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Enzkreis -  08.08.2020
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„Wer spricht schon mit Spinnern?“ - Zwei Teilnehmer der Corona-Demo in Berlin im Gespräch mit PZ-news

Nach der Demonstration gegen die Corona-Auflagen der Bundesregierung am vergangenen Samstag in Berlin richteten sich Wut und Unverständnis deren Anhänger vor allem gegen die Berichterstattung der Medien. Die „Pforzheimer Zeitung“ sprach mit zwei Demonstranten aus dem Enzkreis über den Vertrauensverlust gegenüber der Presse.

Tausende Menschen fordern auf einer Kundgebung in Berlin das Ende der Corona-Regeln – und hielten sich auch nicht an diese. Foto: Christoph Soeder/dpa
Tausende Menschen fordern auf einer Kundgebung in Berlin das Ende der Corona-Regeln – und hielten sich auch nicht an diese. Foto: Christoph Soeder/dpa

Das Vertrauen in die Presse ist erschüttert — zumindest aufseiten jener Menschen, die am Samstag bei der Demonstration unter dem Motto „Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit“ gegen die Corona-Beschränkungen zu Tausenden auf die Straße gegangen sind. Oder die sich den Kritikern der Bundesregierung und der immer noch geltenden Auflagen zur Einschränkung des grassierenden Virus zugehörig fühlen. Doch woher rührt dieser Vertrauensverlust gegenüber der journalistischen Zunft? Zwei Bewohner des Enzkreises waren mittendrin bei der Demonstration. Sie sprechen vor allem von einer einseitigen Berichterstattung und einer Stigmatisierung derjenigen Menschen, die sich öffentlich und kritisch äußern. So die Auffassung von Imke Querengässer.

Berichterstattung soll sachlich stattfinden

Die 48-Jährige lebt und arbeitet als Veterinärin in Königsbach. Querengässer formuliert im Gespräch mit der „Pforzheimer Zeitung“ und mit Bezug auf die Demonstration in Berlin vor allem einen Wunsch: „Was mir am allermeisten am Herzen liegt, ist, dass die Berichterstattung sachlich stattfindet. Auch sollte faktenbasiert diskutiert und nicht polarisiert werden.“ Indem die bürgerliche Mitte, zu der sie sich zählt, mit Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretikern gleichgestellt würde, produziere die Presse derart Hass und stifte Unfrieden, so Querengässer. Praktikable Vorschläge, wie diese „Produktion von Hass“ vermieden werden kann, bleibt sie jedoch schuldig.

Auch unterminierten Artikel, wie sie auch in der PZ erscheinen, jede Gesprächsgrundlage. Wer so etwas lese, sei zu stark beeinflusst und nicht mehr im Stande, objektiv auf Menschen zuzugehen, die sich in das Lager der Demonstranten und deren Unterstützer zählen. „Wer spricht schon mit Spinnern und Nazis“, so Querengässer. Sie selbst habe auch keine Reichsflaggen bei den Demonstranten entdecken können, auf den Bildern und den Berichten der Öffentlich-Rechtlichen sei dies jedoch ständig zu sehen.

Auch das von den Organisatoren wohlgemerkt selbstgewählte Motto der von der Initiative Querdenken 711 „Tag der Freiheit“ veranstalteten Kundgebung in direkten Vergleich mit dem NS-Propagandafilm von Leni Riefenstahl aus dem Jahr 1935 und dem Titel „Tag der Freiheit! Unsere Wehrmacht“ gestellt werde, spräche ihrer Meinung nach Bände. „Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender brauchen diese Bilder, um die Stigmatisierung aufrechterhalten zu können.“ Auf die Frage hin, was die Intention der Kollegen sein könnte, entgegnet Querengässer ein mit unheilsschwangerem Unterton versehenes: „Das ist die große Frage.“ Eine Verschwörungstheoretikerin sei sie jedoch nicht. Doch dass Videos der „anderen Seite“ auf der Plattform Youtube etwa regelmäßig gelöscht würden, gebe ihr zu denken. Bei der Entgegnung, Youtube sei kein journalistisches Medium und von einem privaten Konzern geführt, winkt Querengässer verbal ab. Das sei nur ein Beispiel von vielen.

