Schulsozialarbeiterin in Birkenfeld berichtet: 200 von 450 Schülern kommen mit Problemen zu ihr
Streit mit Freunden, Ärger zu Hause oder Schwierigkeiten in der Schule gehören seit jeher zu den Themen der Schulsozialarbeit. Doch das Spektrum dessen, womit Kinder und Jugendliche heute Hilfe suchen, ist deutlich größer geworden. „Die Themen werden einfach immer komplexer“, hat Schulsozialarbeiterin Julika Plog nun in der jüngsten öffentlichen Sitzung des Birkenfelder Gemeinderats dem Gremium berichtet. Plog betreut die Sekundarstufe der Ludwig-Uhland-Schule (LUS). Im vergangenen Schuljahr kamen rund 200 der insgesamt etwa 450 Schüler zu ihr in die Einzelfallhilfe – damit fast jeder Zweite. Das bedeutet nicht, dass hinter jedem Gespräch eine schwere Krise stand. Doch Plog schilderte eine Entwicklung, die weit über alltägliche Schulkonflikte hinausgeht.
Familiäre Belastungen und Schwierigkeiten im sozialen Miteinander nähmen ebenso Raum ein wie psychische und emotionale Probleme. Hinzu kämen Selbstwertprobleme, Störungen des Essverhaltens, Alkohol oder selbstverletzendes Verhalten bis hin zu Suizidgedanken oder -plänen.
Auffällig sei zudem der Umgang mit digitalen Medien. Bei einzelnen Kindern der Klassen fünf und sechs habe man Nutzungszeiten von bis zu zehn Stunden am Tag festgestellt. Gleichzeitig beobachte sie, dass Respekt, Empathie, Rücksichtnahme, Frustrationstoleranz und Selbstbeherrschung nicht bei allen Kindern selbstverständlich seien. Konflikte entstünden dadurch schneller und würden teilweise heftiger. Eine besondere Schwierigkeit sieht Plog dort, wo professionelle Hilfe benötigt wird, aber nicht schnell zur Verfügung steht. „Schulsozialarbeit kann natürlich keine Therapie ersetzen“, betonte sie. Sie könne Kinder und Jugendliche begleiten und stabilisieren. Aufgrund langer Wartezeiten für Therapieplätze und begrenzter Kapazitäten im psychosozialen Hilfesystem entstehe jedoch eine Lücke: „Und diese Lücke landet irgendwie zwangsläufig in der Schule und damit dann auch bei mir.“
Neben der Einzelfallarbeit setzt die LUS deshalb auf Prävention: Sozialkompetenztraining, Mobbingprävention, Workshops zur Smartphone- und Mediennutzung sowie Angebote zu Sucht- und Konfliktbewältigung gehören dazu. Neu geplant ist eine wöchentliche Social-Media-Sprechstunde.
Die Frage, die sich im Gemeinderat daraus entwickelte, reichte jedoch über die LUS hinaus: Reicht es, erst ab Klasse fünf anzusetzen? Cora Kranz, bei „miteinanderleben“ für Schulsozialarbeit und Kinderbetreuung verantwortlich, sieht eine Entwicklung, die auch andere Kommunen betrifft. Probleme, die früher vor allem an weiterführenden Schulen aufgetreten seien, hätten sich „massiv in Richtung Grundschulen verschoben“, so Kranz. Auch dort gehe es inzwischen um psychische Belastungen und in einzelnen Fällen um suizidale Gedanken. Auch LUS-Schulleiter Bernd Ordnung machte deutlich, dass er Bedarf im Grundschulbereich sieht. Denkbar sei beispielsweise eine volle Stelle, die auf die drei Birkenfelder Grundschulen verteilt werde. CDU-Rat Martin Gnadler äußerte daher schließlich den Wunsch, das Thema im Verwaltungs- und Bildungsausschuss konkreter zu beraten. Bürgermeister Martin Steiner nahm den Auftrag auf – verbunden mit der Finanzierungsfrage. Die Notwendigkeit könne man sehen, sagte er, stellte aber zugleich die Frage: „Wo ist das Land bei solchen Aufgaben?“ Man werde sich damit im Ausschuss nochmals befassen.
Für Plog steht unterdessen fest, dass Schulsozialarbeit längst mehr ist als ein zusätzliches Beratungsangebot. Sie sei zu einem festen Bestandteil des Schulalltags geworden – als Anlaufstelle, Vermittlerin und manchmal auch als Puffer, wenn Hilfe außerhalb der Schule nicht schnell genug erreichbar ist.
