Gemeinden der Region
Nordschwarzwald -  26.12.2021
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

„Uns allen geht die Luft aus“ - Fachkraft Heidi Braun berichtet aus Brettener Klinik

Für die Welt außerhalb der Krankenhäuser sind sie die Heldinnen und Helden der Corona-Krise. Doch was wirklich in den Köpfen von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegekräften vorgeht, die tagtäglich auf Intensivstationen um das Leben von Covid 19-Patienten ringen, weiß kaum jemand.

Hohe Belastung im Arbeitsleben: Krankenschwester Heidi Braun versorgt auf der Intensivstation in Bretten schwerstkranke Covid-Patienten.  Braun/Privat
Hohe Belastung im Arbeitsleben: Krankenschwester Heidi Braun versorgt auf der Intensivstation in Bretten schwerstkranke Covid-Patienten. Braun/Privat

Die Knittlinger Stadträtin Heidi Braun (Alternative Liste) kennt die Situation genau und hat als Fachkrankenschwester für Anästhesie- und Intensivpflege im Krankenhaus Bretten schon Covid-Patienten durch eine oft wochenlange Berg- und Talfahrt mit nicht immer positivem Ausgang begleitet. Die Lage in der vierten Pandemie-Welle bei anhaltend hohen Inzidenz-Werten und der Gefahr durch die um sich greifende Omikron-Variante stuft sie als dramatisch ein.

„Ich persönlich hätte nicht gedacht, dass die Zahlen zum Jahresende so früh wieder steigen und schon im November so viele Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt sind“, sagt die 44-Jährige. Im Vergleich zum Vorjahr habe die Zahl der schweren Fälle merklich zugenommen. Dadurch sei der Druck und die Arbeitsbelastung in der Klinik extrem geworden. „Uns allen geht die Luft aus – das merkt man deutlich“, schildert sie.

Auch bei Heidi Braun hat die Dauerbelastung ihre Spuren hinterlassen. Momentan arbeitet die Fachkrankenschwester hauptsächlich im Anästhesie-Bereich und hat ihre Stundenzahl auf siebzig Prozent reduziert. „Ich sehe es auch an meinen Kolleginnen und Kollegen, die langsam nicht mehr können und dringend mehr Ruhepausen brauchen“, sagt sie. In Bretten seien die Intensivbetten eigentlich täglich voll belegt. Aus ihrer Zeit auf der Intensivstation weiß die 44-Jährige, dass der Kampf gegen das Virus keine Sekunde Müdigkeit zulasse. Zwar müsse nicht jeder Covid-Patient beatmet werden, brauche aber in vielerlei Hinsicht Hilfe – vom Verabreichen kreislaufunterstützender Medikamente über das Absaugen von Flüssigkeit bis zur regelmäßigen Umlagerung. Patienten, die über einen Schlauch mit Sauerstoff versorgt würden, müssten ständig im Blick behalten werden. „Rutscht der Beatmungsschlauch heraus, geht die Sauerstoffsättigung innerhalb von Sekunden auf einen kritischen Wert zurück“, berichtet Heidi Braun. Wenn sie auf der Intensivstation eingesetzt sei, trage sie zum eigenen Schutz über acht Stunden hinweg eine FFP2-Maske, eine Haube, Visier und doppelte Handschuhe, erzählt die 44-Jährige, die in Mühlacker ausgebildet wurde und später ein Studium der Sozialen Arbeit absolviert hat. Seit 2014 arbeitet sie im Brettener Krankenhaus.

Extrem wichtig für die Intensivpatienten sei eine regelmäßige Blutgasuntersuchung, um deren Sauerstoffversorgung und -verwertung zu kontrollieren. „Die Blutgasanalyse ist der Indikator dafür, ob jemand intubiert werden muss“, erläutert sie. Wenn dann der Sauerstoffschlauch durch die Nase laufe, könne der Patient kaum mehr etwas hören und habe ein ständiges Rauschen im Ohr, beschreibt sie den schwierigen körperlichen Zustand. Und man dürfe dabei auch die psychische Komponente nicht unterschätzen. „Wenn jemand sich an dir festklammert und ‚hilf mir, ich will nicht sterben!‘ ruft, vergisst man das im Leben nicht.“ Nachts träume sie davon.

An solchen Dingen gingen auch ihre Kollegen kaputt. Es sei schon vorgekommen, dass jemand nach der Schicht beim Gang zum Auto minutenlang geweint habe. Diesen inneren Kampf würden viele Pflegekräfte nicht lange aushalten. Dementsprechend habe sich die Ausstiegsrate während der Pandemie drastisch erhöht – oft sogar schon unmittelbar nach der Ausbildung. Dabei sei der Personalmangel schon seit Jahren absehbar.

Doch gerade die Politik habe zu wenig getan, um berufliche Anreize, wie etwa eine bessere Bezahlung zu schaffen. Corona habe wie ein Katalysator gewirkt und die Missstände an die Oberfläche gebracht. Darüber hinaus sei die aktuelle politische Kommunikation zur Pandemielage schlicht „katastrophal“. Weil sich medizinisch viel verändere, wünsche sie sich mehr Transparenz, Klarheit und vor allem Ehrlichkeit. Den Politikern gibt Heidi Braun letztlich auch die Hauptschuld dafür, dass die Zahl der Corona-Skeptiker gestiegen ist. Statt Vertrauen aufzubauen, habe man mit zum Teil unverständlichen Regelungen die Angst der Menschen vor dem Virus noch geschürt. „Ich wünsche mir mehr Vernunft und Rücksichtnahme“, betont die Krankenschwester. Denn das Gesundheitssystem im Land stehe vor dem Kollaps, wenn sich nicht sehr schnell etwas ändere.

Autor: pep