen, weil viele der großen ölproduzierenden Länder in den Krieg verwickelt sind: „Die Gesellschaften wissen aktuell nicht, wann sie zu welchen Preisen neues Öl aus diesen Ländern erhalten. Das wird jetzt schon eingepreist, was für mich absolut nachvollziehbar ist.“ Er geht auch nicht davon aus, dass bereits das Ende der Preiserhöhungen erreicht ist.
Unterschiedliche Ansichten
Nicht alle Betreiber teilen diese Einschätzung. Tobias Lenk, der die Minera-Tankstelle in Knittlingen führt, kann die Steigerungen nur schwer nachvollziehen.
"Fast 55 Cent mehr als vergangene Woche – das ist für mich nicht zu rechtfertigen",
sagt Lenk.
Die europäischen Lager seien derzeit gut gefüllt. Zwar spiele die angespannte Lage rund um die Straße von Hormus eine Rolle, über die ein großer Teil der weltweiten Öltransporte läuft. „Aber da ist auch viel Politik dabei.“ In Österreich etwa seien die Preise um 18 Cent hochgegangen und in Kroatien lägen sie so hoch wie vor zwei Wochen. „Das hängt viel mit unserer Preistreiberei zusammen.“
Gleichzeitig spürt er den Frust vieler Autofahrer unmittelbar. „Den Unmut kriegen wir ab“, sagt Lenk. Ihn hätten Kunden am Mittwoch auf dem Hof direkt angesprochen und sich über die Preise beschwert. Vielen sei nicht bewusst, dass Pächter diesen aber gar nicht selbst festlegen. „Heutzutage läuft das alles automatisch.“ Lenk hat zudem gehört, dass vonseiten des Kartellamts bereits Gegenmaßnahmen vorbereitet werden. „Bis Freitag soll sich was ergeben“, sagt er. Denkbar sei etwa eine Art Spritpreisbremse.
Am vergangenen Wochenende beobachtete Lenk jedenfalls ungewöhnlich viel Betrieb an seiner Tankstelle. „Von Freitagabend bis Montagabend war deutlich mehr los als sonst“, berichtet er. Viele Menschen hätten aus Sorge vor weiter steigenden Preisen noch schnell getankt. Inzwischen habe sich der Andrang wieder etwas gelegt. „Das wird sich in den kommenden zwei bis drei Tagen aber relativeren. Diejenigen mit Auto müssen halt tanken“, sagt Lenk.
Währenddessen rollt an der Tankstelle in Mühlacker der nächste Wagen an die Zapfsäule. Bevor der Fahrer den Zapfhahn einführt, schaut er kurz zur Preistafel. Ein Blick, der wohl auch in den kommenden Tagen zum Alltag gehören wird.
