„Zuerst war ich schockiert": Der doppelte Wiskandt - Vater und Sohn sitzen im neuen Pforzheimer Gemeinderat
Wer tritt hier eigentlich in wessen Fußstapfen? Im Fall von Janis und Jörg Wiskandt muss die Antwort lauten: Jeder in die des anderen. Während der 25-jährige Janis Wiskandt in diesem Monat die Bäckerei seines Vaters als alleiniger Gesellschafter übernommen hat, folgt ihm der 63-jährige Jörg Wiskandt dafür nun in den Gemeinderat. Das eine war von langer Hand geplant und vorbereitet – das andere für alle eine große Überraschung.
„Zuerst war ich schockiert“, räumt Jörg Wiskandt ein, der zudem auch den Sprung in den Hohenwarter Ortschaftsrat geschafft hat. Schließlich hatte er sich lediglich als zweiter Ersatzkandidat auf der Liste der FDP aufstellen lassen. Aus Verbundenheit zu der Partei bei der er seit 40 Jahren Mitglied ist. Aber eben auch in der tiefen Gewissheit, als Ersatzkandidat nicht in die Pflicht genommen zu werden.
Aber es kam anders. Dank eines skurrilen Personalzwists in der FDP. Walter Hilber verlagerte seinen Wohnsitz, um seinen Listenplatz für Dimitrij Walter freizugeben. Doch die Vertrauensleute nominierten statt dem Dauerkandidaten lieber Jörg Wiskandt nach – und 9003 Wählerstimmen verschafften dem 63-Jährigen einen Sitz im neuen Gemeinderat. „Jetzt freue ich mich darauf, dort mit meinem Sohn zu sitzen“, räumt er ein. Der – wohl auch mit Blick auf Innenstadt-Ost – ergänzt: „Es ist schön, dass mein Vater nun auch die nichtöffentlichen Diskussionen mitbekommt und dann einige meiner politischen Entscheidungen besser versteht.“
Schon einmal wäre Jörg Wiskandt fast Stadtrat geworden. Als Walter Witzenmann 1995 aus dem Gemeinderat ausschied und Wiskandt nachrücken sollte. „Aber damals waren Janis und seine Zwillingsschwester gerade erst einige Monate alt“, erinnert sich der Familienvater. Deshalb habe er damals abgelehnt. Mittlerweile ist Janis Wiskandt erwachsen geworden – und gehört bei der diesjährigen Kommunalwahl zu den großen Gewinnern. Uwe Hück (SPD) ist mit über 26 000 Stimmen zwar unangefochtener Spitzenreiter. Doch vom Zweitplatzierten – Parteifreund und Politikprofi – Hans-Ulrich Rülke trennen Janis Wiskandt nur rund 220 Stimmen. Auf 10 000 Stimmen habe er gehofft, verrät der 25-Jährige. Auch als Bestätigung seiner Arbeit. Denn: „Bei meiner ersten Wahl sind viele wahrscheinlich davon ausgegangen, dass sie meinen Vater wählen.“ Diesmal ganz sicher nicht. Dennoch sind es schlussendlich sogar über 19 000 Stimmen für Janis Wiskandt geworden.
Verantwortung übernommen
Es ist aber nicht nur die Stadtpolitik, in der der erst 25-Jährige schon seit Jahren Verantwortung übernimmt – sondern auch im Familienbetrieb: der Bäckerei Wiskandt. Bereits vor zweieinhalb Jahren hat er – wegen einer Erkrankung seines Vaters – die Geschäftsführung übernommen. Seit Juni hat er nun die Firma komplett übernommen und seinen Vater angestellt. Er hat die Firma von einem Einzelunternehmen in eine haftungsbeschränkte GmbH & Co. KG umgewandelt. So sei sie künftig offen für Teilhaber, sollten seine Geschwister oder möglicherweise Kinder später einsteigen wollen. So hat etwa seine jüngere Schwester eine Ausbildung als Konditorin abgeschlossen und sammelt derzeit auf der Insel Fuerteventura Erfahrungen. Sein älterer Bruder arbeitet bereits im Familienbetrieb. „Aber ihm war das Risiko der Selbstständigkeit zu hoch“, erklärt Janis Wiskandt.
Das trifft nun den 25-Jährigen, der zudem plant zu expandieren. Eine weitere Filiale in Kieselbronn soll Anfang September eröffnet werden. In Huchenfeld soll zudem bis 2021 eine große, neue moderne Produktionsstätte entstehen. Inklusive gläserner Produktion, Verwaltungs- und Veranstaltungsräumen sowie einem rund 300 Quadratmeter großen Café. „Die Baugenehmigung liegt vor“, erklärt Janis Wiskandt. Doch derzeit binde die Abwicklung der Geschäftsübernahme noch zu viel Energie und Zeit. Über vier Millionen Euro sollen in Huchenfeld investiert werden.
Macht ihm diese horrende Summe als junger Mann keine Angst? Janis Wiskandt lacht. „Ich habe noch massig Zeit dieses Geld wieder zu erwirtschaften“, erklärt er. Ihm sei es wichtig, unter Top-Bedingungen zu starten und das Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. „Wenn man diesen Schritt nicht geht, verschwindet man vom Markt“, glaubt er. Und was sagt der Vater dazu? Fällt es ihm schwer, die Verantwortung abzugeben? „Mein Vater lässt mich meine eigenen Entscheidungen treffen“, sagt Janis Wiskandt. „Es läuft harmonisch. Wir streiten zwar jeden Tag. Aber um das Beste zu erreichen.“ Wobei das Wort „Streit“ wohl zu hoch gegriffen ist. „Ich habe mich gefreut, dass Janis die Firma übernehmen möchte. Dann weiß ich, dass sie in guten Händen ist“, sagt sein Vater. Er arbeite seit fast zehn Jahren mit seinem Sohn zusammen. Es habe von Anfang an gut harmoniert. „Wir hatten nie Stress. Wir diskutieren zwar. Aber wir haben eine gute Basis.“ Es sei seit er denken kann sein Ziel und sein Traum gewesen in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Bäcker zu werden, erzählt Janis Wiskandt. Schritt für Schritt habe sein Sohn mehr Verantwortung übernommen, erinnert sich sein Vater. Nach seiner Meisterprüfung habe er zunächst die Leitung der Backstube übernommen. „Als er das im Griff hatte, hat er sich den kaufmännischen Teil erarbeitet“, so der stolze Vater.
Und was wünscht er sich nun noch für seinen Sohn? „Die passende Frau“, sagt Jörg Wiskandt und endet in einer kleinen Liebeserklärung an seine eigene. Man brauche eine Frau, die die Selbstständigkeit und deren Konsequenzen verstehe. „Ohne meine Frau Birgit hätte es so nicht funktioniert.“
