Heimsheim
Enzkreis -  13.09.2020
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Stein gewordene Geschichte: Tag des offenen Denkmals weckt im Enzkreis riesiges Interesse

Enzkreis. Durch ein mächtiges Tor geht es den Weg hinauf, zunächst auf Pflastersteinen, dann auf Schotter, immer weiter durch den Schatten spendenden Wald. Am Rand einer Lichtung ragt ein gelber Turm aus den Bäumen hervor. Belvedere-Turm lautet sein Name. Ein Teehäuschen soll er einst gewesen sein, erzählt Jeff Klotz und bietet den Umstehenden an, mit der schmalen Treppe im Inneren auf die erste Plattform hinaufzusteigen und den Blick schweifen zu lassen über die Ländereien in Richtung Bretten.

In der Lienzinger Frauenkirche klärt Jeff Klotz über deren Geschichte, Ausstattung und Bedeutung auf.
In der Lienzinger Frauenkirche klärt Jeff Klotz über deren Geschichte, Ausstattung und Bedeutung auf.

Der Historiker führt beim Tag des offenen Denkmals durch den unter Naturschutz stehenden Park des Bauschlotter Schlosses, erzählt unter anderem von einer Grotte und dem Eremiten, der einst in einem Häuschen gelebt hat. Und er verweist auf die große ökologische Bedeutung des Areals, vor allem für Vögel. Aus diesem Grund ist der Park für die Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich.

Für die rund 25 Teilnehmer macht Jeff Klotz am Tag des offenen Denkmals eine Ausnahme. Alle bleiben auf den Wegen, alle hängen an den Lippen des studierten Historikers, der im Plauderton von der wechselvollen Geschichte des Bauschlotter Schlosses erzählt, das im 16. Jahrhundert von Egloff von Wallstein zunächst als quadratisch angelegtes Wasserschloss errichtet worden war und etliche Male den Besitzer wechselte, bevor es 1726 an die Markgrafen von Baden verkauft wurde, die es einige Zeit als Jagdschloss nutzten.

Es folgten Erweiterungen, unter anderem in Form des Marstalls und des Kavaliershauses. Später wurde ein Neubau anstelle des baufälligen Wasserschlosses errichtet – und zwar von keinem Geringeren als Friedrich Weinbrenner, dem Hofbaumeister, der unter anderem in Italien, Berlin und Wien studiert hatte.

Interesse übersteigt zur Verfügung stehende Plätze deutlich

Klotz informiert über die Architektur der damaligen Zeit, über die Bedeutung Bauschlotts und die Nutzung des Areals im 20. Jahrhundert. Dann setzt sich die Gruppe in den Doppeldecker-Bus, um mit ihm zur nächsten Station am Tag des offenen Denkmals zu fahren. Im Mühlacker Stadtteil Lienzingen stehen unzählige historisch bedeutsame Gebäude. Etwa die einst als Kirchenburg genutzte Peterskirche in der Ortsmitte oder die Frauenkirche am Ortsrand, die als Wallfahrtskirche überregionale Bedeutung hatte.

Auch Fachwerkhäuser gibt es. Bei einigen reiche die Grundfachwerksubstanz bis ins 15. Jahrhundert zurück, sagt Klotz, der zudem auf eine Stelle im Ortskern verweist, an der man „buchartig aufgeklappt“ die Entwicklung des Fachwerks sehen kann. Weitere Stationen am Tag des offenen Denkmals sind die Kirche in Tiefenbronn und die Pankratiuskirche in Niebelsbach – für Klotz „die wohl mit Abstand schönste kleine Kapelle, die wir in der Region haben“.

Für Edith Marqués Berger ist die Aktion ein voller Erfolg: Das Interesse sei enorm gewesen, die Nachfrage habe die rund 25 zur Verfügung stehenden Plätze weit überstiegen, erklärt die Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz und Geschäftsführerin des Energie- und Bauberatungszentrums: „Es stand morgens in der Zeitung, und als ich um neun Uhr im Büro war, war es schon ausgebucht. Um zehn hätten wir nochmal einen Bus voll gehabt.“ Deswegen will man eine zweite Fahrt anbieten.

Netzwerk Fachpartner Denkmalpfelge und Fachwerk will unbürokratisches Wissen bündeln 

Marqués Berger verweist auf das Netzwerk Fachpartner Denkmalpflege und Fachwerk, in dem man versucht, unbürokratisch Wissen zu bündeln und Akteure zusammenzubringen. Man wolle auf diese Weise dazu motivieren, ältere Häuser instandzusetzen und daraus Schmuckstücke zu machen.

Genau das hat Wolfgang Stock in Darmsbach bereits getan, als er den denkmalgeschützten Dreiseithof renovierte. „Dass es im Landkreis so etwas gibt, das ist unglaublich toll“, sagt er über das Netzwerk. Stock ist am Sonntag nicht der einzige Teilnehmer beim Tag des offenen Denkmals.

Auch Stefanie Seemann ist dabei – und sofort begeistert von Klotz‘ Vortragsweise: „Es ist faszinierend, wie verständlich er erklären kann“, sagt die Landtagsabgeordnete der Grünen, die sich mit Denkmalschutz auskennt: Sie habe das Thema eine Zeit lang in der Landtagsfraktion bearbeitet und wohne selbst in einem denkmalgeschützten Haus.

Autor: Nico Roller