Mühlacker
Mühlacker -  16.01.2026
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Winterdienst im Verborgenen: Eine Nacht mit der Glättekontrolle in Mühlacker

Mühlacker. Jede Nacht rollt ein Bauhofmitarbeiter durch die Senderstadt und seine Ortsteile, um auf Glätte zu prüfen. PZ-news hat eine Fahrt begleitet.

Auf Glätteerkennung auf Mühlackers Straßen mit der Wetterschau des Bauhofs. Um zwei Uhr nachts fährt kaum ein Auto, es ist fast wie leergefegt.
Auf Glätteerkennung auf Mühlackers Straßen mit der Wetterschau des Bauhofs. Um zwei Uhr nachts fährt kaum ein Auto, es ist fast wie leergefegt. Foto: Rose

Es ist zwei Uhr in Lienzingen. Kein Mond, keine Sterne zu sehen. Nur der Regen, der fein auf die Windschutzscheibe fällt, und der Lichtkegel der Scheinwerfer, der sich Meter für Meter über den Asphalt schiebt. Als Sascha, der nur mit Vornamen benannt werden möchte, den Motor startet, schläft die Stadt. Und mit ihr fast alle, für die er jetzt unterwegs ist. Drei, vier Grad zeigt das Thermometer. Temperaturen, bei denen man aufmerksam bleibt. Denn Glätte hält sich nicht an Zahlen. Während der PZ-Reporter wach geblieben ist, ist Sascha um 19 Uhr ins Bett gegangen. Routine. Wer nachts arbeitet, lebt anders. Um kurz vor zwei Uhr klingelt der Wecker, ein Blick aus dem Fenster, Temperaturcheck. Die erste Glätteerkennungsfahrt. Später noch einmal um fünf, dann um sieben. Vier Männer teilen sich die Wochen, einer fährt immer. Am Donnerstag ist Sascha dran. Über fünf Grad bleibt er normalerweise zu Hause. Alles knapp über dem Gefrierpunkt könne tückisch sein. Wetterberichte schaut er sich am Vortag an, aber verlassen kann man sich darauf nicht. „Aufstehen muss ich sowieso.“

Erfahrener Fahrer

Seit 19 Jahren arbeitet er beim Bauhof in Mühlacker, seit 15 Jahren fährt er nachts zur Glätteerkennung. Er ist 51. Früher, sagt er, habe es häufiger was zu tun gegeben, mehr brenzlige Situationen. „Da gab‘s noch richtige Winter.“ Nächte, in denen man nicht lange überlegen musste. Schnee auf der Straße ist eindeutig. Schwieriger sind die anderen Nächte, in denen die Gefahr auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.

Die Tour beginnt in Lienzingen, an der Kelter. Sascha wohnt im Etterdorf, deshalb startet und endet seine Fahrt hier. Jeder Fahrer beginnt dort, wo er zu Hause ist oder wo es sich am besten anbietet. Ein Scanner liegt bereit. Jede Strecke, jede Fahrt ist dokumentiert. Im Radio läuft Radio Bob. Alte Rock- und Metal-Songs. Keine Nachrichten, kein Reden. Sascha genießt die Ruhe.

„Man gewöhnt sich dran“, sagt er.

Von Lienzingen aus klappert er nach und nach die Kernstadt und die restlichen Stadtteile ab: Enzberg, Lomersheim, Großglattbach, Mühlhausen, Mühlacker und zurück zum Startpunkt – in dieser Reihenfolge. Im Höhenstadtteil „Glabbich“ sei es oft ein bis zwei Grad kälter als in Mühlacker, sagt Sascha. Deshalb geht er immer auf Nummer sicher, steigt ins Auto und macht seine Tour. Eine Stunde dauert die normalerweise, am Donnerstag werden es eineinhalb.

Es ist extrem dunkel. Außerhalb der Ortschaften ist es stockfinster. Innerorts spenden die Straßenlaternen etwas Licht. Kaum ein Auto ist unterwegs, die Straßen sind leergefegt, die Bürgersteige hochgeklappt. In der Bahnhofstraße stehen drei Männer vor einer Spielhalle und rauchen. Das sind die einzigen Menschen, die in dieser Nacht zu sehen sind.

Sascha kennt seine Stellen. Die Bahnhof-Brücke in der Kernstadt – dort werde es schnell glatt, auch die Schillerstraße. Die Straße beim Häckselplatz in Enzberg. Schattige Bereiche, die die Kälte länger halten. Fußgängerbrücken, manche streut er grundsätzlich von Hand.Wenn es strittig wird, steigt Sascha aus. Er schaut, macht einen Bremsversuch. „Das sind Erfahrungswerte.“ Am liebsten ist es ihm, wenn draußen schon Schnee liegt. Dann ist alles klar. Schwieriger sind Nächte, in denen man sich nicht sicher ist. „Dann probiert man es lieber mal.“

Keine Glätte, nur Regen

Am Donnerstag gibt es keine Glätte. Genau die Nacht erwischt, in der es nicht Richtung null Grad geht. Trotzdem ist Sascha unterwegs. Er fährt alle brenzligen Stellen an. Wenn er feststellt, dass es glatt ist, alarmiert er übers Handy, sagt, wo gestreut werden muss. Ist von vornherein klar, dass es kritisch wird, fährt er direkt in den Bauhof und ruft alle raus. An der Fußgängerbrücke über den Erlenbach beim Seniorenzentrum St. Franziskus steigt er kurz aus und streut sicherheitshalber. Ein Handgriff, ein kurzer Moment. Danach wieder ins Auto, weiter durch die Nacht.

Natürlich würde er lieber schlafen, sagt Sascha. Aber es macht ihm auch Spaß. „Man hat ein gutes Gefühl.“ Das Gefühl, dass Menschen morgens zur Arbeit fahren können, ohne sich Gedanken über Glatteis zu machen. Dass sie heil ankommen, ohne zu wissen, warum.

Viele hätten diese Arbeit nicht auf dem Schirm. Man sehe den Winterdienst, wenn die Streufahrzeuge draußen sind. Aber nicht die Nächte davor. Nicht die Entscheidungen um zwei Uhr morgens, wenn es regnet oder schneit, dunkel ist und niemand zuschaut. Um 3.30 Uhr ist die Fahrt vorbei. Sascha fährt nach Hause. Der PZ-Reporter auch. Während die Stadt langsam dem Morgen entgegengeht, liegen die meisten noch im Bett. Und ahnen nicht, dass jemand in dieser Nacht durch alle Stadtteile gefahren ist – nur um festzustellen, dass nichts zu tun war. Manchmal ist auch das die wichtigste Erkenntnis.