Um ihn ist es still geworden: Was macht eigentlich Altkanzler Olaf Scholz?
Was macht eigentlich ein Altkanzler? Olaf Scholz hält sich im Bundestag bewusst zurück – und füllt seinen Terminkalender stattdessen mit Vorträgen, Debatten und einer neuen politischen Aufgabe.
Wer Olaf Scholz heute im Bundestag sucht, muss genauer hinsehen. Denn die Zeiten der ersten Reihe sind vorbei. Der Altkanzler ist mittlerweile, etwas mehr als ein Jahr nach Ende seiner Amtszeit, zu einem klassischen Hinterbänkler geworden – und sitzt als einfacher Abgeordneter für seinen Wahlkreis Potsdam im Parlament. Dort ist er auch regelmäßig anwesend und nimmt an Abstimmungen teil, hält sich aber eher im Hintergrund – nicht unüblich für einen Altkanzler. Er hat auch keine Funktion in seiner Fraktion oder in einem Ausschuss inne und ist das letzte Mal ans Rednerpult getreten, als er noch Kanzler war. Aber Scholz galt ja schon immer als zurückhaltend.
Das heißt also keineswegs, dass er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. „Seine Art zu führen ist sehr norddeutsch: am besten nicht zu viele Worte verlieren, sondern lieber steuern und liefern. Und nicht zu viel reden, weil sonst der Verhandlungspartner weiß, wo die Druckpunkte sind“, erinnert sich die Pforzheimer Bundestagsabgeordnete Katja Mast.
Mast kennt Scholz aus einer Zeit, in der beide eng zusammenarbeiteten. Als Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion koordinierte sie während seiner Kanzlerschaft den Parlamentsbetrieb. „Natürlich war es etwas Besonderes, wenn der Bundeskanzler bei Abstimmungen fragte: ‚Darf ich gehen, Katja?‘“, erzählt sie. Viele Gespräche habe es gegeben, „wir haben gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet“.
Heute sind ihre Aufgaben andere: Mast ist Staatssekretärin im Arbeitsministerium, Scholz einfacher Abgeordneter. Der Kontakt ist trotzdem geblieben. „Die Zusammenarbeit hat sich durch unsere neuen Aufgaben verändert, aber natürlich haben wir in der SPD-Bundestagsfraktion weiterhin viel miteinander zu tun.“
Voller Terminkalender
Was Scholz heute so treibt, findet in den Medien allerdings kaum Beachtung. Dabei scheint er vielbeschäftigt zu sein. Auf seiner Webseite dokumentiert er die Termine, die er seit Ende seiner Kanzlerschaft wahrgenommen hat. Hauptsächlich engagiert er sich als Redner, Diskussionsgast oder auch Berater in internationalen Fragen.
Scholz beteiligt sich regelmäßig an öffentlichen Debatten – wenn er denn dazu eingeladen wird. Er meldet sich fast nie ungefragt zu Wort. Er kommentiert die Tagespolitik nicht, gibt keine Interviews im Wochentakt und mischt sich öffentlich kaum in die Arbeit seines Nachfolgers ein.
An Universitäten diskutiert Scholz gerne über Demokratie, Völkerrecht und die internationale Ordnung. Im Februar sprach er an der London School of Economics, im April an der Columbia University in New York und einen Tag später an der Harvard Kennedy School. Immer wieder thematisiert er auch internationale Krisen: Kurz nach Jahresbeginn sprach er zum Beispiel in der Hamburger Landesvertretung in Berlin mit Journalist Georg Mascolo und Sicherheitsexperte Wolfgang Ischinger über Deutschlands Russlandpolitik. Im Februar gastierte er im britischen Podcast „The Rest Is Politics: Leading“, in dem es um den Ukraine-Krieg, Russland und den Aufstieg des Rechtspopulismus ging. Und im März diskutierte er in Hamburg mit dem Publizisten und Orientalisten Navid Kermani über dessen Iran-Buch.
