Heimsheim
Enzkreis -  26.03.2020
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Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamts Enzkreis/Pforzheim: „Es hängt von jedem Einzelnen ab“

Sie ist eine der Schlüsselfiguren im Kampf gegen die Corona-Pandemie vor Ort: Dr. Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamts für Pforzheim und den Enzkreis. Mit der PZ sprach sie über die aktuelle Lage und das, was auf die Menschen in der Region zukommen könnte.

Konsequente Desinfektion im Kampf gegen das Coronovirus: Die Leiterin des Gesundheitsamts, Dr. Brigitte Joggerst, sieht jeden einzelnen Bürger in der Verantwortung bei der Eindämmung der Pandemie. Foto: Ketterl
Konsequente Desinfektion im Kampf gegen das Coronovirus: Die Leiterin des Gesundheitsamts, Dr. Brigitte Joggerst, sieht jeden einzelnen Bürger in der Verantwortung bei der Eindämmung der Pandemie. Foto: Ketterl

PZ: War das Gesundheitsamt auf diese Situation vorbereitet?

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Brigitte Joggerst: Darauf war niemand vorbereitet, das hat keiner so kommen sehen. Das hat es in der modernen Zeit noch nicht gegeben. Was wir auf dem Schirm hatten, war eine Influenza-Pandemie. Dafür gibt es Pläne, die aber nur bedingt greifen. Wir müssen improvisieren.

Wir haben einen Corona-Intensivpatienten aus Frankreich am Siloah aufgenommen. Haben wir dafür genug Kapazität?

Wir sind im europäischen Vergleich relativ gut ausgestattet. Die Pandemie-Welle hat ein bestimmtes Muster: Es fängt mit einzelnen Fällen an, die zum Großteil leicht sind. Mit mehr Infizierten wird die ambulante Betreuung intensiver. Es dauert aber bis zu zwei Wochen, bis jemand, der kritisch krank wird, ins Krankenhaus muss. Auch dort dauert es eine Weile, bis Intensivpflicht besteht. Das Elsass ist uns in der Entwicklung bis zu drei Wochen voraus. Dadurch, dass wir diesen Vorlauf haben, können wir abschätzen, wie viele Menschen wir aufnehmen können, bis bei uns der eigene Bedarf an Intensivbetten zu groß wird.

Wie viele Intensivbetten haben wir denn zur Verfügung?

Normalerweise 50. Das ist im Augenblick im Fluss, darum kann ich keine aktuelle Zahl nennen. Aber es sind inzwischen deutlich mehr. Alle Kliniken haben massiv aufgestockt. Normale Betten werden zu Intensivbetten, auch Beatmungsplätze werden geschaffen, weil Operationen ausgesetzt werden.

Was ist das Ziel, um einigermaßen beruhigt sein zu können?

Das können wir schwer sagen. Wir sind etwas früher dran mit den Maßnahmen der sozialen Distanzierung als andere Länder. Ob und wie diese greifen, wissen wir aber noch nicht. Wir fahren auf Sicht, planen von Tag zu Tag, von Woche zu Woche – und hoffen, dass wir nicht so viele Intensivbetten brauchen. Wir versuchen alles zu mobilisieren, was möglich ist. Die Anzahl wird gut steigerbar sein. Schwer wird das bei den Beatmungsbetten.

Müssen wir uns Sorgen machen um die Versorgung vor Ort?

Würde man die Pandemie-Welle ungebremst über uns rollen lassen, müssten wir uns große Sorgen machen. Dann wären wir überfordert. Wir wissen nicht, wie stark wir die Kurve abflachen können. Davon hängt ab, wie gut unsere Kapazitäten ausreichen.

Wie steht es um das medizinische Fachpersonal?

Die Lage in den Kliniken ist noch gut, das Personal nicht überlastet. Alle Eingriffe, die warten können, sind verschoben. Wir müssen aber damit rechnen, dass bei zunehmender Versorgung von Erkrankten auch Personal sich infiziert und wissen nicht, wie viele Ausfälle wir haben werden. Wer die Erkrankung überstanden hat, wird voraussichtlich für Jahre immun sein. Diese Menschen könnten ohne Risiko Patienten behandeln.

