Mundharmonika trifft auf große Jazzstimme in Maulbronn: Olivia Trummer sorgt für magische Momente
Maulbronn. Es gibt Stimmen, denen man einfach immer weiter zuhören möchte. Die einen unmittelbar erreichen, ohne sich aufzudrängen. Olivia Trummer besitzt eine solche Stimme. Mal klingt sie beinahe zerbrechlich, dann wieder warm und voll, um sich im nächsten Augenblick in weichen Vokalisen zu verlieren. Wie selbstverständlich findet sie ihren Weg durch harmonisches Gestrüpp. Und am Klavier zeigt sich die zweite, nicht minder faszinierende Seite dieser außergewöhnlichen Musikerin. In der gut besuchten Stadthalle Maulbronn stellt Trummer beim Black Forest Jazz Festival ihr „Songbook“ vor, eine Auswahl eigener Kompositionen aus elf Alben.
Rund 200 Zuhörer erleben ein ungewöhnlich besetztes Quintett: Neben Kontrabassist Makar Novikov und Schlagzeuger Mathias Ruppnig, der für Amir Bresler eingesprungen ist, stehen der Posaunist Johannes Lauer und die israelische Mundharmonikaspielerin Ariel Bart auf der Bühne. Gerade Posaune und chromatische Mundharmonika verleihen der Musik ihren besonderen Reiz. Alle fünf Musiker agieren auf höchstem Niveau, reagieren auf kleinste Veränderungen und lassen einander Raum. Trummer gibt vom Klavier aus die Richtung vor, ohne ihre Mitspieler einzuengen. Oft beginnt ein Stück mit einem unscheinbaren Motiv im Klavier oder Kontrabass, aus dem sich weit gespannte musikalische Bögen entwickeln. Trummers Klavierspiel ist von eleganter Virtuosität, die klassische Ausbildung unverkennbar. Einmal greift sie in den Flügel hinein, dämpft mit den Fingern die Saiten und entlockt dem Instrument dunkle, beinahe archaische Töne. Daraus entwickelt sich ein faszinierendes Wechselspiel mit der Band, ehe sich ihre Stimme darüberlegt.
Besonders eindrucksvoll gerät der Dialog mit Ariel Bart, deren Mundharmonika den Gesang aufgreift und mit eigenen Gedanken beantwortet. Bart erweist sich als eine der großen Entdeckungen des Abends. Ihre Improvisationen haben Witz und Eigenständigkeit. Im intimen „Carossel“, das ohne Schlagzeug und Posaune auskommt, entfaltet sich ein beinahe kammermusikalisches Gespräch. Filigrane Klavierfiguren verbinden sich mit einem Gesang von berückender Zartheit. Trummers Kompositionen bleiben trotz aller harmonischen Raffinesse unmittelbar zugänglich. Ihre Melodien sind eingängig, ohne gefällig zu sein. „Stehaufmännchen“ lebt von aufsteigenden, kreisenden Figuren und einem aufmunternden Grundton.
„Rostock“ weckt maritime Assoziationen, ehe sich das Stück zu einer Ballade entwickelt. „Falling Leaves“ öffnet mit impressionistisch anmutenden Akkordschichtungen eine andere Klangszenerie. Auch rhythmisch hat der Abend einiges zu bieten. In „Eternal Dance“ treiben markante Klavierfiguren und ein beweglicher Kontrabass das Geschehen voran. Schlagzeuger Ruppnig nutzt die Freiräume für ein ausladendes Solo. Bei „Indifference“ fordert Trummer das Publikum zum Mitschnippen auf, und die Zuhörer machen bereitwillig mit.
Jazz, Klassik, Soul und Elemente des Singer-Songwriter-Genres gehen bei Trummer ineinander über. Bei aller kompositorischen Sorgfalt bleibt reichlich Platz für spontane Einfälle. Kaum etwas ist vorhersehbar, und doch bleibt die Musik unmittelbar zugänglich. Die Zuhörer folgen dem Geschehen mit sichtlicher Freude. Im Mittelpunkt steht eine Künstlerin, die am Klavier ebenso viel zu erzählen weiß wie mit ihrer Stimme. Und der man am liebsten noch länger zugehört hätte.