Querengässer trägt beim Einkaufen keinen Mundschutz

Geht die Veterinärin einkaufen, dann trägt sie keinen Mundschutz. Aus Überzeugung und aus Prinzip, wie im Gespräch deutlich wird. Zudem sei sie ja ärztlich davon befreit. Wenn sie die Menschen sachlich und unaufgeregt darauf ansprechen, legt sie ihren Standpunkt dar. Das sei aber nicht die Regel, wofür Querengässer auch die „polarisierende Berichterstattung“ der Medien verantwortlich macht. Das Leid und die Kollateralschäden, die mit Tragen eines solchen Schutzes einhergingen, sollten in den Medien dargestellt werden. Vor allem Kinder würden darunter leiden, die psychologischen Folgen könnten sich erst in Zukunft zeigen. Ihre Quellen bezieht sie aus den „alternativen Medien“, also aus dem Internet. Diesen Quellen zufolge, könne Tragen eines Mundschutzes ohnehin nicht vor dem Virus schützen. Die Viren seien um ein vielfaches kleiner, als die Löcher eines Mundschutzes. Auf die Frage hin, wie sie es als Veterinärin bei der Untersuchung von Tieren halte, sagt Querengässer: „Da geht es in erster Linie um den Schutz vor Bakterien, das ist etwas anderes.“

Maßnahmen, wie die Verordnung zum Tragen einer Maske seien sinnloser Zwang. Das sei einer etablierten „Gutmenschenmoral“, wie es die 48-Jährige nennt, geschuldet. „Alles wird dem Infektionsschutzgesetz untergeordnet.“ Was würde bei ihr das Vertrauen in die Presse wiederherstellen? „Da müsste viel passieren.“ Sie würde sich wünschen, dass auf den Titelseiten kritische Meinungen und Sichtweisen platziert würden — und zwar unkommentiert. Dass ein Kommentar jedoch im Zuge der freien Meinungsäußerung geschieht, das scheint die 48-Jährige dabei zu vergessen.

„Was mir am allermeisten am Herzen liegt, ist, dass die Berichterstattung sachlich stattfindet. Auch sollte faktenbasiert diskutiert und nicht polarisiert werden.“

Imke Querengässer zur Berichterstattung der Presse

Von Wurmberg nach Berlin

Ein anderer, der am Samstag ebenfalls in der Hauptstadt und der Straße des 17. Juni dabei war, ist Torsten Meier. Der in Wurmberg lebende 52-Jährige war gemeinsam mit seiner Ehefrau auf verschiedenen Veranstaltungen mit der gleichen Motivation, darunter in Pforzheim, Karlsruhe und Stuttgart. Die Demonstration in Berlin sei vor allem in einer Hinsicht eine besondere gewesen: „Ich war mehr als überrascht, wie viele Menschen dort waren.“ Die tatsächliche Anzahl der Demonstrationsteilnehmer könne er nur schwer einschätzen, wohin man sich gedreht habe, überall seien Menschen zu sehen gewesen. Der Zug habe sich als Marsch durch Berlin gezogen, über die Friedrichstraße, am Fernsehturm vorbei, über die Straße Unter den Linden, durch das Brandenburger Tor bis zur Straße des 17. Juni. „Es waren meiner Auffassung nach weit mehr als 20.000. Ich gehe von Hundertausenden aus. Ob es 1,3 Millionen, eine Million oder 900.000 waren, ich kann es nicht einschätzen, es waren einfach zu viele.“

Je nachdem welche Zahl von den Medien genannt werde, das spreche laut Meier für eine Instrumentalisierung. Die Anzahl sei von der Polizei veröffentlicht worden, nachdem „der Staat“ diese freigegeben hatte. Demzufolge kontrolliere der Staat in diesem Fall, was jede Zeitung schreibe. Meier hat die PZ schon seit Jahren abonniert. Bis er vor rund zwei Wochen dem PZ-Verleger, Albert Esslinger-Kiefer, einen Brief geschrieben habe. Darin habe er sein Abonnement gekündigt und auch die Gründe dafür angeführt: „Wir sind mit der Berichterstattung der PZ zum Teil unzufrieden. Ich fand es aber toll, dass Herrn Kramski eine ganze Seite gewidmet wurde.“ Eine solch kritische Stimme in der PZ abzubilden, sehe er positiv. Sauer aufgestoßen sei ihm dagegen der Bericht in der Kinder-PZ über Bill Gates. Was er sich für die Berichterstattung der PZ wünschen würde? Dass zukünftig häufiger kritischen Ansichten ein Sprachrohr gegeben werde.

Bleibt die Frage, was mit „kritischen Ansichten“ gemeint ist. Kritisch gegenüber beiden Lagern oder nur gegenüber den Befürwortern der Corona-Schutzmaßnahmen?

Autor: tim