Wie ein Pforzheimer Priester mit Radsport-Star Jan Ullrich feierte
Pforzheim/Merdingen/Freiburg. Während ihrer Karriere-Hochs kamen Jan Ullrich als Radstar und Thomas Ochs als Pforzheimer Priester in Kontakt. Dass Ochs 2003 sogar die Tochter des Sportlers taufte, sollte nicht an die große Glocke. Erst jetzt spricht der in Neuhausen-Hamberg groß gewordene ehemalige Geistliche über seine Verbindung mit dem seit diesem Samstag, 2. Dezember, 50 Jahre alten Sporthelden - und zwar exklusiv mit PZ-news.
Sein runder Geburtstag hat Jan llrich dazu gebracht, auf bisherige Hochs und vor allem bisherige Tiefs zurückzublicken. Für Thomas Ochs aus Pforzheim, genau genommen aus Hamberg, wiederum ist das Datum der Anlass, darüber zu reden, wie er mit dem Radsportler in Kontakt kam und in Merdingen vor nun 20 Jahren dessen Tochter Sarah Maria taufte.
Mit einem Autogrammwunsch fing alles an. In Freiburg, wo Ullrich im Juli 2000 ein Tour-de-France-Heimspiel hatte, leitete Ochs die Ausbildung der angehenden Priester, die sich wie quasi das ganze Land für „Ulle“ und Co. begeisterten. Die Studenten traten an der Strecke mit imposantem Banner („Priesterseminar grüßt Team Telekom“) in Erscheinung und wollten danach für ihre „Zöllibar“ ein Bild dieser Aktion – und zwar eines mit Unterschrift.
Daher wandte sich Ochs an jene Winzerfamilie aus dem nahen Merdingen, aus der Ullrichs damalige Freundin Gaby stammt. Dass er als Regens, als regionale Kirchengröße, Kontakt aufnahm, machte offenbar Eindruck, denn der Doktor der katholischen Theologie bekam nicht nur eine Unterschrift, sondern eine Einladung. Wie sich der inzwischen 59-Jährige erinnert, traf er Ullrich samt Partnerin erstmals im Rohbau ihres Hauses.
Der erste Kontakt war noch lange nicht der letzte. „Wir haben auch ein paar Gläser Wein zusammen getrunken“, verrät Ochs.
Reibungslose Annäherung
Obwohl in der DDR aufgewachsen und nicht einmal getauft, ließ der aus Rostock stammende Radsportler dem Kirchenmann gegenüber offenbar keinerlei Scheu erkennen. Vor allem ließ Ullrich Nähe zu, obwohl an ihm als damaligem Sport-Liebling ja viele zerrten – und obwohl er etwas zu verbergen hatte, wie seine inzwischen bekannten Dopingvergehen zeigen. „Es war immer sofort eine sehr persönliche Ebene da“, erinnert sich Ochs an die Begegnungen.
Darauf angesprochen, dass man Ullrich sicherlich als einen Sünder betrachten könne, ja müsse, denkt Ochs erst einmal nach, ehe er sagt: „Da bin ich ehrlich gesagt vorsichtiger – also ich würde das zu Jan Ullrich nicht sagen und auch zu keinem anderen.“
Als Radsport-Ass war Ullrich viel unterwegs, so dass Ochs ihn seltener traf als die Freundin und deren Eltern. Auch konnte der Tour-Sieger von 1997 nicht verbergen, dass er Druck hatte: „Man hat schon gemerkt, dass er immer unter Strom stand und dann auch immer wieder zum Training musste ...“
Als sich Ochs an Team-Telekom-Chef Rudy Pevenage und die Ärzte des Rennstalls erinnert, klingt er, als könne er kaum begreifen, wie dicht er der Radsport-Welt immer wieder kam: „Die habe ich alle kennengelernt“, sagt Ochs und erzählt von einem Sportlerball mit Ullrich und Co.
Der in späteren Jahren bei immer mehr Menschen in Ungnade gefallene Ausdauer-Athlet hatte die Sympathie des Priesters.
„Ein herzlicher Mensch, sehr authentisch, ein bisschen auch ein Sunnyboy-Typ“.
Thomas Ochs, früherer Priester aus Neuhausen-Hamberg, über Ex-Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich, zu dem er ab 2000 mehrere Jahre sporadischen Kontakt hatte.
Natürlich sei Ullrich auch von vielen hofiert worden, „so lange es gut lief“.
Ob als Priester, als Aussteiger aus der Kirchen-Hierarchie oder als Hobby-Imker, Ochs hat oft mit Medien zu tun; hinzu kommen eigene theologische Veröffentlichungen. Auf Jan Ullrich ist er dabei von sich aus nie zu sprechen gekommen. „Ich wollte ja nicht damit angeben“, sagt Ochs. Als PZ-news nun konkret nach der ungewöhnlichen Verbindung fragt, beginnt er ohne Zögern zu erzählen und antwortet später geduldig auf jede Nachfrage. Manche Details hat Ochs sofort parat, andere fallen ihm noch ein: Fürs Taufgespräch habe er Gaby und Jan 2003 an ihrem damaligen Wohnort in Scherzingen auf der Schweizer Seite des Bodensees besucht. Da habe er einen Mietwagen und noch extra eine Vignette gebraucht, da an seinem Auto kurz vorher ein Reifen kaputtgegangen sei, sprudelt es aus dem früheren Schüler des Hebel-Gymnasiums heraus.
Nach der Taufe bei Dezember-Kälte in Merdingen durfte Ochs mit zur Feier im kleinen Kreis. Am folgenden Sonntagmorgen sei er dann ziemlich müde gewesen.