In anderen Kreisen ist man auf der Suche nach Immobilien für Notstationen. Hier auch?

Seit längerem. Konkret kann ich aber keine Immobilien nennen. Klar ist: Kliniken, die keine Intensivversorgung anbieten, wie etwa in Öschelbronn, übernehmen Patienten, die keine solche Überwachung benötigen. Auch die Arcus Klinik hat Unterstützung angeboten.

Immer wieder melden sich bei der PZ Menschen, die trotz Symptomen oder Kontakt zu Infizierten nicht getestet werden. Können Sie das erklären?

Die Teststrategie, die vom Robert-Koch-Institut vorgegeben wird, ändert sich im Laufe der Pandemie. Am Anfang sollten wir einzelne Fälle suchen, Menschen, die aus Risikogebieten kamen und deren Kontaktpersonen, Diese Strategie wird jetzt langsam verlassen. Wir müssen inzwischen davon ausgehen, dass es sehr viele Infizierte unter uns gibt. Trotzdem bleibt es dabei: Menschen, die keine Symptome haben, werden nicht getestet, denn die Aussagekraft dieser Tests ist sehr gering. Außerdem hatten wir zu Beginn Kapazitätsprobleme – beim Durchführen der Tests, aber auch bei der Abarbeitung in den Labors.

Wie viele Menschen wurden in Pforzheim und dem Enzkreis bislang getestet?

Wir haben an die 1000 Tests gemacht und sind dabei, die Kapazität auszubauen. Fünf Fieberambulanzen sind im Aufbau, drei werden in wenigen Tagen starten. Seit gestern gibt es das Drive-In-Testzentrum auf dem Buckenberg.

Das gibt es im Kreis Calw schon lange. Hinken wir hinterher?

Wir haben die Testambulanz am Helios Klinikum als eine der ersten in Baden-Württemberg zum Laufen gebracht. Dass ein Drive-In auch für uns nötig ist, haben wir erst Ende letzter Woche gesehen.

Wie sieht es mit dem Vorrat an Schutzausrüstung aus?

Nachschub zu besorgen, ist nicht leicht. Wir hoffen, dass sich das in den nächsten Tagen entspannt. Es gibt noch Reserven, allerdings nicht mehr viele. Wir versuchen sie jetzt an Abstrichstellen und Ambulanzen zu senden.

Ist es bei immer mehr Infizierten noch möglich, Kontaktpersonen ausfindig zu machen?

Nicht alle, es sind zu viele. Wir versuchen es trotzdem weiter. Jede Infektion, die man verhindert, verhindert eine Reihe Weiterer, Wir denken, dass wir mehr als die Hälfte erwischen. Wir werden aber in Zukunft dazu übergehen müssen, dass Infizierte selbst ihre Kontaktpersonen informieren.

Wann wird hier wieder Normalität einkehren?

Es wird sicherlich Monate dauern. Wir können noch schwer überblicken, wann eine Therapie oder ein Impfstoff entwickelt werden. Wenn es soweit ist, können wir mit der sozialen Distanzierung, der Fall- und Kontaktverfolgung etwas nachlassen.

Solange bleiben wir auf Distanz?

Wir glauben, dass es schon anfängt zu wirken. Bis man die Effekte sieht, wird es noch dauern. Aber das ist jetzt ganz, ganz wichtig. Es betrifft alle Menschen – auch die, die nicht zu Risikogruppen gehören. Wenn die medizinische Versorgung zusammenbricht, bricht sie auch für junge Menschen zusammen, die einen Autounfall oder eine Blinddarmentzündung haben. Wir können diese Pandemie nicht verhindern, aber wir können uns Zeit verschaffen. Ob uns das gelingt, hängt von jedem Einzelnen ab.

Autor: bel