Gemeinden der Region
Pforzheim -  20.04.2026
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

Zahl der Fehlplätze sinkt deutlich: Droht nach der Pforzheimer Kita-Krise die Zeit der Überkapazitäten?

Pforzheim. Jahr für Jahr verschickte die Stadt Pforzheim rund 1200 Absagen und mehr an Kita-Eltern, weil Plätze fehlten. Diese Zahl sinkt seit 2024 drastisch. Noch ist das eine sehr gute Nachricht. Andernorts bereitet die Trendumkehr bereits Kummer. In Pforzheim soll das nicht so kommen.

Jugend- und Sozialamtsleiter Joachim Hülsmann und Kita-Abteilungsleiterin Cornelia Wolff im Gespräch mit PZ-Redakteur Marek Klimanski (von links).
Jugend- und Sozialamtsleiter Joachim Hülsmann und Kita-Abteilungsleiterin Cornelia Wolff im Gespräch mit PZ-Redakteur Marek Klimanski (von links). Foto: Meyer

Fürs große Feiern ist es noch zwei bis vier Jahre zu früh: Nach wie vor fehlen Plätze in Pforzheimer Kitas und Krippen. Rund 350 Absagen an Eltern, deren Kinder keinen Betreuungsplatz bekommen, gehen dieser Tage in den Versand. Aber das sind nur noch knapp die Hälfte der Absagen vom vergangenen Jahr, als rund 800 Eltern leer ausgingen, und schon da war die Zahl der Fehlplätze deutlich gesunken – noch 2024 hatten rund 1200 Kinder nicht aufgenommen werden können, und mindestens in dieser krisenhaften Höhe hatte sich die Zahl der Absagen in den sieben Vorjahren bewegt.

Alle älteren Kinder bedacht

Was sich damit nun auch geändert hat: „Vergangenes Jahr haben alle Kinder im Vorschulalter einen Platz erhalten, dieses Jahr auch alle im vorletzten Jahr vor der Einschulung“, sagt Joachim Hülsmann, Leiter des städtischen Jugend- und Sozialamts, in einem Gespräch zum Thema auf PZ-news-Anfrage. Das sei mit Blick auf Spracherwerb und kulturelle Vermittlung für eine erfolgreiche schulische Laufbahn der Kinder von großer Bedeutung, so Hülsmann, gerade in Pforzheim mit seinem weit überdurchschnittlichen Zuwandereranteil. Die aktuell 350 Absagen summieren sich somit auf 100 bei den unter Dreijährigen und rund 250 bei den Drei- bis Vierjährigen im ersten Kita-Jahr.

Höchststand an Kita-Plätzen

Zwei Ursachen haben zu dieser erfreulichen Entwicklung beigetragen: Erstens hat die Stadt Pforzheim massiv in den Bau und Betrieb – auch durch Förderung der Ausbildung und andere Personalgewinnungsmaßnahmen – neuer, zusätzlicher Kitas investiert. Das hatte Peter Boch in seinem erfolgreichen OB-Wahlkampf 2017 als einen Schwerpunkt ausgerufen und dann auch umgesetzt. Die Zahl der Kita-Plätze stieg somit bis 2025 auf 5520, noch im Jahr 2020 hatte sie bei 4941 gelegen. Was im Ergebnis dazu führt, dass Pforzheim aktuell 1550 freie Plätze anbieten konnte, im Vorjahr demgegenüber nur 1400. Das erklärt also einen Teil des Rückgangs an Absagen. Der andere liegt daran, dass die Zahl der Kinder im Kindergartenalter auch in Pforzheim zu sinken begonnen hat.

Dieser Trend habe in manchen Städten Baden-Württembergs bereits zu Überkapazitäten geführt, sagt Hülsmann. Vereinzelt sind auch Enzkreis-Gemeinden betroffen, bestätigt er. Geradezu dramatisch ist diese Entwicklung in ostdeutschen Bundesländern mit ihrer traditionell sehr gut ausgebauten Kinderbetreuung: In Potsdam etwa werden Kita-Plätze geschliffen, in Thüringen wird über den Abbau von Kita-Personal diskutiert, in Sachsen-Anhalt gibt es gar erste Kündigungen für Erzieher.

„Es ist uns durch stetigen Ausbau, aber auch großflächige Finanzierungsübernahme für Ausbildung und Personalausbau bei den Trägern gelungen, die Zahl der Zusagen zu erhöhen und die Absagen erheblich zu reduzieren.“

Frank Fillbrunn, Sozialbürgermeister

Von all dem ist Pforzheim noch ein gutes Stück entfernt, Joachim Hülsmann spricht beim Blick auf die jüngste Entwicklung und die Prognosen allenfalls von einem künftigen Luxusproblem, gerade angesichts der noch immer vorhandenen Fehlplätze. Er bestätigt aber, dass die zwei Entwicklungslinien der steigenden Kita-Plätze und sinkenden Kinderzahl sich in zwei bis vier Jahren schneiden könnten und es mehr Plätze als Bedarf geben könne – bei allen Unwägbarkeiten, was Geburtenrate und künftige Zuwanderung angehe. Und dann?

Künftig Umnutzung alter Kitas?

„Es gibt rund 80 Kitas in Pforzheim“, sagt der Amtsleiter. Darunter auch baulich veraltete, sanierungsbedürftige – und solche, die sich im Wohnbau-Bereich befinden. Von diesen könnte ein Teil umgenutzt werden. An einen Fachkräfte-Überschuss im Kita-Bereich glauben weder er noch seine zuständige Abteilungsleiterin Cornelia Wolff – die starken Jahrgänge gingen in Rente, weniger komme nach.

Für die nähere Zukunft ist der ganz große mengenmäßige Ausbau der Kitas jedenfalls erst einmal vorbei. Es gelte nun vielmehr, punktuell in den Stadtteilen mit dem größten noch vorhandenen Bedarf auszubauen, vor allem in der Nordstadt. Dort befindet sich etwa die städtische Kita Habsburgerstraße, die derzeit von fünf auf zehn Gruppen ausgebaut wird. Auch die Stadtmission will als Träger neue Angebote schaffen. Und dann gehe es schließlich ums Inhaltliche, Öffnungszeiten, pädagogische Konzepte.

Freude – und Tagespflege-Tipp

Noch im Verlauf des Montags gab es dann auch eine städtische Pressemitteilung zur verbesserten Lage bei den Kita-Plätzen: Sozialbürgermeister Frank Fillbrunn verwies auf die erfolgreichen Aktivitäten der Stadt und erklärte, man bemühe sich auch für alle, die eine Absage erhalten hatten, um eine Lösung. Häufig würden noch Plätze frei, weil andere Eltern sie gar nicht in Anspruch nehmen. Angesichts des noch vorhandenen Mangels kämen zuerst Pforzheimer zum Zuge, erst dann Familien aus dem Umland. Darüber hinaus gebe es weiterhin die Angebote der Kindertagespflege, das vom Kinderschutzbund koordiniert wird.

VG WORT Zählmarke