Hinter verschlossener Tür
Aber auch in Berlin beteiligt Scholz sich weiter an der politischen Debatte. Dort allerdings eher hinter verschlossenen Türen, nur selten dringt etwas nach außen. Im Mai meldete er sich in einer Fraktionssitzung zu Wort – laut Teilnehmerkreisen anlässlich des ersten Jahrestags der Koalition. Der „Stern“ spricht von einem ungewöhnlichen Schritt. Der Altkanzler ergreife in den Beratungen der Abgeordneten normalerweise nicht das Wort, wie es aus der Fraktion heiße. Er habe den Zusammenhalt von Schwarz-Rot beschworen – und vor dem Fall der Brandmauer gewarnt. Seine Wortmeldung sei laut dem Bericht mit viel Applaus gefeiert worden.
Und sonst so? Parallel zum Tagesgeschäft eines Altkanzlers pflegt Scholz seine internationalen sozialdemokratischen Kontakte. Im Februar diskutierte er in London auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Fabian Society über die Zukunft der Sozialdemokratie. Bereits Ende 2025 sprach er mit der früheren schwedischen Ministerpräsidentin Magdalena Andersson und traf in Berlin Vertreter der thailändischen People’s Party sowie den indischen Oppositionspolitiker Rahul Gandhi. Und auch jenseits der klassischen Politik-Blase zeigt sich der Altkanzler. Im März war er Gast beim Literaturfestival Lit.Cologne und sprach dort unter dem Titel „Was liest einer, der Geschichte schrieb?“. Dort kündigte er auch seine Memoiren an, die er schon 2027 veröffentlichen will.
Hinzu kommen Auszeichnungen und Ehrungen – die er verleiht und auch verliehen bekommt. Am 28. April 2026 erhielt Scholz in New York die Leo-Baeck-Medaille für sein Engagement gegen Antisemitismus – seinen Auftritt dort hat Scholz laut „Welt“ sichtlich genossen. Fehlt ihm das Rampenlicht also doch? Er schien jedenfalls die Chance für einen politischen Rundumschlag zu nutzen: Lob für Kanzler Friedrich Merz, Unterstützung für die Ukraine – und eine Spitze gegen US-Präsident Donald Trump. Laut Bericht reagierte das Publikum begeistert.
Nur zwei Tage später verlieh Scholz im Auftrag des Bundespräsidenten dem früheren US-Außenminister Antony Blinken das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Blinken hatte übrigens zuvor schon in New York die Laudatio auf Scholz gehalten.
Neue Aufgabe
Und doch scheint Scholz sich vom Tagesgeschäft in der Politik nicht ganz verabschieden zu wollen. Gerade erst hat er ein neues Amt angetreten: Ende Juni berief ihn die Bundesregierung zum Co-Vorsitzenden ihrer neuen Nord-Süd-Kommission. Gemeinsam mit der früheren costa-ricanischen Präsidentin Laura Chinchilla soll Scholz Vorschläge für eine engere Zusammenarbeit mit den Staaten des Globalen Südens entwickeln. Passend dazu sprach Scholz zuletzt mehrfach über internationale Zusammenarbeit und die Zukunft des Völkerrechts – beim Dresdner Forum für Internationale Politik ebenso wie beim Global Solutions Summit in Berlin. Für Katja Mast ist die Berufung also eine folgerichtige Entscheidung. „Mich fasziniert an Olaf Scholz immer, dass er langfristige Linien verfolgt, sich gründlich informiert und sich mit neuen Entwicklungen strukturell auseinandersetzt.“ Das habe sich während seiner Kanzlerschaft gezeigt, „in seinem Ansatz, den Globalen Süden stärker auf Augenhöhe zu behandeln und strukturell als Partner zu sehen“.
Seine Tage im Kanzleramt sind vielleicht vorbei. Doch Politik und Gesellschaft gestalten – das will Scholz wohl noch immer.
