Wiedereröffnung mit gemischten Gefühlen: Gastronomen reagieren unterschiedlich auf Start am 18. Mai
Pforzheim/Enzkreis. Weniger Plätze wegen des Mindestabstands, Mundschutz für den Service, Einweg-Tischdecken für die Gäste - wegen der Einschränkungen wird Wiedereröffnung für die Gastronomen teuer. Auch wenn die Schließungen für hohe Umsatzverluste sorgten und der Abhol-Service bei vielen die Bilanz retten musste - nicht alle in Pforzheim, dem Enzkreis und dem Kreis Calw sind sich sicher, ob sie am 18. Mai starten wollen.
Keineswegs auf einhellige Begeisterung stößt der Plan der Landesregierung, in einzelnen Schritten die Gastronomie, ab dem 18. Mai, und dann die Hotellerie, ab dem 29. Mai, wieder an den Start gehen zu lassen. „Wir werden zu 99 Prozent nicht aufmachen – das ist der direkte Weg in die Pleite“, sagt beispielsweise der Tiefenbronner Gastronom und Senior-Chef von „Ochsenpost“ und „Bauernstuben“, Theo Jost, der mit Sohn Peter den Laden wuppt. Wenn er wegen der Abstandsgebote nur ein Drittel seiner Fläche bespielen könne, aber dann die vollen Kosten abdecken müsse (Personal, Strom und mehr), lege er drauf. Und das tun auch jetzt schon die Gastronomen. „Das ist eine Katastrophe“, klagt Jost, „80 Prozent von uns werden Pleite gehen.“ Vor sechs Wochen hätten ihn Kollegen wegen seiner Kassandra-Rufe ausgelacht. Heute gäben sie ihm recht. Den bundesweiten Flickenteppich, was die Corona-Verordnungen angeht, bezeichnet Jost als „größte Idiotie“.
Zehn Wochen durchgearbeitet
Auch Gerhard Leiser, Patron des „Goldenen Bocks“ in der Nordstadt, will sich mit seiner Frau Gabriele sehr gut überlegen, ob er zu den nun bekanntgewordenen Zeiten wieder an den Start geht. „Der Theo hat recht“, stimmt er seinem Tiefenbronner Kollegen zu: 40 Plätze hätte er im lauschigen Hinterhof zu normalen Zeiten. Mit der Abstandsregel wäre es gerade mal die Hälfte – „das lohnt sich nicht, da leg’ ich drauf“, sagt Leiser.
“Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut läuft.“
Gerhard Leiser vom "Goldener Bock" in der Nordstadt über seinen Abholservice
Zehn Wochen lang – ohne Ruhetag – haben er und seine Frau nun durchgearbeitet: Der Abholservice hat das Wirtepaar gerettet. Leiser stand in der Küche, schmorte Rinderbäckchen und Kalbshaxen, briet Cordon-Bleus und Rostbraten, schmälzte Zwiebeln, schälte Spargel, seine Frau trug im telefonisch abgestimmten Fünf-Minuten-Takt die Boxen zur einbestellten Kundschaft vor dem Lokal. “Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut läuft“, sagt Leiser. Stammkunden waren darunter – unter anderem Thomas Rudel, Chef von Rutronik – „der hat mir in den Hintern getreten, dass ich das machen soll“, sagt Leiser lachend. Nun wollen er und seine Frau im trauten Heim in der Pfalz mal durchschnaufen und sich in aller Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll.
Das tut man auch in der Metzger- und Gastronom-Familie Britsch in Keltern-Dietlingen: Metzgerei, Wirtschaft („Britschs Löwen“), Gästezimmer, traditionelle Hof-Feste, die Kultstatus genießen. Bei allen Überlegungen müsse man den Kosten-Nutzen-Faktor im Blick haben, gibt Senior-Chef Jürgen Britsch zu bedenken. Das endgültige Sagen haben aber Sohn und Tochter – „die entscheiden“.
Vorfreude mit einer Portion Vorsicht
Und diese wollen sich nicht zu früh freuen. „Wir warten jetzt erst einmal auf die genauen Richtlinien“, erklärt Markus Britsch, der mit seiner Schwester Simone die Gastronomie des Familienbetriebs leitet. Denn am Ende müsse sich die Wiedereröffnung auch lohnen. Normalerweise haben im Außenbereich 100 Personen Platz. „Bei ein bis zwei Metern Abstand in alle Himmelsrichtungen wären es gerade noch 30 Plätze“, rechnet Britsch vor. Ähnlich sähe es im Restaurant mit seinen 80 Plätzen aus, wobei er sich darüber gerade keine Gedanken mache. „Jetzt kommen erstmal die Regeln für die Außengastronomie, in Zeiten wie diesen kann sich täglich alles ändern“, weißt der Unternehmer.
Ganz auf Britschs Köstlichkeiten mussten die Kunden aber auch in den vergangenen Wochen nicht verzichten. „Wir haben Küchenfertiges über die Metzgerei verkauft“, sagt Britsch. Er freut sich, dass es vielleicht bald wieder losgehen kann – auch wenn bei der Vorfreude eine gehörige Portion Vorsicht mitschwingt.
Genau wie bei Mario di Battista. Seit 36 Jahren versorgt er die Pforzheimer in seinem „Da Mario“ an der Hafnergasse mit italienischen Spezialitäten – seit der coronabedingten Zwangspause zum Mitnehmen. „Die Nachfrage ist jeden Tag anders“, sagt der 69-Jährige, der mit seiner Frau den Laden – um Personalkosten zu sparen – alleine schmeißt. Der Öffnung der Terrasse am 18. Mai sieht er mit gemischten Gefühlen entgegen. Von seinen üblicherweise zehn Tischen mit etwa 55 Plätzen wird er dann maximal fünf mit höchstens 20 Stühlen stellen können. Und auch nur, wenn das Wetter stimmt.
"Ja, weil ein bisschen mehr Freiheit ins Leben zurückkehrt und nein, weil die ganzen Auflagen viel Geld kosten werden.“
Gemischte Gefühle bei "Da Mario"-Chef Mario di Battista
Ob er sich darauf freut? „Ja, weil ein bisschen mehr Freiheit ins Leben zurückkehrt und nein, weil die ganzen Auflagen viel Geld kosten werden“, sagt di Battista. Ob sie es sich lohnen wird, wagt der Gastronom zu bezweifeln. „Einige werden Angst haben, zu kommen“, schätzt der Inhaber. Versuchen will er es dennoch, hatte er zuletzt doch Umsatzeinbußen von 60 bis 70 Prozent. Das Restaurant um jeden Preis öffnen, will er aber auch nicht: „Ich arbeite nicht nur, um die Kosten zu decken.“
Licht am Ende des Tunnels
Als „Licht am Ende des Tunnels“ bezeichnet dagegen Sonia Knapp vom „Steinernen Kreuz“ in Wurmberg den geplanten Start. Statt mit bisher 100 Plätzen, hofft sie, am 18. Mai mit noch 60 die Terrasse öffnen zu können. „Die genauen Vorgaben kennen wir ja noch nicht, deshalb orientieren wir uns bei der Planung gerade am Österreicher Modell“, sagt die 35-Jährige, die in den vergangenen Wochen mit ihrem Mann Thomas alleine den Abholservice bestritten hat – der eher schleppend lief. „Ich weiß nicht, ob wir noch viel länger als Mai durchgestanden hätten“, gesteht die Gastronomin, die jetzt aber voller Optimismus in die Zukunft blickt und schon einmal die Terrasse für die ersten Besucher des Jahres fit macht.