„Ich bin so happy, dass ich bei der Geburt noch dabei sein durfte. Ich könnte auf Wolken tanzen ... So katholisch sind wir nicht: Je mehr die Medien von Hochzeit schreiben, desto weniger machen wir es.“
Jan Ullrich, deutsches Radsport-Idol, nachdem Tochter Sarah Maria am 1. Juli 2003 in Freiburg, und so quasi direkt vor der Tour de France per Kaiserschnitt geboren wurde.
Konkrete Fragen zum damaligen Gottesdienst lassen Ochs eine Weile grübeln. Dann macht es jedoch plötzlich Klick. „Auch wenn mal das Leben durchkreuzt wird, man ist nicht alleine unterwegs, sondern im Team. Man stürzt mal, dann muss man wieder aufstehen ...“, das seien so seine Leitgedanken gewesen. Geschickt nahm Ochs mit dem Radfahrer-Bild Bezug zur Lebensrealität von Ullrich sowie seiner Lieben.
Nicht nur die Freundin habe die Taufe gewollt, sondern auch Ullrich – da ist sich Ochs sicher. Ihn habe die Wahl des biblischen Namens Sarah natürlich gefreut, allerdings habe er in persönlichen Dingen nicht ansatzweise Druck machen wollen. Vielleicht auch deshalb wisse er nicht, ob irgendwann Hochzeit ein Thema war.
Etwa anderthalb Jahre nach der Taufe war Ullrich für Ochs verloren. Nachdem sich die Wege des Sportlers und der Mutter seines Kindes 2005 trennten, hatte der Geistliche aus Hamberg keine Möglichkeit mehr, Ullrich zu kontaktieren. Der Kontakt zur Merdinger Winzerfamilie jedoch blieb. Ochs erzählt, Gabys Mutter, die bald danach gestorben sei, habe zu den für ihn erfreulich vielen Menschen gehört, die Verständnis zeigten, als er 2011 sein Priestergewand auszog, um zu heiraten.
So wie bei Ullrich 2006/2007 unter anderen Vorzeichen endete auch die Karriere von Ochs abrupt – nur dass bei ihm kein Absturz folgte. Mit Ehefrau Sandra-Maria, einer Pastoralreferentin, hat Ochs mittlerweile zwei Söhne und ist gespannt, was noch kommt. Seine jüngste Veröffentlichung trägt den Titel „Ich bin im Werden – bis zuletzt“ und gilt gewiss auch für seinen alten Bekannten Jan Ullrich.
Befreiende Offenheit – Schweigen als Bürde
Im Gespräch und in E-Mails verhehlt Thomas Ochs nicht, dass ihn die Zeitreise in Sachen Jan Ullrich aufwühlt. Das hat damit zu tun, dass ihm so wieder vor Augen tritt, wie stark sich sein Leben verändert hat, seit er als hochrangiger Priester Kontakt zum Radsportler hatte.
Für ihn wäre ein Doppelleben nichts gewesen, das ist für Ochs klar. Seine Karriere in der Institution Kirche musste er daher schweren Herzens aufgeben, als er aufgrund seiner Partnerschaft eine Voraussetzung für seinen Beruf nicht mehr erfüllte.
Ullrich dagegen hielt Doping offenbar für die geheime Bedingung einer Karriere auf dem Rad. Später litt er unter der Last jahrelangen Schweigens, leistete er sich lebensgefährliche Alkohol- und Drogenexzesse.
Immerhin sei Ullrich nun offenbar einsichtig, sagt Ochs. Die Fehler an sich seien das eine, schlimmer sei jedoch, dass der nun 50-Jährige durch sein Verhalten Menschen enttäuscht habe.
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Der Goldschmied mit dem Silberkettchen für den Promi-Nachwuchs
Beim Taufgottesdienst für Jan Ullrichs Tochter Sarah Maria am 6. Dezember 2003 war Reinhard Roth als Fremder in der mitten in Merdingen gelegenen katholischen Kirche St. Remigius. Der Goldschmiedemeister aus Neuhausen-Hamberg kam mit Reinhard Ochs, dem Vater von Priester Thomas Ochs – und keineswegs mit leeren Händen.
In seiner Werkstatt hatte er ein Kettchen angefertigt, das zum Taufgeschenk gemacht, einen größeren Wert hat, als die „30,40 Euro“ die man für ein solches Schmuckstück hinlegen müsste. Freudestrahlend erzählte Roth der „Pforzheimer Zeitung“, das Kind habe bei der Übergabe gegen Ende der Zeremonie an jenem Samstagnachmittag nach dem Präsent gegriffen. Nur eine vage Erinnerung daran hat Opa Ernst Weis, der der PZ ansonsten sagte: „Es ist ein halbes Jahr her, dass ich Jan Ullrich zum letzten Mal gesehen habe. Es besteht keine Verbindung mehr.“ Auf den nicht offiziell bekannt gemachten Gottesdienst hatte Priester Ochs den alten Bekannten hingewiesen: Die Sache war ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk besonderer Art, da der inzwischen 76-jährige Roth gerne Prominente trifft. Gemeinsame Bilder hat er zum Beispiel mit Rad-Legende Eddie Merckx, Fußball-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus und Trainer Felix Magath. Ein erstes Erinnerungsfoto mit Rad-Ass Ullrich entstand bei der Deutschland Tour im Mai 2000 in Pforzheim.
Wegen Doping wurde Ullrich sechs Jahre später aus dem Verkehr gezogen. Nachdem er 2007 offiziell abtrat, traf ihn Roth bei einem Benefiz-Rennen in Weil der Stadt – und kam Ullrich noch irgendwie bekannt vor. Alles klar war jedenfalls , als Roth sagte, „ich bin der Goldschmied“. Ein fremder Taufgast, der ein Silberkettchen verschenkt, ist wohl einfach unvergesslich ...
